Beschwerden in der Psychotherapie (Seite 4/9)

Wo kann man eine Beschwerde über seinen Therapeuten einlegen?

Was muss man bei einer offiziellen Beschwerde beachten?

Hat sich ein Patient entschlossen, sich über seinen Therapeuten zu beschweren, hat er  verschiedene Möglichkeiten.

Zunächst ist es wichtig, zu wissen, welche Ausbildung der Therapeut hat: Handelt es sich um einen psychologischen Psychotherapeuten, einen ärztlichen Psychotherapeuten oder einen Heilpraktiker für Psychotherapie?

Beschwerden über psychologische Psychotherapeuten können bei der Psychotherapeutenkammer des Bundeslandes eingereicht werden, in dem der Therapeut seinen Beruf ausübt, Beschwerden über ärztliche Psychotherapeuten bei der Ärztekammer des Bundeslandes, in dem der Therapeut tätig ist.

Beschwerden über Heilpraktiker für Psychotherapie sind an das zuständige örtliche Gesundheitsamt zu richten. Dies gilt auch, wenn es sich dabei um Psychologen handelt. Weiterhin ist bei entsprechenden Verstößen auch ein zivil- oder ggf. strafrechtliches Vorgehen gegen einen Heilpraktiker vor Gericht möglich.

Günstig ist es, bei einer Beschwerde Belege für das Fehlverhalten des Therapeuten vorlegen zu können. Dies können E-Mails, Chats oder andere schriftliche Kommunikation oder Fotos sein, die das Fehlverhalten belegen, oder zumindest eigene, mit Datum versehene Notizen über die Vorkommnisse in der Therapie. Günstig ist es auch, wenn möglich, Zeugen zu finden, die Aussagen zu den Vorkommnissen machen können.

Eine weitere Möglichkeit ist, bei einem Berufsverband, dem der Psychotherapeut angehört, Beschwerde einzulegen. Dieser beruft dann eine Schiedskommission ein, die über die Beschwerde urteilt.

Auch bei Heilpraktikern, die Mitglied in einem Berufsverband sind, kann eine Beschwerde beim Berufsverband eingereicht werden. Allerdings bestehen in diesem Fall weniger Sanktionsmöglichkeiten gegen den Therapeuten. Zudem bieten nicht alle Berufsverbände diese Möglichkeit an, und nicht alle Psychotherapeuten oder Heilpraktiker gehören einem Berufsverband an.

Wie läuft eine Beschwerde bei einem Berufsverband ab?

Auch bei einem Berufsverband, bei dem der Therapeut Mitglied ist, muss der Patient die Beschwerde schriftlich einreichen und seinen Therapeuten von der Schweigepflicht entbinden. Der Berufsverband fordert dann eine schriftliche Stellungnahme des Therapeuten. Anschließend kann er eine Schlichtungskommission einberufen, die die Konfliktparteien anhört und über die Beschwerde urteilt. Die Konsequenzen für den Therapeuten können hier zum Beispiel eine Verwarnung, ein Verweis, eine Geldbuße, die Aberkennung von vom Verband verliehenen Zertifikaten oder der Ausschluss aus dem Verband sein.

Was sollte verbessert werden, um Menschen mit Zweifeln in der Psychotherapie möglichst gut zu unterstützen?

Gespräch mit Andrea Schleu, Vorsitzende des Ethikvereins e. V.

„Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn es für Patienten, die Zweifel an der Psychotherapie haben oder eine Beschwerde in Erwägung ziehen, mehr unabhängige, patientenorientierte Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten gäbe. Dabei sollte immer auch eine anonyme Beratung möglich sein.

Bisherige unabhängige Patientenberatungsstellen wie unser Verein arbeiten auf gemeinnütziger Basis. Stattdessen sollte es eine offizielle, aus öffentlichen Geldern finanzierte Beratungsstelle geben, in der Berater mit psychotherapeutischen und juristischen Fachkenntnissen arbeiten. Darüber hinaus sollte es unabhängige Patientenvertreter geben, die Patienten bei einem klärenden Gespräch mit ihrem Psychotherapeuten unterstützen oder bei einem Schlichtungsverfahren der Psychotherapeutenkammern begleiten können.

Bis vor einigen Jahren führte auch die unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD), die von gemeinnützigen Verbänden geleitet wurde, unabhängige Beratungen zum Thema Beschwerden in der Psychotherapie durch. Die UPD wurde jedoch 2016 vom privaten Unternehmen Sanvartis GmbH übernommen. Seitdem wird sie von verschiedenen Seiten, unter anderem von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Bundesärztekammer scharf kritisiert, wobei insbesondere die Unabhängigkeit der Beratung in Frage gestellt wird. Darüber hinaus bietet die UPD derzeit keine spezialisierten Beratungen zu Beschwerden in der Psychotherapie mehr an.

Problematisch ist auch, dass das Vorgehen bei einer Beschwerde und der Ablauf des Beschwerdeverfahrens sehr unterschiedlich sein können, je nachdem, ob es sich bei dem Therapeuten um einen psychologischen Psychotherapeuten, einen ärztlichen Psychotherapeuten oder einen Heilpraktiker für Psychotherapie handelt.

Auch die Abläufe bei den Psychotherapeutenkammern bzw. Ärztekammern der einzelnen Bundesländer sind nicht einheitlich. Zudem sind einige Psychotherapeuten, die nicht Mitglied in einer Kammer sind, durch eine Beschwerdeverfahren gar nicht erreichbar. Für Patienten können die Abläufe bei einer Beschwerde daher schwer zu durchschauen sein. Aus meiner Sicht sollte daher für geschädigte Patienten eine unabhängige und professionelle, niederschwellige Beratungsmöglichkeit angeboten werden, die sie durch die Verfahren begleiten kann.“

Strafanzeige erstatten

Ganz allgemein kann jeder Anzeige erstatten, wenn er glaubt, dass eine Straftat geschehen ist. Dies gilt auch, wenn die Tat in einer Psychotherapie geschehen ist. Eine solche Straftat kann zum Beispiel Körperverletzung oder sexueller Missbrauch sein. Die Strafanzeige kann bei der Polizei, dem Amtsgericht oder der Staatsanwaltschaft eingereicht werden. Sie kann schriftlich oder mündlich erfolgen. Durch die Anzeige werden polizeiliche Ermittlungen ausgelöst. Um die Ermittlungen zu beschleunigen, empfiehlt es sich, die Anzeige bei der Polizei einzureichen. Von der Polizei wird die Anzeige gleichzeitig an die Staatsanwaltschaft weitergegeben. Diese entscheidet nach Abschluss der Ermittlungen, ob gegen den Beschuldigten Anklage erhoben wird oder ob das Verfahren eingestellt wird. Ist letzteres der Fall, erhält der Erstatter der Anzeige einen schriftlichen Bescheid, in dem er auf Beschwerdemöglichkeiten hingewiesen wird. Zu beachten ist auch, dass eine einmal erstattete Anzeige nicht zurückgezogen werden kann.

Bei der Erstattung einer Strafanzeige gibt es grundsätzlich keine Verjährungsfrist. Ausnahme sind bestimmte, minderschwere Vergehen. Hier muss innerhalb von drei Monaten Anzeige erstattet werden.