Beschwerden in der Psychotherapie (Seite 3/9)

Direkte Klärung mit Therapeuten

Ab wann sollte Klient sich mit offizieller Beschwerde befassen?

Wie oben beschrieben, sollte jeder Patient bei Problemen oder Zweifeln in der Therapie zunächst eine Klärung mit dem Therapeuten anstreben. Dabei sollte man seine Zweifel, Unzufriedenheit oder Kritik offen ansprechen und versuchen, diese mit dem Therapeuten zu klären oder eine Einigung zu erreichen.

Eine Ausnahme ist, wenn es in der Therapie zu schwerwiegenden, inakzeptablen Vorfällen gekommen ist, etwa zu einem sexuellen Übergriff. In diesem Fall ist es einerseits ratsam, die Behandlung zeitnah abzubrechen, sich baldmöglichst an anderer Stelle im persönlichen Umfeld oder im professionellen Bereich Unterstützung, etwa durch eine Psychotherapie bei einem anderen Therapeuten zu suchen. Andererseits ist es empfehlenswert, sich hinsichtlich weiterer Schritte über eine offizielle Beschwerde bis hin zur Strafanzeige von einer unabhängigen Beratungsstelle wie bspw. dem Ethikverein e.V. beraten zu lassen. Auch § 174 c des Strafgesetzbuches untersagt u. a. (Psycho-)Therapeuten sexuelle Handlungen mit Klienten und Patienten.

Ist eine direkte Klärung mit dem Therapeuten in weniger schwerwiegenden Fällen nicht möglich, ist es auch sinnvoll, sich zunächst Rat und Unterstützung bei einer fachkundigen Beratungsstelle (siehe „Liste der Anlaufstellen“) oder bei der telefonischen Beratung einer Psychotherapeutenkammer zu holen. Diese können über Patientenrechte informieren und dazu beraten, ob im individuellen Fall ein Grund für eine Beschwerde vorliegt und ob eine offizielle Beschwerde sinnvoll ist.

Die Entscheidung dafür, offiziell Beschwerde einzulegen, hängt auch davon ab, was man damit erreichen möchte. So kann eine Beschwerde sinnvoll sein, wenn sie eine Klärung von Unstimmigkeiten zwischen Therapeut und Patient verspricht, etwa bei Unstimmigkeiten über Ausfallhonorare. Weiterhin kann eine Beschwerde darauf abzielen, dass das Fehlverhalten des Therapeuten in Zukunft nicht mehr auftritt. So legen viele Patienten aus dem Wunsch heraus Beschwerde ein, andere Patienten vor dem Fehlverhalten des Therapeuten zu schützen.

Zieht man in Erwägung, sich offiziell zu beschweren, sollte man sich bewusst machen, dass dies ein längerer Prozess sein kann, der mit psychischen Belastungen verbunden sein kann. Daher ist es wichtig, sich zu überlegen, ob man sich psychisch zu einer Beschwerde in der Lage fühlt.

Wohin kann man sich bei Zweifeln oder Unzufriedenheit in der Psychotherapie wenden?

Sind Sie mit den Abläufen in der Psychotherapie unzufrieden oder sind Sie der Meinung, dass der Therapeut sich nicht korrekt verhält, können Sie sich zunächst an eine unabhängige Patientenberatungsstelle oder eine telefonische Patientenberatung wenden (siehe „Liste der Anlaufstellen“). Dies gilt unabhängig davon, ob die Behandlung von einem Psychologischen oder Ärztlichen Psychotherapeuten oder einem Heilpraktiker durchgeführt wird.

Eine gezielte Beratung und Unterstützung bei Zweifeln, Konfliktsituationen oder Grenzüberschreitungen in der Psychotherapie bietet der Ethikverein e. V. an. Auch die Psychotherapeutenkammern führen Beratungen zu Patientenrechten und Beschwerden durch. Diese sind bei einigen Kammern auch anonym möglich.
Die genannten Stellen informieren über Patientenrechte in der Psychotherapie und können dazu beraten, ob im konkreten Fall ein Grund für eine Beschwerde vorliegt. Weiterhin können sie über verschiedene Beschwerdemöglichkeiten und den konkreten Ablauf einer Beschwerde informieren.

Viele Patienten möchten zunächst einmal Informationen und Orientierung bekommen, um das Geschehene einordnen zu können und herauszufinden, ob ein Fehlverhalten vorliegt – etwa bei Fragen wie „Ist es normal, dass der Therapeut so viel über sich spricht?“ oder „Darf sich der Therapeut abwertend über mich äußern?“ Für viele ist es entlastend, zu wissen, was beruflicher Standard ist und dass ihr Therapeut mit seinem Verhalten gegen diese Standards verstößt. Dies kann ihre Selbstsicherheit stärken und den Betroffenen helfen, besser auf das fragwürdige Verhalten zu reagieren.

Welche Alternativen gibt es, wenn man sich nicht offiziell beschweren möchte?

Einige Patienten sind zwar mit ihrem Therapeuten unzufrieden oder haben Zweifel an der Psychotherapie, möchten sich jedoch nicht offiziell beschweren. Das kann verschiedene Gründe haben:

Patienten, die negative Erfahrungen in einer Psychotherapie machen, sind häufig sehr verunsichert. Einige möchten nur die belastende Situation klären oder beenden, sich aber nicht offiziell beschweren und ihrem Therapeuten nicht explizit schaden. Andere scheuen den Aufwand und die psychische Belastung, die mit einem Beschwerdeverfahren verbunden sein kann.

Viele Patienten möchten mit ihrem Anliegen anonym bleiben, oder sie möchten nicht, dass ihr Therapeut von der Beschwerde erfährt – was bei einem offiziellen Beschwerdeverfahren jedoch erforderlich ist.

Manche Patienten sind skeptisch, sich mit einer Beschwerde an eine Psychotherapeutenkammer zu wenden, weil diese auch die Interessen der Therapeuten vertritt. Sie fürchten, dass die in der Kammer tätigen Therapeuten ihre Kollegen schützen wollen oder dass der Therapeut selbst eine einflussreiche Position in der Kammer hat.
In solchen Fällen können unabhängige Patientenberatungsstellen hilfreich sein. Sie können Fragen und Zweifel zur Therapie beantworten und auf Wunsch auch anonym beraten. Gleichzeitig können sie die Betroffenen auch bei einer offiziellen Beschwerde beraten und unterstützen. Auch einige Psychotherapeutenkammern bieten die Möglichkeit einer anonymen Beratung an, bei der sich die Patienten zunächst informieren können, um die Sachlage besser einschätzen zu können

Der Ethikverein e. V. bietet zudem die Möglichkeit, mit den Patienten geeignete Schritte zu erarbeiten, etwa, um den Konflikt mit dem Therapeuten zu klären, sich psychisch zu stabilisieren oder sich nach einem Therapieabbruch aus der ungünstigen Beziehung zum Therapeuten zu lösen und einen neuen, verlässlichen Therapeuten zu finden. Weiterhin unterstützt er Patienten auch bei der Suche nach einem geeigneten juristischen Beistand.