Erfahrungsberichte 'Therapie hat mir geholfen' (Seite 4/11)

„Ich bekam wieder Mut“

Erfahrungsbericht von Christina , 23 Jahre, aus München, Art der Therapie: Verhaltenstherapie

therapie.de: Was waren die Gründe dafür, eine Therapie zu beginnen? Wie haben Sie den Weg in die Therapie gefunden?

Vor zwei Jahren bin ich aus Rumänien nach Deutschland gekommen und habe hier einen neuen Job angefangen. Dort war ich verantwortlich für die Einteilung von 400 Mitarbeitern. Ich hatte viel Verantwortung und musste sehr viel arbeiten. Außerdem war die Arbeit oft stressig und hektisch. Dazu kam noch die Umstellung, in einem anderen Land zu leben, wo ich ganz allein war und alles alleine organisieren musste.

Dann habe ich auf einmal Angstzustände bekommen. Am Anfang kam es immer wieder vor, dass meine Hände gezittert haben und mein Herz schnell geschlagen hat. Bis Februar 2012 hatte ich das aber noch unter Kontrolle. Doch auf einmal habe ich richtige Panikattacken bekommen. Erst kamen sie nur ab und zu, aber nach ein paar Monaten wurde es immer schlimmer.

Im September 2012 war es dann bei der Arbeit besonders hektisch. Da ist es passiert, dass mir schwarz vor Augen wurde. Mir war ganz schwindelig und ich habe stark gezittert. In dieser Zeit war die Angst so stark, dass ich kaum noch aus dem Haus gehen konnte. Einkaufen oder in ein Restaurant gehen war für mich unmöglich. Und es ist passiert, dass ich aus Situationen weggelaufen bin, wenn die Angst zu schlimm war und ich es nicht mehr aushalten konnte.

Meine Hausärztin hat mich dann erst einmal krankgeschrieben. Zum Glück hat sie mir auch dabei geholfen, einen Psychotherapeuten zu finden. Ich musste eine Weile auf die Therapie warten und war sehr froh, als ich endlich anfangen konnte.

therapie.de: Welche Art von Therapie haben Sie gemacht? Wie lange hat die Therapie gedauert und wie oft fanden die Termine statt?

Das war eine Verhaltenstherapie. Sie hat im September 2012 angefangen und geht jetzt noch mindestens 25 Stunden weiter. Die Termine finden einmal in der Woche oder alle zwei Wochen statt, je nachdem, wie ich es von meiner Arbeit her einrichten kann.

therapie.de:  Wie sah der Ablauf der Therapie aus? Was wurde dort gemacht?

Am Anfang hat mir der Therapeut zunächst ein Medikament verordnet, um meine Ängste zu lindern. Das war ein Antidepressivum, das auch gegen Angst hilft, nämlich Paroxetin. In der ersten Zeit habe ich deutliche Nebenwirkungen gemerkt: Ich habe fast nur geschlafen und hatte keinen Appetit. Aber nach etwa zwei Wochen waren die Nebenwirkungen besser, und dann habe ich allmählich eine Wirkung gespürt.

Wichtig war für mich aber auch, dass ich in der Therapie über meine Probleme sprechen konnte. Dabei ging es um die Schwierigkeiten bei der Arbeit, meinen Umzug nach Deutschland, aber auch um die Vergangenheit, zum Beispiel um Probleme mit meinen Eltern. All dies hat letztendlich zu meinen Ängsten beigetragen – das alles war wie ein Glas, das sich immer mehr gefüllt hat und irgendwann übergelaufen ist.

Zu Beginn der Stunden habe ich meist von der letzten Woche erzählt: Was alles passiert ist, was für mich schwierig war, aber auch, was ich für Fortschritte gemacht habe. Dann haben wir zusammen geschaut, was ich tun kann, um meine Ängste zu überwinden. Der Therapeut hat mich ermuntert, schrittweise wieder das zu machen, was ich früher gemacht habe, zum Beispiel einzukaufen oder unter Menschen zu gehen. Am Anfang ist es mir schwer gefallen, ich konnte zum Beispiel nur ganz kurz in einen Supermarkt gehen und ein, zwei Sachen kaufen. Allmählich habe ich die Übungen immer weiter ausgedehnt. Dabei war es gut für mich, dass ich selbst entscheiden konnte, was ich probieren möchte und wie lange ich in einer Situation bleibe.

Der Therapeut hat mir auch konkrete Tipps gegeben und konkrete Aufgaben gestellt. Zum Beispiel sollte ich viel Sport machen, weil das gut gegen Ängste hilft. Oder ich sollte mir eine bestimmte Sache für die nächste Woche vornehmen, etwa meine Rechnungen zu erledigen, die eine ganze Zeit lang liegengeblieben waren.

therapie.de: Auf welche Art hat die Therapie Ihnen geholfen? Was haben Sie als besonders hilfreich erlebt?

Die Therapie hat mir vor allem geholfen, wieder mehr Selbstvertrauen aufzubauen. Das war am Anfang der Therapie völlig am Boden. Der Therapeut hat mich immer wieder aufgemuntert und mir das Gefühl gegeben, dass ich etwas verändern kann. Nach den Therapiestunden war ich immer voller Optimismus und habe gedacht, dass ich es schaffen kann.

Außerdem hat mich der Therapeut motiviert, Neues auszuprobieren und Dinge anzusprechen, die ich mich früher nie getraut hätte. Zum Beispiel bin ich irgendwann zu meinem Arbeitgeber gegangen und habe ihm gesagt, dass es so nicht weitergeht und ich mit dieser hohen Arbeitsbelastung nicht zurechtkomme. Das war ein großes Erfolgserlebnis für mich.

Die ersten kleinen Erfolge haben mich sehr ermutigt, weiter zu üben und immer wieder neue Herausforderungen anzunehmen. Mit der Zeit habe ich gelernt, wieder positiver zu denken und mich selbst positiver zu sehen. Gut war auch, dass der Therapeut mich ermutigt hat, das zu tun, was ich selbst will und was mir selbst gut tut. Früher habe ich Dinge oft aus Rücksicht auf andere getan, aber dabei nicht an mich gedacht.

Aus Interesse habe ich mir irgendwann ein paar Zeitschriften gekauft, in denen es um das Gehirn, menschliches Verhalten und psychische Störungen ging. Dadurch habe ich besser verstanden, woher Ängste und Panikattacken kommen können. Auch das hat mir geholfen: Ich habe die Auslöser für meine eigenen Ängste besser verstanden und gesehen, wie ich etwas daran verändern kann.

therapie.de:  Wie war Ihr Verhältnis zum Therapeuten? Was war charakteristisch am Verhalten des Therapeuten?

Der Therapeut hat vor allem Ruhe ausgestrahlt und mir zugehört. Ich habe mich in der Therapie wohlgefühlt, es gab nie ein Gefühl von Distanz, sondern immer von Nähe.

Der Therapeut hat mich auch immer wieder aufgemuntert und mir geholfen, selbst schwierige Situationen anzugehen. So sollte ich mir beim Gespräch mit dem Chef vorstellen, dass er (der Therapeut) neben mir steht und mich unterstützt. Außerdem hat er mir ganz konkrete Tipps und Hilfestellungen gegeben, zum Beispiel, was ich gegen die Angst tun kann oder wie ich ein bestimmtes Problem lösen könnte.

Manchmal war er aber auch streng und hat mit mir „geschimpft“. Zum Beispiel bin ich mehrmals zu spät zur Therapie gekommen. Wir haben dann herausgefunden, dass es mir oft schwer fällt, Verpflichtungen einzuhalten. Er hat mir gesagt, dass er mein Verhalten für die Therapie nicht nützlich findet – aber auch, dass ich es selbst in der Hand habe und selbst entscheiden muss, wie ich mich verhalten will.

therapie.de:  Was war bei Ihnen selbst (bei Ihren Einstellungen, Ihrem Verhalten) wichtig für die Therapie?

Ich denke, es war wichtig, dass ich allmählich wieder immer mehr Dinge gemacht habe, bei denen vorher Ängste und Panik aufgetreten sind. Dabei habe ich mich auch mit schwierigen Situationen konfrontiert. Zum Beispiel ist es mir sehr schwer gefallen, wenn ich in der U-Bahn war und das Gefühl hatte, dass Leute mich anschauen. Ich habe mich dann gezwungen, sie bewusst anzuschauen. Das war schwer, aber nachdem ich es geschafft hatte, hat mir das wieder mehr Mut und Selbstvertrauen gegeben.

therapie.de:  Gab es auch mal schwierige Situationen während der Therapie?

Wirklich schwierige Situationen gab es eigentlich nicht. Es gibt aber immer wieder Phasen, in denen es mir besser oder schlechter geht. In manchen Wochen habe ich gedacht: „Ich mag jetzt nicht mehr. Ich will, dass die Angst einfach weg ist.“ Aber mit der Zeit sind die schlechten Phasen immer weniger schlecht und die Tiefs immer weniger tief geworden.

Manchmal habe ich auch einen schlechten Tag, an dem wieder mehr Ängste da sind. Zum Beispiel war ich in einem Restaurant und hatte plötzlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Aber ich renne jetzt nicht mehr weg. Ich weiß, dass nichts Schlimmes passieren wird und habe das Gefühl, die Angst im Griff zu haben.

therapie.de:  Was hat sich inzwischen alles verbessert?

Ich bin jetzt wieder fast der Mensch, der ich früher war und kann wieder die meisten Dinge machen, die ich früher gemacht habe. Bevor die Ängste angefangen haben, war ich sehr gern unter Menschen, was eine Zeitlang gar nicht mehr ging. Jetzt wird es allmählich besser, ich gehe wieder mehr unter Menschen und treffe mich öfter mit Freunden.

therapie.de: Was tun Sie jetzt, damit es Ihnen weiterhin gut bzw. besser geht?

Im Moment geht es mir gut, aber es ist wichtig für mich, in der Therapie noch weiter an den Ängsten zu arbeiten. Es gibt zum Beispiel immer noch Dinge, die ich ignoriere, weil ich Angst davor habe oder weil sie mich stressen. Solche Dinge möchte ich Schritt für Schritt angehen und solange üben, bis ich keine Angst mehr habe.

Insgesamt bin ich sehr froh, dass ich mich für die Therapie entschieden habe. Ich kann diesen Schritt nur jedem raten, der ähnliche Probleme hat, weil es wirklich hilft.

Interview: Dr. Christine Amrhein