Persönlichkeitsmerkmale als störende Belastung (Seite 11/16)

Narzissmus

Cluster B: dramatisches, emotionales, launenhaftes Verhalten

Umgangssprachlich versteht man unter einem „Narzissten“ einen Menschen, der ausgeprägten Egoismus, Arroganz und Selbstsüchtigkeit an den Tag legt und sich anderen gegenüber rücksichtslos verhält.

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist dagegen eine tiefgreifende Störung der Persönlichkeit, bei der ein mangelndes Selbstwertgefühl und eine starke Empfindlichkeit gegenüber Kritik bestehen. Diese Merkmale wechseln sich mit  einer auffälligen Selbstbewunderung und übersteigerten Eitelkeit und einem übertriebenen Selbstbewusstsein nach außen hin ab. Letzteres dient den Betroffenen dazu, ihr geringes Selbstwertgefühl zu kompensieren. Darüber hinaus können sie sich schlecht in andere Menschen einfühlen.

Die Betroffenen neigen dazu, sich nach außen hin als großartig zu präsentieren. Sie betonen zum Beispiel ihre beruflichen Leistungen, treten sehr statusbewusst auf oder haben eine Neigung zu exklusiven Aktivitäten. Oft überschätzen sie dabei ihre eigenen Fähigkeiten oder stellen sie besser dar, als sie es in Wirklichkeit sind. Außerdem neigen sie dazu, zu lügen – mit dem Ziel, Zuwendung und Anerkennung zu bekommen oder aber ihren eigenen Willen durchzusetzen. Wegen ihres geringen Einfühlungsvermögens verhalten sie sich anderen gegenüber oft so, wie sie selbst nicht behandelt werden möchten: Sie beuten andere aus oder zerstören aus Neid deren Leistungen.

Michael war überzeugt, ein besonderer Mensch zu sein: Er hielt sich für intelligent und gut aussehend und für jemanden, der beruflich herausragende Leistungen erzielte, einen großen Freundes- und Bekanntenkreis hatte und stets eine intensive Beziehung mit einer attraktiven Frau hatte. Schon als Kind und Jugendlicher hatte er geglaubt, dass ihm eigentlich mehr zustand als er bekam.

Auf einen Stellenangebot als Herausgeber einer Zeitung bewarb er sich mit den Worten: „Ich bin außerordentlich begabt. Ich bin sicher, dass ich in dieser Position Großes leisten werde und in Kürze einen neuen Standard in dieser Region schaffen werde.“ In seinem neuen Job brachte er zwar gute Leistungen – allerdings nicht so herausragende, wie er selbst glaubte. Außerdem war er nach kurzer Zeit bei seinen Kollegen und Mitarbeitern extrem unbeliebt. Sie hielten ihn für arrogant, eingebildet und egozentrisch. Er gab oft mit grandiosen Plänen an, manipulierte andere, hatte cholerische Gefühlsausbrüche und weigerte sich, Verantwortung zu übernehmen, wenn etwas schief gelaufen war. Wenn jemand ihn nur leicht kritisierte, wurde er wütend und war überzeugt, dass die anderen nur neidisch auf ihn seien.

Auf den ersten Blick war Michael zwar charmant und gesellschaftlich erfolgreich. Seinen Charme setzte er aber nur ein, um aus anderen Menschen Nutzen zu ziehen. Auch seine Beziehungen waren oberflächlich: Er hatte von seinen Partnerinnen oft nach kurzer Zeit genug, behandelte sie dann abweisend und machte ziemlich gefühllos Schluss. Er selbst war über die Trennungen nicht traurig – und auch andere Menschen bedeuteten ihm nichts, außer, wenn sie für seine Ziele nützlich waren. (nach Comer, 2008)

Übergänge zur Normalität – narzisstischer Persönlichkeitsstil (nach Kuhl & Kazén)

Menschen mit einem narzisstischen Persönlichkeitsstil – der einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ähnelt, aber weniger stark ausgeprägt ist – legen Wert auf das Besondere. Sie sind zum Beispiel besonders leistungsorientiert, bevorzugen ausgefallene Kleidung und zeigen eine statusbewusstes Auftreten. Sie sind oft ehrgeizig und haben eine hohe Anspruchshaltung. Dies kann aber auch dazu führen, dass sie schnell gekränkt oder neidisch auf andere sind.

Wie häufig kommt eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vor? Welche anderen Erkrankungen treten häufig gleichzeitig auf?

Vermutlich ist weniger als ein Prozent der Bevölkerung von der Störung betroffen. Dabei sind  75 Prozent Männer und 25 Prozent Frauen. Die Störung wird häufig zusammen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung beobachtet.

Welche Symptome sind typisch für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Die Betroffenen haben nach DSM eine übertriebene Vorstellung davon, wie wichtig sie selbst sind. Sie fordern und erwarten, ständig von anderen bewundert und gelobt zu werden. Gleichzeitig können sie nur in eingeschränktem Umfang die Perspektiven anderer Menschen einnehmen. Die Störung beginnt in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter. Es müssen mindestens fünf der folgenden Kriterien erfüllt sein:

  1. Die Betroffenen haben ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit. Sie übertreiben zum Beispiel ihre Leistungen und Talente oder erwarten ohne entsprechende Leistungen, von anderen als überlegen anerkannt zu werden.
  2. Sie sind stark von Phantasien über grenzenlosen Erfolg, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe eingenommen.
  3. Sie glauben von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein. Deshalb sind sie überzeugt, nur von anderen „besonderen“ oder hochgestellten Menschen verstanden zu werden oder nur mit diesen Kontakt pflegen zu müssen.
  4. Sie benötigen exzessive Bewunderung.
  5. Sie legen ein hohes Anspruchsdenken an den Tag. Das bedeutet, dass sie die übertriebene Erwartung haben, dass automatisch auf die Erwartungen eingegangen wird oder dass sie besonders günstig behandelt werden.
  6. Sie verhalten sich in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, das heißt, sie nutzen andere aus, um ihre eigenen Ziele zu erreichen.
  7. Sie zeigen einen Mangel an Einfühlungsvermögen, das heißt, sie sind nicht bereit, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen, zu akzeptieren oder sich in sie hineinzuversetzen.
  8. Sie sind häufig neidisch auf andere oder glauben, andere seien neidisch auf sie.
  9. Sie zeigen arrogante, hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten.

Im Gegensatz zum DSM wird die narzisstische Persönlichkeitsstörung in der ICD-10 nur bei den „sonstigen spezifischen Persönlichkeitsstörungen“ aufgeführt, dort aber nicht näher beschrieben.

Was sind mögliche Ursachen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung?

Auch bei dieser Störung geht man von einem Zusammenwirken von biologischen, psychischen und umweltbezogenen Faktoren aus. Es wird vermutet, dass genetische Faktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen. Außerdem kann die Störung dadurch begünstigt werden, dass die Eltern ihrem Kind wenig Anerkennung entgegenbringen, wenig einfühlsam sind und es möglicherweise auch überfordern. Um dennoch Anerkennung zu bekommen, entwickeln die Betroffenen dann ein Verhalten, bei dem sie ständige die eigenen Fähigkeiten betonen und sich nach außen hin besonders gut darstellen.

Die psychoanalytische Theorie geht davon aus, dass Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung in ihrer Kindheit von den Eltern zu wenig Liebe und Anerkennung bekommen haben. Es könnte aber auch sein, dass die Eltern ihr Kind und dessen Wünsche in den Mittelpunkt gestellt haben und es übermäßig für seine Talente bewundert haben. Dadurch schwanken die Betroffen ständig zwischen einem übertrieben positiven Selbstbild und der Angst, den Ansprüchen der anderen nicht zu genügen, hin und her. Sie sind überzeugt, nur dann geliebt zu werden, wenn sie viel dafür tun und ständig ihre Talente und Besonderheiten zeigen, und brauchen ständig Bestätigung von anderen. Die ständigen Neidgefühle und das fehlende Einfühlungsvermögen lassen sich aus Sicht der Psychoanalyse dadurch erklären, dass die Betroffenen eine unbewusste Wut auf andere haben. Ihre Neigung, andere auszunutzen und zu manipulieren, führt außerdem dazu, dass sie keine befriedigenden zwischenmenschlichen Beziehungen entwickeln können.

Die kognitive Verhaltenstherapie geht davon aus, dass die Betroffenen in ihren ersten Lebensjahren zu positiv behandelt wurden – sie wurden zum Beispiel von ihren Eltern abgöttisch geliebt, bewundert oder idealisiert. Dadurch entwickeln sie das Selbstbild, etwas Besonderes zu sein und überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten.

Behandlung von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen

Psychotherapeutische Ansätze

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung wird in erster Linie mit Psychotherapie behandelt. Allerdings kommen die Betroffenen nur selten von sich aus in eine Therapie. Gründe für die Therapie sind meist andere psychische Störungen, vor allem Depressionen.

Mögliche Probleme in der Psychotherapie und Lösungsansätze

Weil die Betroffenen sich selbst als etwas Besonders ansehen und dieses Bild ungern in Frage stellen wollen, gilt die Störung als relativ schwer zu behandeln. In der Therapie ist es deshalb hilfreich, diese Sichtweise als eine Art Selbstschutz zu verstehen, die den Patienten zumindest vordergründig Selbstwertgefühl gibt und sie vor psychischen Krisen schützt.

Ein weiteres Problem in der Therapie ist oft, dass die Betroffenen glauben, Anspruch auf eine ganz besondere Behandlung zu haben. Außerdem neigen sie dazu, den Therapeuten einerseits zu bewundern und zu idealisieren, dann aber auch wieder mit Neidgefühlen oder Abwertung zu reagieren. Charakteristisch ist auch, dass sie versuchen, den Therapeuten zu einem bestimmten Verhalten zu manipulieren. Wichtig ist deshalb, die zentralen persönlichen Bedürfnisse der Patienten zu erkennen und auf sie einzugehen – aber auch klare Regeln aufzustellen und Grenzen zu setzen.

Psychoanalytische und tiefenpsychologisch-fundierte Therapie

Im Rahmen der psychoanalytischen Therapie wurden unterschiedliche Ansätze zur Behandlung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung entwickelt. Die übertragungsfokussierte Psychotherapie nach Otto Kernberg und John Clarkin geht davon aus, dass in der Therapie mit Deutungen gearbeitet werden sollte und man die Patienten damit konfrontieren sollte, dass ihre Selbstüberschätzung ein Abwehrmechanismus gegen Wut, Aggression und Neidgefühle ist. In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass dieses Vorgehen häufig zu vorzeitigen Therapieabbrüchen führt.

Auch andere Psychoanalytiker wie Heinz Kohut schätzen ein konfrontatives Vorgehen als wenig sinnvoll ein, weil es nur zu Abwehrreaktionen des Patienten führe. Stattdessen sehen Kohut und seine Nachfolger ein unterstützendes, einfühlsames und fürsorgliches Vorgehen als deutlich geeigneter an. Sie betonen, dass der Therapeut die Betroffenen auch dann respektvoll und einfühlsam behandeln sollte, wenn sie ihn entweder extrem idealisieren oder abwerten. Auf diese Weise kann der Patient die Erfahrung machen, dass er als Person akzeptiert und wertgeschätzt wird, und allmählich ein positiveres Selbstbild entwickeln, bei dem er nicht ständig auf die Bewunderung anderer angewiesen ist.

Kognitive Verhaltenstherapie

Auch hier ist der Aufbau einer tragfähigen, wertschätzenden therapeutischen Beziehung ein wesentliches Element der Therapie. Dabei sollen die Eigenheiten des Patienten nicht moralisch gewertet werden. Stattdessen wird auf ganz konkrete Erfahrungen und Probleme eingegangen. An ihnen können charakteristische Schwierigkeiten des Patienten in Beziehungen herausgearbeitet und allmählich verändert werden.

Außerdem wird versucht, ungünstige Denkmuster zu verändern – zum Beispiel die Vorstellung, ständig gut sein zu müssen, um von anderen akzeptiert und wertgeschätzt zu werden. Die Patienten können lernen, ihr Selbstwertgefühl nicht mehr so stark an der Meinung anderer Menschen zu orientieren und besser mit Kritik umzugehen. Das Schwarz-Weiß-Denken der Patienten (also die Neigung, sich selbst oder andere zeitweise als grandios, dann aber wieder als wertlos anzusehen) wird hinterfragt und allmählich durch eine stärker abgestufte Sichtweise ersetzt.

Damit die Betroffenen mehr Einfühlungsvermögen entwickeln, können Rollenspiele mit Videofeedback eingesetzt werden. Hier können sie die Erfahrung machen, wie ihre eigenes Verhalten auf andere wirkt, und es anschließend entsprechend verändern.

Therapie mit Psychopharmaka

In der Regel werden Psychopharmaka bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung nicht als hilfreich angesehen. Sie werden vor allem dann eingesetzt, wenn gleichzeitig andere psychische Störungen vorliegen, zum Beispiel eine Depression.

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