Volkskrankheit Depression

Die häufigste psychische Erkrankung überhaupt

18.03.2010Von Dr. Christine Amrhein

Tiefe Niedergeschlagenheit, die Unfähigkeit, sich zu alltäglichen Dingen aufzuraffen, eine düstere, pessimistische Sicht der Zukunft, ein tiefgreifendes Gefühl der Wertlosigkeit  – all dies erleben Menschen, die an einer Depression erkrankt sind. Einer von ihnen war Hermann Hesse:

"Wertlos, so schien es ihm, wertlos und sinnlos hatte er sein Leben dahingeführt; nichts Lebendiges, nichts irgendwie Köstliches oder Behaltenswertes war ihm in Händen geblieben. Allein stand er und leer, wie ein Schiffbrüchiger am Ufer."

aus Siddharta von Hermann Hesse

Zeit seines Lebens litt der Schriftsteller an wiederkehrenden, schweren depressiven Verstimmungen, die er in seinen Erzählungen und Gedichten verarbeitete. Wer wie Hesse jemals an einer tiefen Depression gelitten hat, weiß, dass diese nicht zu vergleichen ist mit den vorübergehenden Phasen gedrückter Stimmung, die jeder hin und wieder erlebt. Diese werden zwar umgangssprachlich oft als „depressiv“ bezeichnet – doch eine Depression im medizinischen Sinne liegt erst dann vor, wenn eine Reihe weiterer Kriterien erfüllt sind.

„Ich kann gar nicht genau sagen, wann alles begann“, berichtet eine Betroffene. „Ich fühlte mich immer öfter lustlos, saß viel zuhause herum und grübelte. Mit meinem Mann gab es immer häufiger Konflikte, und bei der Arbeit ließ meine Leistung nach. Dann kam dazu, dass meine Mutter schwer erkrankte. Ich machte mir große Sorgen, konnte nicht mehr schlafen und weinte häufig. Noch dazu habe in kurzer Zeit zehn Kilo zugenommen. Ich verkroch mich immer öfter zuhause, kam am Ende kaum noch aus dem Bett – dabei war ich früher ein aktiver, lebensfroher Mensch.“ In diesem Zustand verbrachte die 48jährige mehrere Monate – bis sie sich schließlich auf Drängen ihrer Tochter zu einem Arzt schleppte, der ihr Antidepressiva verschrieb und ihr zu einer Psychotherapie riet.

Häufigkeit von Depressionen

Leider sind solche Krankheitsberichte kein Einzelfall. Die Depression gilt inzwischen als „Volkskrankheit“ und ist die häufigste psychische Erkrankung überhaupt. So zeigen die Ergebnisse eines bundesweiten Gesundheitssurveys, dass zu einem gegebenen Zeitpunkt etwa fünf Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren an einer Depression leiden. Das Risiko, im Lauf seines Lebens mindestens einmal an der Störung zu erkranken, liegt sogar bei 15 bis 20 Prozent.

Knapp jeder Fünfte erkrankt einmal im Leben an einer Depression. Frauen erkranken zwei- bis dreimal häufiger an einer Depression.

Darüber hinaus schränken Depressionen die Lebensqualität erheblich ein – und zwar weit mehr als jede andere Erkrankung. So wurde in einer weltweiten Studie der WHO erfasst, wie stark und über wie viele Jahre verschiedene „Volkskrankheiten“ die Lebensqualität beeinträchtigen. Die Depression stand hierbei an allererster Stelle, vor allen anderen psychischen und körperlichen Erkrankungen. Dabei kann die Erkrankung Menschen in jedem Lebensalter treffen.

Selbst Vorschulkinder können bereits an einer Depression leiden – allerdings ist die Störung hier mit weniger als ein Prozent sehr selten. Bei Schulkindern steigt die Häufigkeit bereits auf zwei bis drei Prozent, bei Jugendlichen auf sieben bis 13 Prozent an. Am häufigsten tritt die Erkrankung im jungen Erwachsenenalter zum ersten Mal auf – nämlich im Alter von 18 bis 25 Jahren.

Männer und Frauen sind unterschiedlich häufig von einer Depression betroffen: Die Erkrankung wird bei Frauen etwa doppelt so häufig diagnostiziert wie bei Männern. Dies liegt  einerseits daran, dass Frauen genetisch bedingt eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, an einer Depression zu erkranken. Allerdings gehen viele Frauen auch offener mit ihren Beschwerden um als Männer: Sie erzählen anderen eher davon und sind eher bereit, sich in eine ärztliche Behandlung zu begeben. Depressive Männer stellen dagegen häufig körperliche Symptome in den Vordergrund, so dass die psychische Erkrankung bei ihnen seltener erkannt wird.