Herbstdepression - Winterdepression

14.11.2007Von Fritz Propach

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,

Drängt die Welt nach innen.

Ohne Not geht niemand aus,

Alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,

Stiller die Gebärde.

Heimlich, wie auf Meeresgrund

Träumen Mensch und Erde.

aus: Christian Morgenstern: Novembertag

Nasskaltes, nebeliges Novemberwetter, trübe Tage, lange Nächte: Oft fällt es nun schwer, morgens aus dem Bett zu kommen. Morgens macht man sich in der Dämmerung auf den Weg zur Arbeit, verbringt den ganzen Tag im Büro, um abends bei Dunkelheit wieder nach Hause zu fahren. Viele Menschen fühlen sich im Herbst und Winter schlapp, energie- und antriebslos. Man möchte sich mit Tee und Schokolade vor den Fernseher setzen oder einfach dem wachsenden Schlafbedürfnis nachgeben. Düstere Gedanken und gedrückte Stimmung machen sich breit, vergehen aber meist auch wieder von selbst. Bei manchen Menschen halten sich solche Stimmungstiefs jedoch bis ins Frühjahr: Sie leiden an einer speziellen Form von Depression, der Herbst- bzw. Winterdepression.

Was sind Winterdepressionen und wer leidet darunter?

Es gibt zahlreiche Formen von Depressionsstörungen. Eine Art sind die so genannten Herbst- oder Winterdepressionen oder auch "Winter Blues". In der Fachsprache wird dieses Phänomen als „saisonal abhängige Depression“ (SAD, engl. „Seasonal affective Disorder“) oder Lichtmangel-Depression bezeichnet. Obwohl Ärzte bereits in der Antike einen Zusammenhang zwischen Licht und Gemütslage festgestellt und Licht als Therapie empfohlen haben, sind Winterdepressionen erst seit etwa 20 Jahren als Krankheitsbild anerkannt und werden erst seither wissenschaftlich erforscht.

Etwa neun Prozent der deutschen Bevölkerung leiden an Winterdepressionen. Dabei sind dreimal mehr Frauen als Männer von dieser Krankheit betroffen. Winterdepressionen treten bei den Betroffenen meist um das 30. Lebensjahr auf. Statistisch gesehen scheinen jahreszeitliche Stimmungsbelastungen nicht zuletzt Jüngere, insbesondere aber das mittlere Lebensalter zu beeinträchtigen. Im hohen Alter werden Winterdepressionen wiederum seltener. Im Durchschnitt wird die Krankheit jedoch erst zehn Jahre nach dem ersten Auftreten als solche erkannt. Dies zeigt, dass auf Seite von Ärzten sowie Psychologen noch großer Aufklärungsbedarf besteht, zumal Winterdepressionen sehr gut behandelbar sind.

Je nachdem wie viele Stunden pro Tag es im Winter an einem Ort dunkel ist, lassen sich regionale Unterschiede feststellen. So sind Winterdepressionen in südlichen Ländern am Mittelmeer kaum bekannt und in Skandinavien häufiger als in Deutschland. Die genauen Ursachen oder biologischen Abläufe der Winterdepression sind noch nicht endgültig erforscht. Allerdings ist ein Zusammenhang zwischen Lichtmangel in der „dunklen Jahreszeit“ und depressiven Stimmungen inzwischen wissenschaftlich unbestritten. Darüber, inwieweit aber mangelnde Bewegung im Herbst und Winter eine Rolle spielen und ob und wie Bewegung in die Therapie einbezogen werden sollte, ist man sich jedoch noch nicht einig. Auch genetische Einflüsse werden untersucht, sind aber noch nicht als wesentlicher Faktor identifiziert worden.

Was sind die Symptome der Winterdepression?

Die meisten Menschen kennen es von sich selbst, dass ihre Stimmungen vom täglichen Wetter oder den einzelnen Jahreszeiten abhängig sind. Daher muss man zunächst festlegen, ab wann tatsächlich von einer Herbst- oder Winterdepression gesprochen werden kann. Eine US-amerikanische Studie erbrachte, dass lediglich 7,6% der Befragten angaben, keinen saisonalen Schwankungen zu unterliegen. Die meisten der verbliebenen 92% haben zum Glück jedoch keine echten Depressionen, denn der Schweregrad der Stimmungsschwankungen ist entscheidend. Bei etwa 3% der Bevölkerung liegt eine „echte“ saisonal abhängige Depression vor, die die Kriterien einer depressiven Episode erfüllt, jedoch in einem klaren saisonalen Muster wiederkehrt (siehe hierzu die Kriterien des ICD-10). Bei der Mehrheit der Betroffenen ist die Ausprägung geringer, aber dennoch eindeutig vorhanden. Dabei spricht man dann von „Subsyndromaler saisonal abhängiger Depression“, d. h. die Kriterien für die Diagnose einer „normalen“ Depression sind nicht erfüllt.

Hauptkriterien für die Diagnose einer Depression sind:

  • Depressive, gedrückte Stimmung an (fast) allen Tagen
  • Stark verringertes Interesse an fast allen Aktivitäten und keine Freude daran
  • Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust
  • Schlafstörungen
  • Schuldgefühle und Gedanken über die eigene Wertlosigkeit

Zur Diagnose von Winterdepressionen muss der Beginn des Stimmungstiefs im Herbst/Winter liegen und die Symptome müssen im Frühjahr/Sommer vollständig wieder verschwunden sein.

Typisch für Winterdepressionen sind zudem so genannte „atypische“ depressive Symptome:

  • Vermehrtes Schlafbedürfnis (im Gegensatz zu verringertem Nachtschlaf bei „normalen“ Depressionen)
  • Gesteigerter Appetit, insbesondere auf Kohlehydrate wie Nudeln, Süßigkeiten und Cerealien

Hinzu kommen außerdem noch:

  • verringerter Antrieb
  • Tagesmüdigkeit
  • Sozialer Rückzug
  • Geringere Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz

Für die meisten Betroffenen sind November und Dezember die schwierigste Zeit. Trotz dieser Symptome fühlen sich die Betroffenen der leichteren Variante, der Subsyndromalen Winterdepressionen, nicht krank und suchen sich in der Regel nie oder erst nach Jahren Hilfe.

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