Narzissmus und narzisstische Störungen (Seite 5/6)

Ist Narzissmus therapierbar?

Dauerkonflikte und Sinnkrisen führen in die Therapie

Klienten mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung kommen in der ambulanten Psychotherapie häufig vor. Die meisten Betroffenen begeben sich jedoch aufgrund anderer psychischer Erkrankungen wie Depressionen, somatoforme Störungen, Ängsten, Essstörungen oder Suchtproblemen in Behandlung. Auslöser für eine Psychotherapie sind meist die emotionalen und sozialen Kosten der Störung, etwa Dauerkonflikte am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft, allgemeine Unzufriedenheit oder Sinnkrisen.

Menschen, die an einer Persönlichkeitsstörung leiden, erleben ihre Probleme häufig als Teil ihrer Identität. Um die problematische Beziehungsfähigkeit, ihre Selbstidealisierung und die fehlende Empathie psychotherapeutisch zu bearbeiten, bedarf es meist eines sehr langen Prozesses. Insgesamt sind therapeutische Erfolge bei Menschen, die an einem vulnerablen Narzissmus leiden, größer als bei Menschen mit einem grandiosen Narzissmus. 

Patienten in einem höheren Lebensalter haben insgesamt eine bessere Prognose.

Therapiemethoden

Für die Behandlung von narzisstischen Störungen steht ein breites Spektrum unterschiedlicher Schulen an Therapieformen zur Verfügung. Vor allem Psychoanalytiker wie Otto Kernberg, Heinz Kohut, Anthony W. Bateman, Peter Fonagy, Mary Target und andere haben Methoden entwickelt, die sich in der Praxis bewährt haben. Auch Therapieverfahren, die aus der Verhaltenstherapie heraus entwickelt wurden wie die Schematherapie sind wirkungsvoll in der Behandlung dieser Störungen.

Ein kurzer Überblick über Therapiemethoden, die vor allem bei diesem Störungsbild erfolgreich sein können:

Übertragungsfokussierte Psychotherapie (transference-focused Psychotherapy, TFP)

Der Psychoanalytiker Otto Kernberg hat mit der übertragungsfokussierten Psychotherapie ein Behandlungsverfahren zunächst vor allem für die Borderline-Störung entwickelt, es wird aber auch bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung erfolgreich angewandt.

Das Verfahren leitet sich von der Psychoanalyse ab und Grundannahme ist, dass Faktoren wie frühkindliche Erfahrungen, angeborenes Temperament und andere Lebenserfahrungen die Ausreifung und Funktion der Persönlichkeit positiv oder negativ beeinflussen können.

Nach Kernberg kann ein authentisches Selbst nur dann in ausreichendem Maß entstehen, wenn die verschiedenen Selbstbilder zu einem integrierten Selbstkonzept organisiert werden.

Wichtige Grundelemente des Selbstkonzeptes sind beispielsweise die Fähigkeit des Einzelnen, die innere von der äußeren Realität zu unterscheiden oder über ein stabiles Konzept von sich selbst und von anderen, etwa den Bezugspersonen, zu verfügen.

Mentalisierungsbasierte Therapie (Mentalization-Based-Treatment, MBT)

Mentalisieren bedeutet, sich auf die inneren mentalen Zustände, also die Gedanken, Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse, Überzeugungen von sich selbst und anderen zu beziehen, diese als dem Verhalten zugrundeliegend zu begreifen und darüber nachdenken zu können.

Die Mentalisierungsbasierte Psychotherapie ist eine integrative Form der Psychotherapie. Sie verbindet psychodynamische, systemische, klientenzentrierte und dialektisch-behaviorale Therapieansätze miteinander und bezieht Erkenntnisse aus Entwicklungspsychologie, Bindungstheorie und Theory of Mind ein. Theory of Mind bezeichnet die Fähigkeit, eine Annahme über Bewusstseinsvorgänge in anderen Personen treffen und in der eigenen Person erkennen zu können.

Entwickelt wurde die Methode von dem englischen Psychiater und Psychoanalytiker Anthony W. Bateman und dem englischen Psychologen und Psychoanalytiker Peter Fonagy als ein Therapieverfahren der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Es hat sich auch in der Behandlung von anderen Störungen, die mit einer eingeschränkten Mentalisierungsfähigkeit einhergehen, wie die narzisstische Persönlichkeitsstörung bewährt.

Mittels ihrer Hilfe erlernen Patienten, eigene Wünsche, Gedanken und Überzeugungen und die anderer Menschen besser zu verstehen. Um mentale Zustände zu erforschen, ist es jedoch Voraussetzung, dass sich der Patient in der Therapie sicher gebunden und verstanden fühlt. Das setzt voraus, dass der Therapeut emotionale Erregungen des Patienten aushält.

Kognitive Verhaltenstherapie

Der Aufbau einer tragfähigen, wertschätzenden therapeutischen Beziehung ist ein wesentliches Element der Therapie. Dabei sollen die Eigenheiten des Patienten nicht moralisch gewertet werden. Stattdessen wird auf ganz konkrete Erfahrungen und Probleme eingegangen. An ihnen können charakteristische Schwierigkeiten des Patienten in Beziehungen herausgearbeitet und allmählich verändert werden. 

Außerdem sollen ungünstige Denkmuster verändert werden, zum Beispiel die Vorstellung, ständig gut sein zu müssen, um von anderen akzeptiert und wertgeschätzt zu werden. Die Patienten können lernen, ihr Selbstwertgefühl nicht mehr so stark von der Meinung anderer Menschen abhängig zu machen und besser mit Kritik umzugehen.

Damit die Betroffenen mehr Einfühlungsvermögen entwickeln, können Rollenspiele mit Videofeedback eingesetzt werden.

Artikel Verhaltenstherapie

Schematherapie

Die Schematherapie wird vor allem zur Behandlung von ausgeprägten, langanhaltenden psychischen Störungen eingesetzt, die sich auf die Persönlichkeit beziehen. In erster Linie wird sie bei der Therapie von Persönlichkeitsstörungen – vor allem der Borderline- und der narzisstischen Persönlichkeitsstörung – angewendet.

Die Schemata können mithilfe von Fragebögen identifiziert und anschließend im Gespräch mit dem Patienten überprüft werden. So soll der Patient zum Beispiel Situationen in seinem Leben nennen, in denen er sehr starke negative Gefühle erlebt hat. Denn diese lassen sich oft nicht durch die Auslösesituation erklären, sondern durch die Aktivierung von Schemata, die in der Kindheit entstanden sind. Weiterhin soll der Patient nach und nach verstehen, wie die Schemata im Kontext seiner Lebensgeschichte entstanden sind. Auf diese Weise kann er seine bisherigen Verhaltensmuster hinterfragen und so allmählich verändern.

In der nächsten Phase der Therapie geht es um die Veränderung der ungünstigen Schemata: Sie sollen nun durch verschiedene Techniken verändert und abgeschwächt werden. Ziel dabei ist, dass der Patient seine ungünstigen Verhaltensmuster allmählich aufgibt und lernt, seine Bedürfnisse bewusst und in einer angemessenen, flexiblen Art zu befriedigen.

Artikel Schematherapie

Paartherapie

Häufig ist ein Seitensprung der Auslöser dafür, dass Menschen mit einer narzisstischen Störung eine Paartherapie zu beginnen. Nicht selten betrachtet der narzisstische Partner es sogar als Großzügigkeit seinerseits, auf das Drängen des ko-narzisstischen Partners nach einer Paartherapie einzugehen. Der Paartherapeut Hilmar Bennecke hält ergänzende Einzelgespräche auch in einer Paartherapie für sinnvoll, da der Betroffene dadurch die Chance hat, sich mehr auf die Angebote des Therapeuten einzulassen, ohne sich gegenüber seinem Partner rechtfertigen zu müssen. 

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