Erfahrungsberichte 'Therapie hat mir geholfen' (Seite 6/11)

„Ich konnte die Hintergründe für meine Essprobleme aufarbeiten“

Erfahrungsbericht von Katrin, 27 Jahre, aus München, Art der Therapie: Psychodrama

therapie.de: Was waren die Gründe dafür, eine Therapie zu beginnen? Wie haben Sie den Weg in die Therapie gefunden?

Ich habe schon seit der Kindheit Probleme mit dem Essen und habe zu Binge Eating geneigt. Das war mal besser und mal schlechter. Als ich 21 Jahre alt war, ging es mir dann ganz schlecht. Ich hatte Essanfälle, die ich nicht mehr kontrollieren konnte, und hinterher habe ich mir immer starke Vorwürfe gemacht. In dieser Zeit habe ich meine Gefühle gar nicht mehr wahrgenommen und nur noch gegessen, geschlafen, Sport gemacht und ferngesehen. Da wusste ich irgendwann, dass es so nicht mehr weiter geht und habe mich auf die Suche nach einer Therapeutin gemacht.

Ich bin dann zu einer Zentrale für Essstörungen in München gegangen. Dort wurde mir eine Liste mit Therapeuten gegeben und eine bestimmte Therapeutin empfohlen. Dort habe ich bald einen Therapieplatz bekommen, da hatte ich wirklich Glück.

therapie.de: Welche Art von Therapie haben Sie gemacht? Wie lange hat die Therapie gedauert?

Das war eine Psychodrama-Therapie. Ich habe die Therapie mit 21 Jahren angefangen und bin jetzt noch dort. Am Anfang der Therapie haben die Termine wöchentlich stattgefunden, im zweiten Jahr dann alle zwei Wochen und später nur noch alle drei bis vier Wochen. Mit dem Essen habe ich schon seit drei Jahren keine Probleme mehr, aber es gibt noch ein paar Themen, die ich für mich noch bearbeiten und klären möchte.

therapie.de: Wie sah der Ablauf der Therapie aus? Was wurde dort gemacht?

In der ersten Zeit haben wir vor allem Gespräche geführt und erarbeitet, woher meine Probleme mit dem Essen kommen. Dabei kam heraus, dass ich mit bestimmten Gefühlen nicht umgehen konnte und sie unterdrückt habe, was dann zu den Heißhungerattacken geführt hat.

Gleichzeitig haben wir erarbeitet, wie ich mit den Essattacken und mit meinen Problemen besser umgehen kann. Dabei habe ich gelernt, die Auslöser für meine Essattacken zu erkennen und sie von normalem Hunger zu unterscheiden. Außerdem habe ich mit der Zeit gelernt, mit anderen viel offener über meine Probleme und Gefühle und über Dinge, die mich stören, zu sprechen.

In Vorstellungsübungen sollte ich mir eine Art Parallelwelt zur realen Welt erschaffen. Im Gegensatz zu meiner Familie, die ihre Liebe für mich nicht offen zeigen konnte und mich nicht oft berührt hat, habe ich mir eine Familie vorgestellt, die liebevoll und zärtlich mit mir umgeht. Das hat mir innerhalb von zwei Wochen so geholfen, dass ich keine Essanfälle mehr hatte und sich mein Essverhalten normalisiert hat. Dadurch habe ich verstanden, dass es bei mir gar nicht so sehr ums Essen, sondern vor allem um das Thema Nähe und Berührung geht.

Später haben wir vor allem psychodramatische Übungen gemacht, um zu klären, was hinter meinen Problemen steckt. Dabei habe ich die Personen oder Anteile von mir, die mit dem gewählten Thema zu tun hatten, symbolisch im Raum aufgestellt. Mit Kuscheltieren oder Kissen habe ich meistens drei Symbole aufgestellt: für meinen Erwachsenen-Anteil, das innere Kind und eine andere Person, mit der es in der Vergangenheit oder aktuell ein Problem gab. Ich bin dann nacheinander in die Rolle des Kindes und des Erwachsenen-Ich geschlüpft und laut ausgesprochen, was diese Person fühlt und zu sagen hat. Diese Übungen haben wir sehr intensiv und mit ganz unterschiedlichen Problemstellungen gemacht.Zum Beispiel war die dritte Person in einer Aufstellung ein bestimmter Mann. In der Rolle des „Kind-Ich“ habe ich angefangen zu weinen, weil es so unangenehm war, in der Nähe dieses Mannes zu sein. In der Rolle des „Erwachsenen-Ich“ hatte ich dagegen keine Angst. In der Aufstellung sollte ich dann in der Rolle des „Erwachsenen-Ichs“ das innere Kind an einen sicheren Ort bringen, wo es vor diesem Mann geschützt ist.

Außerdem haben wir in der Therapie auch Meditationsübungen gemacht. Das hat mir zum Beispiel geholfen, vor einer Prüfung eine gelassenere, positivere Einstellung zu entwickeln. In anderen Übungen sollte ich die Augen schließen und in meiner Vorstellung in Situationen in der Vergangenheit zurückgehen. Zum Beispiel ging es um die Frage, wann meine Angst vor Berührungen begonnen hat. Ich sollte mich an die erste Situation erinnern, wo das der Fall war und dann in der Zeit weitergehen bis heute. Dabei sollte ich alles berichten, was mir spontan in den Kopf kommt. Diese Übungen waren sehr intensiv und anstrengend, aber sie haben mir geholfen, besser zu verstehen, woher meine Probleme kommen.

therapie.de: Was haben Sie als besonders hilfreich erlebt?

Am Anfang der Therapie war es für mich hilfreich, dass ich bald Strategien zur Hand hatte, um zwischen den Therapiestunden allein mit meinen Problemen zurechtzukommen. Das Schlüsselerlebnis war dann, dass mir klar wurde, woher meine Probleme eigentlich kommen. Dadurch haben sich meine Essprobleme ziemlich schnell normalisiert. In den psychodramatischen Übungen vertieft an meinen Problemen mit Nähe und Berührung zu arbeiten, war auch sehr hilfreich. So habe ich die Zusammenhänge verstanden und konnte diese Schwierigkeiten allmählich überwinden.

therapie.de: Wie war Ihr Verhältnis zur Therapeutin? Was war charakteristisch am Verhalten der Therapeutin?

Das Verhältnis zu meiner Therapeutin war und ist sehr gut. Sie ist mitfühlend, offen und ruhig und hat mir immer gut zugehört. Insgesamt habe ich ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zu ihr.

Am Anfang war es für mich irritierend, dass sie mich direkt angeschaut hat, so dass ich gespürt habe, dass die gesamte Aufmerksamkeit mir galt. Das war ich gar nicht gewohnt – ich fand es dann aber sehr positiv. Sie hat mir auch immer direkt Feedback zu allem gegeben und mich dazu aufgefordert, offen über alles zu sprechen. Von dieser offenen Art konnte ich sehr profitieren.

Außerdem hat mir die Therapeutin nie das Gefühl gegeben, „krank“ zu sein oder mit einer Diagnose abgestempelt zu sein. Das war für mich auch sehr positiv, dass sie mich nicht in eine Schublade gesteckt hat, sondern mich immer als Mensch gesehen hat.

therapie.de: Was war bei Ihnen selbst (bei Ihren Einstellungen, Ihrem Verhalten) wichtig für die Therapie?

Wichtig war sicherlich, dass ich es nicht verleugnet, habe, als meine Essprobleme besonders schlimm waren. Mir war klar, dass etwas mit mir nicht stimmt und ich Hilfe suchen sollte. Und ich bin auch jemand, der bereit ist, Hilfe anzunehmen. Außerdem war ich schon immer ein recht offener Mensch, so dass es mir nicht schwer gefallen ist, in der Therapie über meine Probleme zu sprechen. Günstig für die Therapie war sicher auch, dass ich immer daran geglaubt habe, dass alles besser wird und ich meine Probleme lösen kann. Gleichzeitig habe ich die Bereitschaft, mich immer wieder mit den Ursachen meiner Probleme zu beschäftigen und immer wieder zu schauen, wie ich damit besser umgehen kann.

therapie.de: Gab es auch mal schwierige Situationen während der Therapie?

Ja, vor kurzem gab es eine schwierige Situation. Da ging es mir gerade um ein sehr wichtiges Thema, und ich wollte unbedingt beim nächsten Termin mit der Therapeutin darüber sprechen. Aber dann hat sie den nächsten Termin kurzfristig wegen Krankheit abgesagt. Ich hatte das noch dazu auf meinem Handy nicht gesehen und stand nach zweistündiger Anfahrt schon vor ihrer Praxis.

Ich war dann ziemlich enttäuscht und hatte das Gefühl, dass sie mich gar nicht richtig sieht und meine Probleme nicht ernst nimmt. Das habe ich ihr dann in der nächsten Sitzung auch deutlich gesagt. Ich habe in dem Moment ernsthaft darüber nachgedacht, die Therapie abzubrechen. Das war eine richtige Krise – aber wir konnten sie zum Glück klären.

Die Therapeutin hat mich und meine Enttäuschung gut verstanden. Sie hat mir in dieser schwierigen Zeit das Gefühl gegeben, eine freie Wahl zu haben: Entweder die Therapie abzubrechen und zu einer anderen Therapeutin zu gehen. Oder mit ihr zusammen zu schauen, warum ich so heftig reagiert habe und was das mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun hat. Das haben wir dann in den nächsten zwei Therapiestunden gemacht. Dabei kam heraus, dass ich in der Kindheit intensive Erfahrungen mit Ablehnung gemacht habe. Deshalb habe ich auch die Terminabsage als Ablehnung durch die Therapeutin empfunden – obwohl mein erwachsener Anteil gut verstanden hat, dass es vorkommen kann, dass jemand mal einen Termin absagen muss.

Letzten Endes habe ich so aus dieser Krise etwas Positives gezogen: Ich habe verstanden, warum ich so auf diese Situation reagiert habe und wie ich anders damit umgehen kann. Zusätzlich habe ich gelernt, strukturierter zu sein und regelmäßig mein Handy und meine Mails anzusehen.

therapie.de: Was hat sich inzwischen alles verbessert? Was möchten Sie noch weiter verbessern?

Insgesamt hat sich inzwischen so vieles verbessert. Im Moment geht es mir wirklich gut. Sehr hilfreich war, dass ich gelernt habe, Probleme in Beziehungen mit meiner Familie oder Freunden sehr offen anzusprechen. Dadurch kann ich Konflikte gut lösen und aus der Welt schaffen. Gleichzeitig merke ich, dass diese Offenheit auch bei anderen gut ankommt und sie so auch Probleme mit mir offener ansprechen. Mit meinen Eltern und meinem Bruder konnte ich inzwischen viele Dinge klären, so dass sich vor allem das Verhältnis zu meinen Eltern deutlich verbessert hat.

Außerdem habe ich durch die Therapie ein positiveres Körpergefühl entwickelt und kann auch meine Sexualität jetzt leben. Ich mag meinen Körper jetzt und achte auch mehr auf ihn. Zum Beispiel trinke ich weniger Alkohol, mache regelmäßig Sport und koche und esse ausgewogen. Sehr positiv finde ich auch, dass ich keine Angst habe, dass die Essprobleme wiederkommen könnten. Wenn das Verlangen nach Essen oder das Nicht-Essen-Wollen wieder auftreten würde, würde ich das als Zeichen sehen, dass ich schauen muss, was in meinem Leben gerade nicht gut läuft und was ich tun kann, dass es mir wieder besser geht.

Inzwischen kann ich auch meine Gefühle viel besser wahrnehmen. Und wenn irgendetwas nicht stimmt, kann ich mir genauer anschauen, was falsch ist und dafür dann eine Lösung suchen.

Im Moment bleiben noch zwei Themen, die ich aufarbeiten möchte. Zum einen geht es darum, dass ich mit acht oder neun Jahren stark von meiner Klasse ausgegrenzt wurde. Da möchte ich herausfinden, woran es lag und ob es zum Teil auch mit mir selbst zu tun hatte. Zum anderen möchte ich noch genauer verstehen, warum ich Schwierigkeiten mit der Nähe zu Männern habe – und dies letztendlich verändern können.

Interview: Dr. Christine Amrhein