Suizid und Suizidversuch trotz Tabuisierung vermeiden

Umfassende Beschäftigung mit dem Thema Suizid notwendig

11.07.2019 Von Ulrike Propach

 

"Du verstehst die einsame Dunkelheit der Nacht und auch den Tag,
wenn dir die Sonne lacht.
Tief erlebt und viel geweint
das hat die Seele selbst geheilt."

(© Monika Minder)

 

Suizid und Suizidversuch sind bis heute ein Tabu geblieben:  Auch in unserer aufgeklärten Leistungsgesellschaft wird der Umgang mit dem Thema Suizid nach wie vor gerne weggeschoben. Die mit einer solchen Tabuisierung oft einhergehende Scham der Betroffenen und ihrer Angehörigen erschwert den Umgang mit der lebensbedrohlichen Krise zusätzlich.

Die Folge: die Anzahl der Suizidtoten ist weltweit inzwischen höher ist als die Zahl aller Todesopfer durch Mord, Kriege, Unfälle und AIDS zusammen.

Definition Suizid: "Der Begriff Suizid oder auch Selbstmord, Selbsttötung oder Freitod beschreibt die absichtsvoll herbeigeführte Beendigung des eigenen Lebens (ICD-10: X60-X84). Dies kann sowohl aktiv durch die Ausführung einer bestimmten Handlung, als auch passiv durch das Unterlassen lebenserhaltender Maßnahmen geschehen." (Quelle: https://de.statista.com/themen/40/selbstmord/)

Schon allein aufgrund seiner Häufigkeit sowie der weitreichenden persönlichen Folgen für Betroffene und Angehörige ist es notwendig, sich umfassend mit dem Thema Suizid zu befassen. Auch das Eintreten für einen offeneren Umgang und eine offensive Herangehensweise beim Suchen und Umsetzen von neuen Lösungsansätzen sind geboten.

In diesem Artikel informieren wir Sie darüber

  • Wie es zu einer Selbsttötungsabsicht kommen kann
  • Woran Familie, Angehörige und Freunde eine bestehende Suizidalität erkennen können • Wie Familie, Angehörige und Freunde mit Suizidgefährdeten umgehen können 
  • Wie und wo Betroffene und ihre Angehörigen in der akuten Notlage Hilfe finden
  • Wie Suizidzahlen in Deutschland im internationalen Vergleich einzuordnen sind

Gründe für die anhaltende Tabuisierung des Themas Suizid

Unsere kulturelle Geschichte hat bisher keinen humanitären Umgang mit dem Freitod hervorgebracht. Grund dafür die könnte die weitgehende Verdammung des Suizids durch die drei großen Weltreligionen sein.

Auch wenn in der Bibel und Antike Selbsttötungen zunächst „neutral“ über Suizide berichtet wurde, führte im 5. Jahrhundert der Kirchenvater Aurelius Augustinus den Begriff „Selbstmörder“ ein. Die Selbsttötung wurde somit im Christentum moralisch dem Mord gleichgestellt. Ab dem 6. Jahrhundert wurde darüber hinaus dem Leichnam eines Selbstmörders das christliche Begräbnis verweigert. Koran und Talmud beziehen hingegen von Anfang Stellung gegen die Selbsttötung.

Die enge mittelalterliche Verbindung von kirchlicher und staatlicher Macht führte in vielen Ländern Europas dazu, dass die kirchliche Verdammung des Suizids in Form von Strafandrohungen in staatliche Gesetze eingeflossen ist.

Mögliche Folgen der gesellschaftlichen Tabuisierung von Suizid in Deutschland

Menschen in einer schweren persönlichen Krise mit Selbsttötungsabsichten sind kaum noch in der Lage, sich Hilfe zu holen. Sie sind somit auf Unterstützung von aufmerksamen Mitmenschen angewiesen. Angehörige oder Freunde sind jedoch in aller Regel überfordert, wenn sie bei einem geliebten Menschen Anzeichen einer möglicherweise beabsichtigten Selbsttötung entdecken.

Ein niederschwelliges öffentliches Angebot, welches Gefährdete und ihre Angehörige in einer akuten Notlage auffängt, existiert nicht.

Aufklärungskampagnen mit dem Ziel bestehende Vorurteile und gesellschaftliche Stigmatisierung abzubauen oder Präventionsprogramme sind in der deutschen Öffentlichkeit nicht wahrnehmbar.

In gesellschaftlichen und politischen Diskussionen kommen Selbsttötung und Umgang mit Suizidalität nur am Rande vor.

Jeden Tag sterben in Deutschland durchschnittlich immer noch rund 27 Menschen an Suizid. Darüber hinaus versuchen täglich weitere 274 Betroffene sich das Leben zu nehmen. Denn auch wenn die Anzahl der Selbsttötungen in Deutschland von 18.451 im Jahr 1980 auf 9.838 Suizidopfer im Jahr 2016 deutlich gesunken ist, konnte seit über 10 Jahren keine weitere Verringerung der Selbstmordrate mehr erreicht werden.

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