Dissoziative Störungen

Wenn zusammenhängende psychische Fähigkeiten auseinanderfallen

07.03.2017Von Dr. Christine Amrhein

  • Dissoziationen können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein: Von leichten Symptomen, die fast jeder schon einmal erlebt hat, bis hin zu schwer ausgeprägten Störungen.
  • Dissoziationen treten oft nach traumatischen Erfahrungen oder starken psychischen Belastungen auf. Es wird angenommen, dass sie ein Schutzmechanismus sind, um die Psyche vor unerträglichen Belastungen zu schützen.
  • Es werden eine Reihe unterschiedlicher Störungsbilder unterschieden. Die häufigsten bzw. bekanntesten sind die dissoziative Amnesie, die dissoziative Fugue, das Depersonalisations- und Derealisationssyndrom und die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung).
  • Dissoziative Störungen werden häufig nicht erkannt, oder die Symptome werden mit anderen Erkrankungen verwechselt. Deshalb ist eine sorgfältige Diagnostik sehr wichtig.
  • Behandelt werden dissoziative Störungen in der Regel mit einer Psychotherapie, die sich an der Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung (Traumatherapie) orientiert. Ergänzend können Psychopharmaka und weitere Verfahren wie Bewegungstherapie oder Paar- und Familientherapie eingesetzt werden.

Fast jeder hat schon einmal dissoziative Symptome erlebt: Etwa das Gefühl, „weggetreten zu sein“ oder „neben sich zu stehen“. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn man etwas routinemäßig macht (zum Beispiel Autofahren) oder sich stark auf eine Sache konzentriert. Im normalen Leben empfinden Menschen ihre Gedanken, Gefühle, Sinneseindrücke, Erinnerungen und Handlungen als zusammengehörig und als Teil ihrer Person – doch bei einer Dissoziation sind diese wie „voneinander abgetrennt“. Dissoziationen können sehr unterschiedliche Formen annehmen und in ihrer Intensität und Zeitdauer deutlich variieren.

Stärkere dissoziative Symptome können auftreten, wenn jemand eine extreme psychische Belastung erlebt – zum Beispiel einen Autounfall oder einen gewalttätigen Übergriff. Dann kommt es oft vor, dass der Betroffene die Geschehnisse als „unwirklich, wie im Traum“ erlebt oder sich später nicht mehr an alle Details erinnern kann. Meist halten die Symptome aber nur über einen kurzen Zeitraum an. Von einer dissoziativen Störung spricht man erst, wenn die Symptome sehr häufig und/oder über eine längere Zeit auftreten und zu deutlichem Leiden und Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen führen.

Was versteht man unter einer dissoziativen Störung?

Bei einer dissoziativen Störung kommt es zu einem teilweisen oder vollständigen „Auseinanderfallen“ (Desintegration) von normalerweise zusammenhängenden psychischen Fähigkeiten. Das können die Sinneswahrnehmung, das Gedächtnis, das Bewusstsein, die eigene Identität oder die Kontrolle über die Körperbewegungen sein. Typische Symptome sind zum Beispiel, dass jemandem die Erinnerung an bestimmte Zeitabschnitte fehlt, dass Berührungen nicht mehr wahrgenommen werden, dass die Körperbewegungen gestört sind oder dass jemand eine Zeit lang seine Identität verliert.

Meist beginnt die Störung in Zusammenhang mit einem traumatischen oder stark belastenden Ereignis, einem unlösbaren Konflikt oder ausgeprägten zwischenmenschlichen Problemen. Ein wesentliches Merkmal aller dissoziativen Störungen ist, dass sich keine organische Ursache für die Symptome nachweisen lässt. Stattdessen wird angenommen, dass die Symptome durch psychische Faktoren – meist eine extreme psychische Belastung – zustande kommen.

Charakteristisch ist auch, dass die Symptome im Lauf der Zeit unterschiedlich stark sein können und sich unterschiedliche Symptome (zum Beispiel Gedächtnisverlust, Empfindungsstörungen) miteinander abwechseln können. Gleichzeitig werden die Symptome oft durch belastende Situationen verstärkt.
Teilweise tritt bei dissoziativen Störungen auch selbstschädigendes Verhalten auf. So fügen sich manche Patienten Schnitt- oder Brandwunden zu, um sich aus dem dissoziativen Zustand in die Realität zurückzuholen.

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