Erfahrungsberichte 'Therapie hat mir geholfen' (Seite 5/11)

„Ich spüre mich wieder mehr“

Erfahrungsbericht von Dörthe, 43 Jahre, aus Brandenburg, Art der Therapie: EMDR-Therapie

therapie.de: Was waren die Gründe dafür, eine Therapie zu beginnen? Wie haben Sie den Weg in die Therapie gefunden?

Der Hintergrund ist, dass ich von meinem Vater in der Kindheit jahrelang missbraucht wurde. Ich habe das lange Zeit verdrängt, bis es irgendwann wieder an die Oberfläche kam. Ich habe mich auch anderen mit meinen Erlebnissen anvertraut, zum Beispiel meinem Ex-Mann – aber sie haben mir nicht geglaubt und mich oft sogar als „Lügnerin“ bezeichnet. Dadurch habe ich im Lauf der Zeit den Glauben an Gerechtigkeit verloren. Ich habe mich auch sehr oft geschämt und Schuldgefühle gehabt.

Irgendwann war ich an einem Punkt, wo ich einfach nicht mehr konnte. Ich hatte starke Ängste, Panikattacken und überhaupt kein Selbstwertgefühl mehr. Ich war am Ende meiner Kräfte und emotional wie tot. Ohne die Therapie wäre es wohl überhaupt nicht mehr weitergegangen.

Ich habe dann gezielt nach einer Therapeutin gesucht. Dabei habe ich auch bei meiner jetzigen Therapeutin angerufen – und als ich am Telefon ihre Stimme gehört habe, habe ich sofort gedacht: „ Bei ihr würde ich mich wohlfühlen.“ Und zum Glück konnte ich dort tatsächlich die Therapie beginnen.

therapie.de: Welche Art von Therapie haben Sie gemacht? Wie lange hat die Therapie gedauert und wie oft fanden die Termine statt?

Ich mache jetzt seit drei Jahren eine EMDR-Therapie. Sie fand am Anfang alle zwei Wochen und später alle vier bis sechs Wochen statt. Jetzt läuft die Therapie noch ein paar Stunden und geht dann zu Ende.

therapie.de: Wie sah der Ablauf der Therapie aus? Was wurde dort gemacht? Was haben Sie als besonders hilfreich erlebt?

Am Anfang der Therapie hatte ich sehr oft Panikattacken. Deshalb haben wir zunächst Entspannungstechniken geübt und nach Möglichkeiten gesucht, wie ich mental wieder „runterkommen“ kann.

Außerdem haben wir viel Innere-Kind-Arbeit gemacht. Das heißt, dass ich mir die „kleine, verletzte Dörthe“ und mich selbst vorstelle. Dann kann ich mit ihr zum Beispiel an einen Ort gehen, wo sie sich sicher und wohl fühlt – oder ich kann sie aufmuntern, beschützen oder mit ihr lachen. Wir haben auch Phantasiereisen gemacht, bei denen ich mir vorstelle, an einem schönen Ort zu sein, an dem ich mich vollkommen wohlfühle.

Später haben wir auch kleine „Stücke“ aus meinem Unterbewusststein bearbeitet. Dabei haben wir die EMDR-Technik verwendet, bei der ich mir Situationen oder Bilder, die in mir hochkommen, vor Augen führen sollte. Hierbei kamen viele Gefühle in mir hoch – Mitleid mit dem Täter, Selbstmitleid, Wut, Hass, Verzweiflung und vieles mehr. Das ist ein Chaos an Gefühlen, und die Therapeutin hat mir dabei geholfen, es zu sortieren und zu verarbeiten.

therapie.de: Wie war Ihr Verhältnis zur Therapeutin? Was war charakteristisch am Verhalten der Therapeutin?

Meine Therapeutin hat sehr viel Ruhe ausgestrahlt. Sie hat mir zugehört, mich respektiert und viel Warmherzigkeit gezeigt. Und vor allem war sie der erste Mensch, der mir geglaubt hat und das, was mir passiert ist, ernst genommen hat. Am Anfang hat sie auch mal gesagt: „Wenn irgendetwas für Sie nicht passt, sagen Sie es einfach.“

Ich habe ihr vom ersten Moment an vertraut und mich bei ihr sicher, verstanden und geliebt gefühlt. Dadurch konnte und kann ich in der Therapie ich selbst sein und meine Gefühle ausleben.

therapie.de: Was war bei Ihnen selbst (bei Ihren Einstellungen, Ihrem Verhalten) wichtig für die Therapie?

Das Wichtigste war für mich, nicht aufzugeben, auch wenn es mir mal richtig schlecht ging – sondern immer wieder die Kraft zu finden, weiter zu machen. Mir ist klar, dass die Ereignisse von früher ein Leben lang nachwirken werden und dass es viel Zeit braucht, um langsam zu heilen. Aber entscheidend ist für mich, die Hoffnung nie aufzugeben.

therapie.de: Gab es auch mal schwierige Situationen während der Therapie?

Insgesamt habe ich nie Zweifel daran gehabt, dass die Therapie oder die Therapeutin für mich richtig sind.

Allerdings gab es manchmal Momente in der Therapie, wo ich wütend auf meine Therapeutin war. Sie hat manche Dinge ganz direkt angesprochen – zum Beispiel, dass ich mich nur selbst bemitleiden würde oder dass ich mich hängen lassen würde. Nach der Stunde habe ich dann darüber nachgedacht – und allmählich gemerkt, dass sie Recht hat.

Einmal hat sie auch gesagt, dass ich meinem Vater und den anderen in meiner Familie verzeihen soll. Da habe ich gedacht: „Wie kann sie so etwas sagen?“ Aber mit der Zeit ist mir klar geworden, dass ich nur inneren Frieden finden kann, wenn ich die  Wut und den Hass auf andere aufgebe.

Schwierig ist manchmal auch, dass in der Therapie immer wieder Erinnerungen von früher hochkommen und ein Chaos  unterschiedlicher Gefühle auslösen, die schon sehr heftig sein können. Aber meine Therapeutin hilft mir sehr, das alles zu bewältigen. Sie geht sehr behutsam mit mir um und geht nicht bis in die Tiefe meiner Seele, weil sie merkt, dass das zu viel für mich wäre.

therapie.de: Was hat sich inzwischen alles verbessert? Was möchten Sie noch weiter verbessern?

Durch die Therapie bin ich in meinem Leben einen großen Schritt vorwärts gekommen. Ich habe gelernt, mich selbst wieder zu lieben und zu achten. Ich kann mich selbst so annehmen wie ich bin und fühle mich jetzt auch viel stärker. Außerdem bin ich viel fröhlicher geworden, lache mehr und lebe meine Wünsche und Bedürfnisse mehr aus. Auch meine Umgebung merkt, dass ich anders bin als früher.

Allmählich habe ich auch gelernt, überhaupt wieder etwas zu fühlen, sowohl körperlich als auch emotional – denn vorher habe ich mich oft gar nicht richtig gespürt.

Mit der Zeit habe ich verschiedene Dinge gefunden, die mir gut tun und mir helfen, mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Zum Beispiel gehe ich oft hinaus in die Natur, treibe Sport, meditiere und tanze viel. Auch Musik und Klänge tun mir sehr gut.

Durch die Therapie sind mir auch viele Dinge erst klar geworden, die in meinem Leben falsch gelaufen sind. Zum Beispiel hat mein Mann mir nie geglaubt, was mir passiert ist. Noch dazu hat er mir das Gleiche angetan wie mein Vater. Vorher habe ich das einfach so hingenommen – aber inzwischen habe ich die Kraft, etwas daran zu ändern. So habe ich mich vor etwa einem Jahr von meinem Mann getrennt.

Trotz allem haben mich die Erlebnisse in meiner Kindheit geprägt – ich beobachte ständig alles um mich herum, bin sensibel und besitze viel Einfühlungsvermögen. Deshalb reagiere ich auf viele Situationen stärker emotional als andere Menschen. Aber inzwischen sehe ich das auch positiv: Diese Fähigkeit hilft mir zum Beispiel bei meinem Job als Pflegekraft, bei dem ich mit Demenzkranken arbeite. Dadurch habe ich bei den Bewohnern schon viel Positives bewirkt und bin darauf auch sehr stolz.

Außerdem bin ich inzwischen so selbstbewusst geworden, dass ich Dinge, die ich nicht in Ordnung finde, auch wirklich anspreche – zum Beispiel bei meiner Arbeit. Dabei ecke ich schon teilweise an – aber ich lasse mich dadurch nicht einschüchtern, sondern kämpfe weiter dafür.

therapie.de: Was tun Sie jetzt, damit es Ihnen weiterhin gut bzw. besser geht?

Mir ist klar, dass es noch ein langer, steiniger Weg ist, bis ich die Erlebnisse aus der Kindheit verarbeitet habe. Es kommt immer noch vor, dass starke Gefühle hochkommen oder dass ich in bestimmten Situationen „abdrifte“ oder meinen Körper nicht mehr spüre. Aber durch die Therapie fühle ich mich körperlich und psychisch viel stärker und weiß, dass ich diesen Weg gehen kann und will.

Mein Ziel für die Zukunft ist es, nicht mehr in die Opferrolle zu fallen und mich selbst zu bemitleiden – aber auch kein Mitleid mehr mit dem Täter zu empfinden. Daran möchte ich noch weiter arbeiten.

Außerdem möchte ich jetzt auch anderen Menschen, die Opfer von Missbrauch geworden sind, Mut machen und Kraft vermitteln. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass Menschen nicht wegschauen, wenn Gewalt oder sexueller Missbrauch passieren – und dass sie aufmerksam reagieren, wenn ein Kind weint oder sich auffällig verhält. Niemand sollte es in Frage stellen, wenn jemand ihm von Missbrauchserlebnissen erzählt. Und schließlich möchte ich allen Betroffenen sagen, dass es sich auf jeden Fall lohnt, eine Therapie zu machen.

Interview: Dr. Christine Amrhein