Internetsucht und Smartphone-Sucht

Exzessive, problematische Nutzung der digitalen Medien

Internet, Laptop, Tablet, Smartphone: Die „neuen Medien” gehören für viele Menschen inzwischen zum Alltag und werden immer häufiger genutzt. So besitzen 72 Prozent der Jugendlichen von 12 bis 19 Jahren ein Smartphone, mit dem sie regelmäßig ins Internet gehen. Die digitalen Medien können viele Abläufe erleichtern und eröffnen neue Möglichkeiten: Man kann sie bei der Arbeit, für die Suche nach Informationen, zum Einkaufen, zum Austausch mit Freunden und Familie usw. nutzen.

Allerdings verändern digitale Medien, die überall und jederzeit verfügbar sind, auch die Kommunikation mit anderen Menschen und die Art, wie mit diesen Medien umgegangen wird. So sind viele Menschen einen großen Teil ihres Tages „online” und nutzen für viele Aktivitäten ihr Smartphone. Trotz des häufigen Gebrauchs sind die meisten aber nicht internetsüchtig, sondern gehen konstruktiv mit den vielfältigen Angeboten um.

Was versteht man unter einer Internetsucht?

Es kann jedoch vorkommen, dass jemand Internet oder Smartphone übermäßig nutzt und damit sich selbst schadet oder die Beziehungen zu nahestehenden Menschen gefährdet. Dann ist häufig von einer Internet-, Online- oder Smartphone-Sucht, einer Internetabhängigkeit oder einem pathologischen Internetgebrauch die Rede. Bisher gibt es keinen einheitlichen Begriff für eine exzessive, problematische Nutzung der digitalen Medien. Am häufigsten wird aber der Begriff „Internetsucht” oder „Internetabhängigkeit” (englisch: Internet Addiction Disorder) gebraucht, der 1995 vom amerikanischen Psychiater Ivan Goldberg eingeführt wurde.

Da immer mehr Aktivitäten und immer mehr Formen des sozialen Kontakts online stattfinden, ist es oft schwierig, eine normale Internetnutzung von einem problematischen Gebrauch bzw. einer Internetsucht abzugrenzen. Gleichzeitig ist der Übergang von einer intensiven Internetnutzung zu einer Sucht oft fließend und nicht eindeutig zu erkennen. Wie lange jemand am Tag online ist, ist dabei kein eindeutiger Anhaltspunkt für eine Abhängigkeit. Ein wichtiges Kriterium ist aber, wenn die Aktivitäten im Internet für den Betroffenen attraktiver werden als das übrige Leben und durch das ständige Online-Sein andere Aktivitäten, Verpflichtungen und / oder soziale Kontakte im „realen” Leben vernachlässigt werden.

In den beiden wichtigsten Klassifikationssystemen für psychische Erkrankungen, der Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) und dem Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen (DSM), wird Internet-Abhängigkeit bisher nicht als Diagnose aufgeführt. Daher gibt es bisher auch keine festen, einheitlichen Diagnosekriterien. Stattdessen orientieren sich Experten bei der Diagnosestellung an den Kriterien für andere Formen der Sucht (wie zum Beispiel Alkoholabhängigkeit).

Von einem schädlichen Gebrauch bzw. einer problematischen Internetnutzung wird gesprochen, wenn das Internet übermäßig genutzt wird und dies zur Beeinträchtigung der psychischen und körperlichen Gesundheit führt.

Von einer Sucht bzw. Abhängigkeit geht man aus, wenn folgende Merkmale vorliegen:

  • Jemand hat den ausgeprägten Wunsch bzw. das ausgeprägte Verlangen (Craving), ständig online zu sein und hat dabei Schwierigkeiten, seinen Internet-Konsum zu kontrollieren. Der Betroffene verbringt einen großen Teil des Tages im Internet (am PC, mit dem Smartphone o. ä.), was dazu führt, dass sonstige Lebensgewohnheiten, Verpflichtungen in Beruf oder bei der Ausbildung und soziale Kontakte, etwa mit Freunden und Familie, vernachlässigt werden. Im Extremfall werden sogar die persönliche Versorgung (zum Beispiel Essen, Trinken) und die Körperhygiene vernachlässigt.
  • Das Internet wird dabei gezielt genutzt, um negative Stimmung oder Stress abzubauen.
  • Versuche, die Zeit der Internetnutzung zu reduzieren oder die Online-Aktivitäten zu unterbrechen, bleiben erfolglos. Das heißt, den Betroffenen ist das Problem oft bewusst, sie schaffen es aber nicht, ihr Verhalten aus eigener Kraft zu ändern.
  • Es können Entzugserscheinungen auftreten, wie schlechte Laune, Reizbarkeit, Nervosität, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Aggressivität oder Schlafstörungen.
  • Es kann sein, dass jemand immer mehr Zeit online verbringen muss, um den gleichen positiven Effekt zu erreichen – zum Beispiel eine gute Stimmung, das Gefühl von Befriedigung oder Entspannung. Dies bezeichnet man auch als „Toleranzentwicklung”.
  • Die exzessive Internetnutzung wird vor anderen verheimlicht oder heruntergespielt. Zudem will der Betroffene sich oft selbst nicht eingestehen, dass er das Internet zu intensiv nutzt und dadurch weitere Probleme entstehen (zum Beispiel Konflikte in Beziehungen, Probleme in der Schule oder am Arbeitsplatz oder gesundheitliche Probleme).
  • Das ständige Online-Sein hat negative Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen, etwa zu Partner, Familie oder Freunden, oder negative Auswirkungen in Ausbildung und Beruf, wie schlechte Schulleistungen oder berufliche Leistungen.

Fallbeispiel

Die amerikanische Psychologin Kimberly Young, die sich schon in den 1990er Jahren mit Online-Abhängigkeit beschäftigt hat, beschreibt folgenden Fall:
Einer 43-jährige Frau, verheiratet und zwei Töchter, zeigte bisher keine Anzeichen einer Sucht oder einer anderen psychischen Erkrankung. Als sie sich einen eigenen Computer anschaffte, kam es immer häufiger vor, dass sie Chatrooms besuchte – bis sie 60 Stunden in der Woche online war. Bald konzentrierte sie sich auf einen bestimmten Chatroom, wo sie eine führende Rolle einnahm und ein Gemeinschaftsgefühl mit der Gruppe entwickelte. Nach einiger Zeit versuchte sie zwar, ihre Zeit am Computer zu reduzieren, dies gelang ihr aber nicht. So verbrachte sie teilweise bis zu 14 Stunden am Tag am PC. Wenn sie nicht online sein konnte, litt sie immer stärker unter Nervosität, Angstzuständen und depressiver Verstimmung. Sie vernachlässigte ihre Freunde, ihre Familie und andere soziale Aktivitäten. Dadurch kam es immer öfter zu Streit mit ihrem Ehemann und ihren Töchtern, die ihr zunehmend Vorwürfe machten. Dadurch gestand sich die 43-Jährige schließlich ein, süchtig zu sein, und beschloss, etwas zu verändern. Es gelang ihr, ihren Internetkonsum ohne therapeutische Hilfe zu verringern – allerdings nicht so stark, wie sie sich dies gewünscht hätte.

Internetsucht besser erforschen und Therapieangebote entwickeln

Die Sucht nach digitalen Medien ist ein relativ neues Phänomen – und deshalb bisher noch wenig erforscht. So wird zum Beispiel diskutiert, ob es sich dabei um eine Sucht, eine Störung der Impulskontrolle oder eine Störung der Selbststeuerung und der Regulierung von Gefühlen handelt.

Weil die Erkrankung relativ neu ist, gibt es bisher auch kaum spezialisierte Angebote zur Vorbeugung (Prävention), Beratung und Therapie. Experten fordern deshalb, dass Internetsucht als psychische Störung anerkannt und in die Diagnosesysteme ICD und DSM aufgenommen werden sollte. Dies wird als wichtig angesehen, um geeignete Diagnose-Instrumente und bessere, spezialisierte Präventions-, Behandlungs- und Nachsorgeangebote entwickeln zu können.

Außerdem fordern Fachleute, mehr Forschung zur Internetsucht und ihren Ursachen durchzuführen – auch, um herauszufinden, welche Präventions- und Therapieansätze am besten geeignet sind. Bisher wurde nur die Erkrankung „Internet-Spielsucht” als Forschungsdiagnose im DSM aufgenommen – das heißt, dass sie wissenschaftlich genauer untersucht werden soll und in Zukunft möglicherweise als eigenständiges Störungsbild akzeptiert wird.