Diagnose Zwangsstörung

Wenn die Neigung, Dinge zu kontrollieren oder der Hang zur Sauberkeit überhand nehmen

11.11.2011Von Dr. Christine Amrhein

Fast jeder kennt diese Schrecksekunde: Habe ich das Auto auch wirklich abgeschlossen? Ist der Herd wirklich ausgeschaltet? Manche sind deshalb auch schon mehrmals zurückgelaufen, um nachzusehen, ob wirklich alles in Ordnung ist. Andere haben sich bei ihrem Partner rückversichert: „Hast Du gesehen, ob ich auch wirklich abgeschlossen habe?“ Und wer hat nicht schon einmal ein wichtiges Dokument mehrmals gelesen, um sicherzugehen, dass sich kein Fehler eingeschlichen hat.

Manchen Menschen ist es auch besonders wichtig, dass die Wohnung immer blitzsauber ist oder dass alles eine bestimmte Ordnung hat. Wieder anderen fällt es schwer, liebgewonnene Dinge wegzuwerfen – selbst dann, wenn sie kaputt und nicht mehr zu gebrauchen sind.

Was ist noch "normal?
Und was nicht?

Solche Verhaltensweisen haben zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem, was man als „Kontrollzwang“, „Waschzwang“, „Ordnungszwang“ oder „Sammelzwang“ bezeichnet. Allerdings ist ein solches Verhalten bis zu einem gewissen Grad völlig normal und häufig sogar sinnvoll. Ehe das eigene Auto gestohlen wird, ist es besser, zwei Mal nachzusehen, ob alles gut verschlossen ist. Und wenn alles ein bestimmtes System hat, findet man Dinge eben leichter wieder.

Problematisch wird es jedoch dann, wenn die Neigung, Dinge zu kontrollieren oder der Hang zur Sauberkeit überhand nehmen. Dann können sie den Alltag beeinträchtigen oder sogar vollständig beherrschen und bei den Betroffenen beträchtliches Leiden auslösen. In solchen Fällen spricht man von einer Zwangsstörung oder Zwangserkrankung: Die Betroffenen leiden unter Gedanken, die sich ungewollt aufdrängen, begleitet von der Angst, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Sie verspüren den unwiderstehlichen Drang, bestimmte Dinge zu tun, mit denen sie den negativen Gedanken und der Angst scheinbar entgegenwirken können. Die Handlungen werden häufig immer wieder in der gleichen Form wiederholt, was kurzfristig zu einem Nachlassen der inneren Anspannung führt. Außenstehenden erscheint dieses Verhalten – zum Beispiel stundenlanges Waschen oder wiederholtes Kontrollieren der ganzen Wohnung – oft unverständlich und bizarr. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine klar umschriebene psychische Erkrankung, für die es bestimmte Ursachen gibt und die sich mit geeigneten Methoden auch behandeln lässt.

Wenn Sie selbst unter ähnlichen wie den beschriebenen Symptomen leiden, sollten Sie den Mut haben, sich an einen Arzt oder Psychotherapeuten zu wenden. Dieser kann die Symptomatik genauer untersuchen und Ihnen weitere Maßnahmen empfehlen.

Wann spricht man von Zwang?

Ein charakteristisches Merkmal der Zwangsstörung sind quälende Gedanken, Impulse und Handlungen, die immer wieder in ähnlicher Weise auftreten, ohne dass sich der Betroffene dagegen wehren kann. Um die Diagnose einer Zwangsstörung zu stellen, müssen diese Symptome sehr belastend und so ausgeprägt sein, dass sie die normalen alltäglichen Aktivitäten deutlich beeinträchtigen.

Bei der Diagnostik wird zwischen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen unterschieden. Bei 70 bis 90 Prozent der Betroffenen treten jedoch beide Symptome gemeinsam auf. Weiterhin wird zwischen verschiedenen Arten von Zwängen wie Kontroll-, Wasch- oder Ordnungszwang unterschieden. Auch diese verschiedenen Arten von Zwängen können gemeinsam auftreten.

Typisch für die Zwangsstörung ist, dass die Symptome als eigene Gedanken oder Impulse erlebt werden. Dies unterscheidet die Zwangsstörung von Krankheitsbildern wie der Schizophrenie, bei der Gedanken, Impulse oder Handlungen oft als „von außen eingegeben“ erlebt werden.

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