ADHS: Zu lebhaft und unruhig

Über die Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung

02.09.2015 Von Dr. Christine Amrhein

Bastian kann nicht lange stillsitzen, stört andere Kinder und redet oft einfach dazwischen, wenn jemand anderes spricht. Die Bemerkungen des Neunjährigen lassen zwar eine hohe Intelligenz vermuten, trotzdem schwanken seine Noten stark. Die häufigen Misserfolge haben Bastian dazu gebracht, dass er sich immer weniger anstrengt und kaum noch motiviert ist, am Unterricht teilzunehmen. Weil er seine Mitschüler öfters ärgert oder den Clown spielt, ist er in der Klasse nicht besonders beliebt und wird immer mehr zum Außenseiter.

Auch zuhause kommt es öfters zu Streitigkeiten. Bastian ist schnell frustriert, wenn er Anforderungen an ihn gestellt werden und reagiert dann gereizt und aggressiv. Seine ältere Schwester geht ihm inzwischen so weit wie möglich aus dem Weg. Seine Eltern wissen langsam nicht mehr weiter, sie fühlen sich ratlos und erschöpft. Die Mutter berichtet, dass bereits im Kindergarten Probleme aufgetreten seien. Dort habe sich Bastian oft sehr wild verhalten, ziellos von einer Aktivität zur anderen gewechselt und sich schlecht in die Gruppe der anderen Kinder eingefügt.

Eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS, gelegentlich auch ADS abgekürzt) wird von Fachleuten diagnostiziert, wenn folgende Kriterien zutreffen:

  1. ausgeprägte Unaufmerksamkeit, körperliche Unruhe und Impulsivität
  2. Symptome treten in mehreren unterschiedlichen Lebensbereichen (zum Beispiel zuhause, in der Schule, in der Freizeit) auf
  3. Symptome sind vor dem 6. Lebensjahr aufgetreten und haben mindestens sechs Monate lang bestanden

In internationalen und deutschen Studien wird die Häufigkeit einer ADHS, die die diagnostischen Kriterien (nach ICD oder DSM) erfüllt, mit etwa drei bis fünf Prozent der Schulkinder angegeben. Dabei sind Jungen etwa drei- bis fünfmal häufiger betroffen als Mädchen.

Als Bastian und seine Eltern in die Sprechstunde kommen, fragt der Kinder- und Jugend-Therapeut zunächst, welche Probleme und Symptome bestehen, wann sie begonnen haben, wie häufig und in welchen Situationen sie auftreten.

Es stellt sich heraus, dass bei Bastian die typischen Symptome einer Aufmerksamkeit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) auftreten, nämlich Hyperaktivität, Impulsivität und Störungen der Aufmerksamkeit.

Da mit einer ADHS oft weitere psychische Probleme – häufig Störungen beim Sozialverhalten und bei der Entwicklung bestimmter Fähigkeiten – einhergehen, überprüft der Therapeut im Gespräch ebenfalls, ob andere psychische Erkrankungen vorliegen.

Gleichzeitig macht er sich ein Bild von den psychischen und sozialen Problemen, aber auch von den Ressourcen in der Familie und in der Schule. Die Eltern bittet er einzuschätzen, wie die Probleme ihres Sohnes entstanden sein könnten und was sie sich von der Therapie erwarten.

Um die Symptomatik genauer beurteilen zu können, beobachtet der Therapeut Bastians Verhalten in der Untersuchungssituation und macht mit ihm verschiedene Tests, zum Beispiel misst er dessen Aufmerksamkeit und Intelligenz. Auf diese Weise kann er Bastians körperlichen, psychischen und sozialen Entwicklungsstand und seine geistige Leistungsfähigkeit beurteilen.

Mit dem Einverständnis der Eltern spricht der Behandler auch mit der Klassenlehrerin, um ein möglichst umfassendes Bild der Symptomatik zu bekommen. Im diagnostischen Gespräch stellt sich bereits heraus, dass es durch Bastians impulsives, wechselhaftes Verhalten häufig zu Konflikten mit den Eltern kommt. Weil diese häufig nicht weiter wissen, reagieren sie immer öfter gereizt oder resigniert. So wird Bastian manchmal für aufsässiges Verhalten bestraft, ein anderes Mal hat sein Verhalten jedoch keine Konsequenzen. Hier zeigen sich also bereits einzelne Problembereiche in der Familie, denen mit entsprechenden Therapiemaßnahmen positiv entgegengewirkt werden kann.

Multimodale Therapie

Zu Beginn der Therapie erhalten Bastians Eltern eine ausführliche Psychoedukation, das bedeutet, sie werden ausführlich über das Störungsbild der ADHS informiert und über Behandlungsmöglichkeiten beraten.

Weil die hyperaktive und impulsive Symptomatik bei Bastian relativ stark ausgeprägt ist und in vielen Situationen auftritt, wird eine medikamentöse Behandlung mit Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, eingeleitet. Dabei wird mit einer individuell abgestimmten Dosierung begonnen. Im weiteren Verlauf werden die Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikation genau beobachtet und die Dosis entsprechend angepasst. So hat Bastian am Anfang der Therapie weniger Appetit und Schwierigkeiten beim Einschlafen. Durch die Anpassung der Dosis und die Einnahme im Laufe des Tages, abends nimmt er nichts ein, gehen die Nebenwirkungen nach den ersten Wochen weitgehend zurück.

Familie und Schule in die Therapie einbinden

Gleichzeitig werden verschiedene Maßnahmen der kognitiven Verhaltenstherapie durchgeführt. Sie sollen dazu beitragen, Bastians Konzentrations- und Lernfähigkeit zu verbessern, seine Impulsivität und Hyperaktivität zu kontrollieren und seine soziale Kompetenz zu verbessern. So lernt Bastian in einem Selbstinstruktions- und Selbstmanagementtraining, sein impulsives Denken und Handeln mehr zu kontrollieren und Probleme beziehungsweise Aufgaben überlegter und Schritt für Schritt zu lösen. Außerdem übt der Therapeut mit ihm, ungünstiges Verhalten wie ein Dazwischenreden, wenn andere sprechen, zu erkennen und zu korrigieren.

Die ganze Familie wird in die Therapie einbezogen. So lernen die Eltern, wie sie eine positive Beziehung zu Bastian aufbauen und ihn für wünschenswertes Verhalten belohnen können. Außerdem wird ihnen vermittelt, auf problematisches Verhalten zwar konsequent, aber ohne Wut oder verstärkten Druck zu reagieren. Sie vereinbaren mit Bastian feste Regeln, die den Alltag für ihn überschaubarer und berechenbarer machen, so dass er sich nicht mehr durch zu viele Reize überfordert fühlt.

Neben den Einzelterminen finden mehrere Therapiegespräche gemeinsam mit Bastian und seinen Eltern, teilweise auch mit der Schwester, statt, das nennt man eine familienbezogene Intervention. Dabei geht es zum Beispiel um die häufigen Streitereien zwischen Bastian und seiner Mutter. In den Gesprächen lernen Bastian und die anderen Familienmitglieder, die Sichtweise der anderen besser zu verstehen und üben, wie sie besser mit den verschiedenen problematischen Situationen umgehen können.

Token-System fördert angemessenes Verhalten

Auch die Lehrer werden mit Einverständnis der Eltern über die Diagnose von Bastian informiert und in die Therapie einbezogen. So kommt der Therapeut auch in die Schule und informiert die Lehrer, wie sie den Unterricht für Bastian möglichst ansprechend gestalten und so seine Hyperaktivität verringern können. Dazu gehört zum Beispiel, den Unterricht stimulierend zu gestalten, Bastian und die anderen Schüler aktiv in den Unterricht einzubeziehen, ausreichend Bewegung und eher aktive Aufgaben einzuplanen und Regeln im Umgang mit störendem Verhalten festzulegen.

Außerdem setzen einige Lehrer Verstärkersysteme ein, bei denen Bastian für erwünschtes Verhalten „Sterne“ erhält, die er später gegen eine Belohnung eintauschen kann. Bei unerwünschtem Verhalten werden dagegen „Sterne“ abgezogen. Dieses so genannte Token-System soll dazu beitragen, bei Bastian angemessenes Verhalten zu fördern und auffälliges Verhalten zu verringern.