Persönlichkeitsmerkmale als störende Belastung (Seite 7/16)

Schizotypische Persönlichkeitsstörung

Schizotyp: tiefgreifende Muster sozialer und zwischenmenschlicher Defizite

Menschen mit einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung haben ein tiefgreifendes Defizit bei den zwischenmenschlichen Beziehungen und ihren sozialen Fähigkeiten. Außerdem zeigen sie Eigentümlichkeiten in ihrem Verhalten, im Denken und bei der Wahrnehmung. So ist ihr äußeres Erscheinungsbild oft skurril oder ungepflegt und ihre Sprache eigenwillig. Auf andere wirken sie oft unzugänglich, gefühlsarm und gleichgültig, aber auch schrullig und exzentrisch. Ihnen fehlt die Fähigkeit, engere zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten. Außerdem sind sie anderen gegenüber oft sehr misstrauisch.

Sebastian, 28 Jahre alt, war schon als Kind etwas sonderbar. Er spielte wenig mit seinen Geschwistern oder mit anderen Kindern und wurde oft von ihnen gehänselt. Zu Beginn der Schulzeit waren seine Leistungen noch gut, aber mit 14 Jahren verschlechterten sie sich extrem. Er weigerte sich oft, in die Schule zu gehen und klagte über verschiedene körperliche Beschwerden. Ein Jahr später blieb er nur noch zuhause und verkroch sich in einem Kellerraum. Seine Familie fing an, ihn als „übergeschnappt“ anzusehen. Er machte seltsame Zeichnungen, redete mit sich selbst und hatte eigenartige religiöse Überzeugungen.

Von jetzt an lebte er bei der Familie, die ihn ernährte. Später nahm er hin und wieder Aushilfstätigkeiten an, die nicht anspruchsvoll waren und bei denen er keinen Kontakt mit anderen hatte – zum Beispiel Jobs in einer Fabrik am Fließband. Ansonsten saß er oft in seinem Kellerzimmer und grübelte. Seine Kleidung war bunt zusammengewürfelt, und er trug eigenartige Accessoires. Oft sprach er laut vor sich hin und behauptete dann zum Beispiel, sein Körper sei in den Himmel gegangen und er habe ihm hinterher laufen müssen. Dabei waren bei ihm aber nie die Kriterien für eine Schizophrenie erfüllt. (nach Comer, 2008)

Übergänge zur Normalität – schizotypischer Persönlichkeitsstil (nach Kuhl & Kazén)

Bei einem schizotypischen Persönlichkeitsstil – der einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung ähnelt, aber weniger stark ausgeprägt ist – sind die Betroffenen besonders sensibel. Sie messen vielen Ereignissen, Dingen und Personen in ihrer Umgebung eine besondere, emotionale Bedeutung zu, die nichts mit den tatsächlichen Gegebenheiten zu tun hat. In zwischenmenschlichen Beziehungen reagieren sie sehr empfindsam und fühlen sich in Gesellschaft anderer eher unwohl. Oft wählen sie kreative, künstlerische Berufe, zum Beispiel als Maler oder Schriftsteller.

Welche Symptome sind typisch für eine schizotypische Persönlichkeitsstörung?

Nach den Kriterien des DSM besteht ein tiefgreifendes Muster sozialer und zwischenmenschlicher Defizite, das durch eine mangelnde Fähigkeit zu engen Beziehungen und akutes Unbehagen in Beziehungen gekennzeichnet ist. Außerdem kommen Verzerrungen bei der Wahrnehmung und beim Denken und eigentümliches Verhalten vor. Die Störung beginnt im frühen Erwachsenenalter und zeigt sich in unterschiedlichen Situationen.

Die Merkmale treten dabei nicht ausschließlich im Verlauf einer Schizophrenie, einer affektiven Störung mit wahnhaften Merkmalen oder einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung (einer ausgeprägten Störung der Kommunikation und der sozialen Beziehungen, die seit der frühen Kindheit besteht) auf.

Es müssen mindestens fünf der folgenden Kriterien erfüllt sein:

1. Die Betroffenen haben Beziehungsideen – das heißt, sie beziehen Dinge und Ereignisse auf sich, die in Wirklichkeit nichts mit ihnen zu tun haben. Dies ist jedoch nicht so ausgeprägt, dass man von einem Beziehungswahn sprechen würde.
2. Sie haben seltsame Überzeugungen oder magische Denkinhalte, die ihr Verhalten beeinflussen. Diese stimmen nicht mit den Normen und Vorstellungen überein, die in ihrer eigenen Kultur üblich. Zum Beispiel sind sie abergläubisch oder glauben an Hellseherei, Telepathie oder einen sechsten Sinn. Bei Kindern und Heranwachsenden können bizarre Phantasien und Beschäftigungen vorkommen.
3. Sie haben ungewöhnliche Wahrnehmungserfahrungen. Dies können auch Illusionen sein, die sich auf den eigenen Körper beziehen.
4. Ihre Denk- und Sprechweise ist seltsam – zum Beispiel vage, umständlich, metaphorisch, übergenau oder stereotyp.
5. Die Betroffenen sind argwöhnisch oder haben paranoide Vorstellungen.
6. Ihre gefühlsmäßigen Reaktionen sind unpassend oder eingeschränkt.
7. Ihr Verhalten oder ihre äußere Erscheinung sind seltsam, exzentrisch oder merkwürdig.
8. Sie haben keine oder fast keine engen Freunde oder Vertraute, außer Verwandten ersten Grades.
9. Sie haben eine ausgeprägte soziale Angst, die auch mit zunehmender Vertrautheit nicht abnimmt. Diese hängt eher mit den paranoiden Befürchtungen zusammen als mit der Angst, von anderen abgelehnt zu werden.


In der ICD-10 wird das Störungsbild hingegen nicht den Persönlichkeitsstörungen, sondern den „schizophrenen und wahnhaften Störungen“ zugeordnet. Das wird damit begründet, dass die Störung häufiger bei Menschen vorkommt, in deren Familie bereits schizophrene Erkrankungen aufgetreten sind – deshalb wird angenommen, dass sie ein Teil des genetischen Spektrums der Schizophrenie ist. Der Beginn und Verlauf entsprechen aber denen einer Persönlichkeitsstörung.

Wie häufig kommt eine schizotypische Persönlichkeitsstörung vor?

Es wird geschätzt, dass ein bis vier Prozent der Bevölkerung von der Störung betroffen sind – Männer häufiger als Frauen. Bei der Diagnosestellung ist wichtig, die Symptomatik von ähnlichen Erkrankungsbildern abzugrenzen – insbesondere von einer Schizophrenie.

Was sind mögliche Ursachen der schizotypischen Persönlichkeitsstörung?

Auch hier wird angenommen, dass ein Zusammenspiel von biologischen, psychischen und umweltbezogenen Faktoren zur Entstehung der Störung beiträgt. Dabei ist es wahrscheinlich, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen, weil die Störung häufig in Familien vorkommt, in denen ein Mitglied an Schizophrenie erkrankt ist. Außerdem lassen sich bei beiden Erkrankungen Ähnlichkeiten beobachten – zum Beispiel eine erhöhte Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin im Gehirn, charakteristische Abweichungen in der Anatomie des Gehirns und typische Veränderungen bei Aufmerksamkeit und Kurzzeitgedächtnis.

Darüber hinaus wird vermutet, dass Traumatisierungen oder eine Vernachlässigung in der frühen Kindheit zur Entstehung beitragen. So berichten viele Betroffene über sexuellen Missbrauch, körperliche Misshandlung oder Vernachlässigung in ihrer Kindheit. Es könnte sein, dass auch ein gefühlsarmes oder unpassendes Verhalten der Mutter dazu beiträgt, dass die Betroffenen sich schwertun, engere zwischenmenschlichere Beziehungen einzugehen.

Eine weitere Annahme ist, dass Menschen mit schizotypischer Persönlichkeitsstörung  besonders sensibel auf Reize reagieren und schnell von Reizen überflutet werden können. Deshalb könnten sie in angespannten Situationen Schwierigkeiten haben, wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden – und dann zu bizarren Wahrnehmungen und Gedanken neigen. Als Schutz vor Reizüberflutung bauen sie möglicherweise einen inneren Schutzwall auf, der sie aber wiederum daran hindert, Gefühle zu empfinden oder zu zeigen.

Behandlung von schizotypischen Persönlichkeitsstörungen

Psychotherapeutische Ansätze

Auch die schizotypische Persönlichkeitsstörung wird in erste Linie mit Psychotherapie behandelt. Ein wichtiges Ziel dabei ist, dass die Patienten allmählich überhaupt wieder Beziehungen zur Außenwelt aufnehmen und zwischenmenschliche Kontakte zulassen. Außerdem soll die Therapie sie dabei unterstützen, zwischen ihren eigenen Gedanken und der realen Umwelt zu unterscheiden und bizarre Ideen zu hinterfragen.

Auch anhaltende Stressfaktoren und Belastungen können dazu führen, dass die Betroffenen in aktuelle Beziehungen Probleme sehen, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Deshalb ist es wichtig, solche Stressfaktoren in der Therapie zu erkennen und zu verändern. Weitere Ziele der Therapie sind, den Patienten ihre Gefühle mehr bewusst zu machen, ihre individuellen Stärken zu fördern und Bedingungen zu schaffen, in denen eine Reizüberflutung vermieden wird.

Mögliche Probleme in der Psychotherapie und Lösungsansätze

Die meisten Patienten suchen nicht aus eigenem Antrieb eine Behandlung auf. Meist lassen sie sich nur dann auf eine Therapie ein, wenn andere Probleme wie eine Depression oder eine Sucht bestehen. Die therapeutische Arbeit mit den Patienten ist meist schwierig, und es lassen oft sich nur geringe Veränderungen erreichen.

Deshalb steht auch hier der Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung im Vordergrund, durch die die Betroffenen überhaupt erst die Erfahrung eines positiven zwischenmenschlichen Kontakts machen können. Wegen der ungewöhnlichen, bizarren Denkvorstellungen und der Beziehungsideen sollte der Therapeuten klare Regeln aufstellen, Grenzen setzen und Unterschiede zwischen seiner eigenen Sichtweise und der des Patienten deutlich machen. Außerdem wird in der Therapie darauf geachtet, die einzelnen Vorgehensweisen und ihren Sinn verständlich zu machen und die Stunden klar zu strukturieren.

Psychoanalytische und tiefenpsychologisch-fundierte Therapie

Aus Sicht der Psychoanalyse ist eine schizotypische Persönlichkeitsstörung durch Faktoren in der frühen Kindheit entstanden. Dabei projizieren die Betroffenen ihre eigenen Gefühle auf andere und sind gleichzeitig nicht in der Lage, zwischen ihren eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Ansichten und denen anderer Menschen zu unterscheiden.

in der Therapie sollen sie deshalb lernen, zwischen ihren eigenen Vorstellungen und denen anderer Menschen besser zu unterscheiden. Auch von ihren Mitmenschen und von ihrer Umwelt haben sie oft ein durch die Fantasie bestimmtes Bild. Dieses soll in der Therapie hinterfragt und korrigiert werden, so dass sie ihre Umwelt allmählich realistischer wahrnehmen.

Während der gesamten Therapie verhält sich der Therapeut unterstützend, gibt konkrete Hilfestellungen und vermeidet es, die Patienten direkt mit ihren auffälligen Denk- und Verhaltensweisen zu konfrontieren. Auf diese Weise können die Betroffenen mit der Zeit die Erfahrung machen, dass Beziehungen zu anderen Menschen nicht nur bedrohlich sind und sogar befriedigend sein können.

Kognitive Verhaltenstherapie

Hier ist die Therapie oft an Therapieansätze für schizophrene und depressive Patienten angelehnt. Wichtige Ziele sind, das Selbstvertrauen der Patienten zu stärken, ihre sozialen Fertigkeiten zu verbessern und einen besseren Umgang mit ihren Ängsten zu ermöglichen. Außerdem wird versucht, die ungewöhnlichen Wahrnehmungen und Gedanken des Patienten herauszuarbeiten und zu hinterfragen, indem sie mit den objektiven Gegebenheiten verglichen werden. Ebenso können die Betroffenen üben, die Wirkung ihres eigenen Verhaltens und die Reaktionen anderen Menschen realistischer einzuschätzen. Um die umständliche, vage Ausdrucksweise zu verändern, können sie aufgefordert werden, klare, zusammenfassende Aussagen zu machen.

Weiterhin erhalten die Patienten konkrete Hilfestellungen bei der Lösung von Alltagsproblemen – zum Beispiel dabei, längerfristige Freundschaften aufzubauen, Konflikte zu lösen oder einen geeigneten Arbeitsplatz oder eine Wohnung zu finden. Bei manchen Patienten kann es hilfreich sein, sie über angemessenes Verhalten in bestimmten Situationen oder über angemessene Kleidung zu informieren, so dass sie sich daran orientieren können.

In seltenen Fällen erkranken Menschen mit einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung auch an einer Schizophrenie. Deshalb wird es als sinnvoll angesehen, sie über dieses Risiko und die Symptome einer Schizophrenie, aber auch der schizotypischen Persönlichkeitsstörung aufzuklären. Man nimmt an, dass die Patienten so ihre eigenen, oft diffusen Symptome besser verstehen können und besser erkennen, wann das Risiko für eine Schizophrenie besteht.

Therapie mit Psychopharmaka

Da die Symptomatik in einigen Aspekten der Schizophrenie ähnelt, wird häufig eine antipsychotische Medikation in niedriger Dosierung verordnet. Sie kann in einigen Fällen dazu beitragen, die Auffälligkeiten im Denken zu verringern.

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