Angehörige psychisch Kranker (Seite 7/11)

So können Sie als Angehörige bei einer Angststörung helfen

Betroffene meiden angstbesetzte Aktivitäten, ziehen sich zurück und schränken so den Familienalltag spürbar ein

Silke ist 36 Jahre alt, verheiratet und Mutter von 2 Kindern, 7 und 9 Jahre alt. Im Urlaub bekommt sie erstmals bei einer Gondelfahrt große Angst, weil sie aus dem engen Raum nicht einfach entkommen kann. Mit der Zeit tritt die Angst in immer mehr Situationen auf, etwa in der U-Bahn, beim Autofahren oder beim Einkaufen. Silke vermeidet mehr und mehr Situationen, und schließlich fällt es ihr schwer, überhaupt noch das Haus zu verlassen. Ihr Mann macht sich Sorgen und möchte sie unterstützen, indem er ihr viele Aufgaben abnimmt oder sie dabei begleitet. Weil er gleichzeitig viel arbeiten muss, fühlt er sich zunehmend gestresst und erschöpft. Von Zeit zu Zeit ist er auch genervt und versteht nicht, warum Silke vor an sich harmlosen Situationen solche Angst hat. Auch ihre Kinder bekommen mit, dass Silke in vielen Situationen Angst hat. Sie versuchen, ihr Mut zu machen und springen für sie ein, wenn sie etwas nicht schafft. Gleichzeitig entwickelt Benno, der Jüngere, ebenfalls Ängste und leidet öfter unter Bauchschmerzen.

Schließlich entscheidet Silke sich, Hilfe bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten zu suchen. Dieser sucht gemeinsam mit ihr nach den Ursachen der Angst und hilft ihr, die angstbesetzten Situationen mit verschiedenen Übungen zu bewältigen. Auch ihr Mann nimmt ab und zu an den Therapiesitzungen teil. Der Therapeut erklärt ihm, wie Ängste entstehen und zeigt auf, wie er Silke bei der Bewältigung der Ängste unterstützen kann.

Welche Schwierigkeiten können bei einer Angststörung in Familie und Partnerschaft auftreten?

Eine Angststörung führt oft dazu, dass der Betroffene viele Aktivitäten und Kontakte zu anderen Menschen vermeidet und sich mehr und mehr zurückzieht. Das ist auch für den Partner oder die Angehörigen belastend, weil so gemeinsame Hobbies und Aktivitäten nicht mehr möglich sind oder Kontakte zu Freunden nicht mehr gepflegt werden können. Die Angststörung kann dazu führen, dass der Partner aus Rücksicht selbst auf vieles verzichtet – oder aber, dass er nun vieles alleine macht und die Beziehung sich auseinander entwickelt.

Häufig kommt es vor, dass die Betroffenen ihre Angehörigen in die Angststörung einbinden. So muss zum Beispiel die ganze Familie auf Dinge verzichten, vor denen das betroffene Familienmitglied Angst hat. Es kann sein, dass die Angehörigen Umstände in Kauf nehmen (etwa einen Umweg fahren, weil der Betroffene Angst vor Brücken oder Tunneln hat), ihm Aufgaben abnehmen oder ihm immer wieder versichern müssen, dass eine Situation nicht gefährlich ist.

Die Ängste des Partners oder Familienangehörigen können auch dazu führen, dass Angehörige sich bedrückt, verzweifelt oder hilflos fühlen. Es kann anstrengend sein, ständig für den Angst-betroffenen da sein zu müssen. Manche Angehörigen haben auch das Gefühl, immer stark sein und ihre eigenen Probleme zurückstellen zu müssen.

Im Serviceteil finden Sie  Informationen und Anlaufstellen, an die Sie sich mit Ihren Sorgen und Problemen als Angehöriger wenden können.

Wie können Sie Ihren Angehörigen mit einer Angststörung möglichst gut unterstützen?

Wenn Sie Ihren Angehörigen mit einer Angststörung möglichst gut unterstützen möchten, beachten Sie bitte Folgendes:

  • Machen Sie sich bewusst, dass es bei der Angst um eine Krankheit handelt. Nehmen Sie die Angst Ihres Angehörigen ernst und machen Sie sich nicht über ihn oder seine Ängste lustig. Verharmlosen Sie die Angst nicht, etwas mit Sätzen wie „Das ist doch gar nicht schlimm.“ oder „Ich habe doch auch keine Angst.“ Denn der Betroffene nimmt die Situation anders wahr und die Angst ist für ihn real.
  • Motivieren Sie Ihren Angehörigen, sich Unterstützung zu suchen, etwa in einer Selbsthilfegruppe für Angststörungen, in einer ambulanten Psychotherapie oder in einer Angstambulanz. Machen Sie Ihrem Angehörigen klar, dass Angststörungen sich meist gut behandeln lassen.
  • Sie können die Therapie und die Bewältigung der Angst auf verschiedene Weise unterstützen:
    • Informieren Sie sich gut über die Angst, wie sie entsteht und wie Ihr Angehöriger sie überwinden kann. Das ist wichtig, damit Sie Ihren Angehörigen gut bei der Bewältigung der Angst unterstützen können – und die Angst oder das Vermeidungsverhalten nicht ungewollt verstärken. So kann Verhalten, dass den Betroffenen stark schont oder seine Unselbständigkeit fördert, die Ängste auf Dauer eher verfestigen und verstärken.
    • Nehmen Sie Ihrem Angehörigen nicht alle Aufgaben ab, vor denen er Angst hat, und begleiten Sie ihn nicht überall hin. Motivieren Sie ihn stattdessen dazu, Schritt für Schritt wieder mehr Aufgaben selbst zu übernehmen. Ermutigen Sie ihn, angstbesetzte Situationen bewusst aufzusuchen und in der Situation zu bleiben, bis die Angst abgeklungen ist. Setzen Sie ihn dabei jedoch nicht zu stark unter Druck. Loben Sie ihn für Dinge, die er geschafft hat.
    • Erinnern Sie Ihren Angehörigen in Angst-Situationen an die Bewältigungsstrategien, die er in der Therapie gelernt hat – etwa, sich bewusst zu entspannen oder sich positive Instruktionen zu geben.
    • Zeigen Sie Ihrem Angehörigen in Situationen, in der er starke Angst hat, dass Sie für ihn da sind und fragen Sie, wie Sie ihm helfen können. Beruhigen Sie ihn, leiten Sie ihn zu einer Atem- oder Entspannungsübung an, oder fragen Sie, welche Gedanken, Gefühle und körperlichen Empfindungen er gerade erlebt.
    • Falls Ihr Angehöriger eine Situation sehr schwierig findet, ermutigen Sie ihn dazu, stattdessen eine leichtere Situation aufzusuchen, in der er weniger Angst hat.

Lesen Sie auch die allgemeinen Tipps unter „Wie kann ein guter Umgang mit der psychischen Erkrankung gelingen?“  und „Was können Angehörige selbst für ihre psychische Gesundheit tun?“.