Interkulturelle Psychotherapie

Migrant:innen und Geflüchtete benötigen eine an ihre Bedürfnisse angepasste Behandlung

31.08.2022 Von Dr. Christine Amrhein

Weltweit führen viele Krisen dazu, dass davon betroffene Menschen aus ihrer Heimat in sicherere Regionen wie Deutschland fliehen. Dort angekommen sind viele der Geflüchteten traumatisiert oder leiden unter anderen psychischen Problemen oder Erkrankungen. Diese Menschen würden oft sehr dringend schnelle psychotherapeutische Hilfe benötigen.

Aber auch Migrant:innen, die nicht erst vor kurzem und mit den leidvollen Erfahrungen einer Flucht nach Deutschland gekommen sind, sondern schon länger in Deutschland leben, können psychisch krank werden und auf psychotherapeutische Unterstützung angewiesen sein.

Diesen beiden Bevölkerungsgruppen könnte in vielen Fällen mit einer auf ihre besonderen Bedürfnisse zugeschnittenen Psychotherapie besser geholfen werden, als mit den deutlich weiter verbreiteten Behandlungsangeboten für Einheimische.

Die benötigten spezifischen Therapieangebote berücksichtigen die Gepflogenheiten und Kulturen der Herkunftsländer und sollten von speziell dafür ausgebildeten Psychotherapeut:innen sowie bei Bedarf in der Muttersprache der Klient:innen durchgeführt werden. Diese Form der Behandlung heißt „Interkulturelle Psychotherapie“. Sie bedeutet vor allem, dass in Diagnostik und Behandlung kulturelle Aspekte und Vorstellungen der Patient:innen, beispielsweise von Gesundheit und Krankheit, einbezogen werden. Man spricht auch von transkultureller Psychotherapie.

In Deutschland gibt es bisher keine etablierte, auf festen Standards beruhende interkulturelle Psychotherapie. Auf den folgenden Seiten finden Sie Informationen zu den Forderungen nach einer angemessenen Ausbildung in interkulturellen Kompetenzen, das multimodale Behandlungskonzept sowie Hintergrundinformationen zur Bedeutung von kulturellen Unterschieden in einer Psychotherapie.

Barrieren in der Versorgung

Zahlreiche Barrieren an verschiedenen Stellen haben zur Folge, dass Geflüchtete und Migrant:innen die Angebote des Sozial- und Gesundheitswesens deutlich weniger in Anspruch nehmen als Einheimische. Barrieren, welche die angemessene Versorgung behindern, können im Versorgungssystem, bei der sprachlichen Verständigung, bei unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen sowie bei den Therapeut:innen oder auch bei den Migrant:innen bestehen.

Die Ausstattung der psychosozialen und psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland reicht bei weitem noch nicht aus für die adäquate Behandlung von Migrant:innen und Geflüchteten. Es gibt kaum spezialisierte Einrichtungen und adäquat ausgebildete Psychotherapeut:innen. Die wenigen bestehenden Facheinrichtungen sind häufig überlaufen.

Der Weg in eine Psychotherapie ist für Geflüchtete, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland sind, voller Hürden. Die entsprechenden Regelungen sind kompliziert, die Übernahme der Kosten für Psychotherapie und Dolmetscher ist selten gewährleistet, die Beantragung der Kostenübernahme ist schwierig und zeitaufwändig sowie die Bewilligung eines Antrages in aller Regel ziemlich offen.

Die Benachteiligung von Geflüchteten und Migrant:innen in der Versorgung endet oft auch dann nicht, wenn diese einen Therapieplatz gefunden haben. Es kommt bei ihnen häufiger zu falschen Diagnosen, Fehlbehandlungen, Abbrüchen von Therapien und Wechseln der Behandelnden als bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Darüber hinaus wird die Therapie selbst häufig einfacher, oberflächlicher und weniger nachhaltig gestaltet.

Auch Unwissenheit, Unsicherheiten oder Befürchtungen sowie unflexible therapeutische Grundhaltungen der Therapeut:innen erschweren die psychotherapeutische Arbeit mit Betroffenen aus anderen Kulturen.

Diktaturen oder Willkür in den Herkunftsländern von Migrant:innen und Geflüchteten können ihrerseits zu Misstrauen und Vorbehalten gegenüber Behörden und offiziellen Institutionen führen. Das wiederum kann die Entwicklung einer vertrauensvollen Beziehung zum Therapeuten oder zur Therapeutin stark behindern. Lesen Sie hier mehr zu den Barrieren in der Versorgung.

Ziel gleichwertige Versorgung für Geflüchtete und Migrant:innen

Deutschland und die Europäische Union streben eine gleichwertige Versorgung von Migrant:innen und Geflüchteten an. Der "Integrationsplan Migration" von 2010 zielt in Deutschland auf die interkulturelle Öffnung und den gleichwertigen Zugang zu den Einrichtungen des Sozial-und Gesundheitssystem für Migrant:innen und Geflüchtete - kultursensible Diagnostik und Behandlung eingeschlossen.

Ein erster Schritt hin zu einer ausreichenden psychotherapeutischen Versorgung dieser beiden Gruppen wäre, sie in der Bedarfsplanung zu berücksichtigen.

Wünschenswert für die Ermittlung des psychischen Gesundheitszustands und eine frühzeitige Behandlung von Geflüchteten und Migrant:innen wären gezielte Screenings rund um ihre Einreise.

Auch gezielte Hinweise von Mitarbeitenden der Flüchtlingseinrichtungen auf psychotherapeutische Angebote im Umfeld und Vermittlung von Kontakten erleichtern den Zugang für Migrant:innen und Geflüchtete.

Zielführend wäre auch, die Versorgung an die Phase des Aufenthaltes anzupassen. Das würde bedeuten, dass zu Beginn eines Aufenthaltes, solange dieser noch nicht gesichert ist, nur stabilisierende Maßnahmen erfolgen, nach der Sicherstellung einer mindestens mittelfristigen Aufenthaltsdauer die Psychotherapie erfolgen kann.

Die Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen von Geflüchteten mit einer raschen Rückkehr in eine Art von normalem Alltag mit Arbeit, Ausbildung, Sprachkurs-Teilnahme und in einer eigenen Wohnung stärkt die psychische Gesundheit.

Mehr darüber, was eine gleichwertige Versorgung ausmacht und welche Rolle die verbesserte Ausbildung in interkulturellen Kompetenzen dabei spielen kann, lesen Sie hier.

Bestehende Anlaufstellen für psychosoziale Angebote und Therapiezugänge

Informationen über Anlaufstellen für die psychosoziale Versorgung und Psychotherapie sowie andere niederschwellige Angebote und die Finanzierung der Behandlungen sowie den Sonderstatuts für Geflüchtete aus der Ukraine finden Sie hier.

Besondere Aspekte der interkulturellen Psychotherapie für Geflüchtete und Migranten

Für den Erfolg einer Psychotherapie mit Geflüchteten und Migrant:innen ist der Aufbau einer tragfähigen und vertrauensvollen therapeutischen Beziehung zwischen Behandelnden und Klient:innen genauso von herausragender Bedeutung wie in der Therapiearbeit mit nicht geflüchteten oder migrierten Menschen.

Für eine derart förderliche Beziehung ist es sehr wichtig, dass Therapeut:innen von Anfang an eine grundsätzlich offene, interessierte und wertschätzende Haltung gegenüber den geflüchteten oder migrierten Hilfesuchenden einnehmen, sich einfühlsam verhalten und flexibel reagieren können.

Am Anfang einer Psychotherapie sollte eine sorgfältige, kultursensible Anamnese und Diagnostik stehen, die kulturelle, soziale, ethnische und religiöse Hintergründe der Patient:innen berücksichtigt. Hier sollte auch eingeschätzt werden, welche Rolle der Migrations- oder Fluchthintergrund bei der psychischen Erkrankung spielt.

Kulturspezifische Aspekte können mehr und mehr in den Hintergrund der Therapie treten, je mehr der Aufbau einer vertrauensvollen und tragfähigen Therapiebeziehung gelingt oder gelungen ist.

Welche Aspekte bei Anamnese und Diagnostik erfasst werden sollten und wie niederschwellige Maßnahmen zur schnellen Stabilisierung oder das Vorgehen bei Traumatisierung aussehen kann, lesen Sie hier.

Möglichst die gleiche Sprache sprechen

In der Therapiearbeit mit Migrant:innen und Geflüchteten spielt darüber hinaus auch die oft nicht ganz einfache sprachliche Verständigung zwischen Therapeut:in und Klient:in eine sehr große Rolle. Die beiden sollten möglichst die gleiche Sprache sprechen. Ist dies nicht gewährleistet, sollten Dolmetscher oder noch besser Sprach- und Kulturmittler:innen hinzugezogen werden. Letztere können neben der Übersetzung auch kulturelle Hintergründe erläutern oder durch Aufklärung sprachlich-kulturell bedingten Missverständnissen vorbeugen.

Die Kosten für Dolmetscher sowie Sprach- und Kulturmittler:innen müssen in aller Regel beantragt werden. Je nach Aufenthaltsdauer und -status sind das Sozialamt oder die gesetzlichen Krankenkassen für die Bearbeitung dieser Anträge zuständig. Die Bearbeitung dauert oft sehr lange und eine Bewilligung ist in den meisten Fällen ungewiss.

Daher sollte die Kostenübernahme Teil der Regelversorgung werden. Lesen Sie hier den ausführlichen Abschnitt über die sprachliche Verständigung.

Anlaufstellen und Kontakte

Sollten Sie bereits auf der Suche nach Anlaufstellen und Kontakten von psychosozialen Einrichtungen und Organisationen sein, die selbst Psychotherapieplätze für Geflüchtete und Migrant:innen anbieten oder bei der Suche nach einem solchen Platz unterstützen bzw. beraten, finden Sie hier die entsprechenden Informationen.

Exkurs: Rassismus in der Psychotherapie

Auch in einer Psychotherapie können Rassismus und Diskriminierung vorkommen. Beide können zur Entstehung oder Verschlechterung psychischer Erkrankungen beitragen.

Allerdings werden Rassismus und Diskriminierung in der Psychotherapie kaum thematisiert. Darüber hinaus findet in der Psychotherapie-Ausbildung einerseits grundsätzlich kaum eine Sensibilisierung für diese Themen statt. Andererseits sind spezielle Ausbildungsangebote oder -bausteine zum Thema Rassismus und Diskriminierung selten und schwer zu finden. Zudem gibt es wenig Forschung, die die Auswirkungen von Rassismuserfahrungen auf die psychische und körperliche Gesundheit untersucht.

Rassistisches oder diskriminierendes Verhalten in einer Psychotherapie kann gleichermaßen von Patient:innen und von Psychotherapeut:innen ausgehen. Dabei sind die Gründe für das Entstehen von rassistischen und diskriminierenden Verhaltensweisen in der Psychotherapie vielfältig. Lesen Sie hier mehr über mögliche Ursachen von Rassismus und Diskriminierung in der Psychotherapie und zu Organisationen, die Aus- und Weiterbildungen in rassismus-sensibler Psychotherapie anbieten.