Angehörige psychisch Kranker (Seite 6/11)

So können Sie helfen, wenn ein Familienmitglied Depressionen hat


Anna ist Mitte 20, Studentin und wohnt mit ihrem Freund Sebastian zusammen. Als ihre Mutter unerwartet an einer schweren Krankheit stirbt, fällt sie in ein tiefes Loch. Sie ist extrem niedergeschlagen und hat „keine Lust mehr auf gar nichts“. Das Studium kostet sie viel Kraft, und wenn sie nach Hause kommt, sitzt sie nur noch herum oder geht sofort ins Bett. Mit der Zeit verbringt sie meist den ganzen Tag im Bett. Irgendwann taucht in ihrem Kopf die Frage auf: „Wozu überhaupt noch weitermachen?“

Ihr Freund Sebastian hat das Gefühl, für sie da sein und sie „retten“ zu müssen. Neben Studium und Job kümmert er sich um Anna und fühlt sich dadurch zunehmend erschöpft. Zugleich hat er oft das Gefühl, zuhause nicht gut gelaunt sein zu dürfen, weil Anna dies nicht teilen kann. Mit der Zeit klammert Anna sich immer mehr an ihn und will nicht zulassen, dass er ab und zu mit Freunden weggeht. Schließlich hat Sebastian das Gefühl, dass es so nicht mehr weitergeht – und trennt sich von Anna.

Die Trennung führt dazu, dass Anna freiwillig in eine psychiatrische Klinik geht. Nach einigen Monaten Behandlung geht es ihr deutlich besser und sie kann sich zum ersten Mal so akzeptieren, wie sie ist. Anna und Sebastian treffen sich wieder und kommen schließlich wieder zusammen. Anna ist jetzt in der Lage, sich besser um sich selbst zu kümmern. Und Sebastian kann offen sagen, wenn er mal Zeit für sich braucht – denn Anna weiß jetzt, dass das nicht gegen sie gerichtet ist.

Welche Schwierigkeiten können bei einer Depression in Familie und Partnerschaft auftreten?


Mit einem depressiven Angehörigen zusammen zu leben, kann psychisch sehr belastend sein und viel Kraft kosten. So kann es sein, dass ein früher lebenslustiger Mensch auf einmal ständig niedergeschlagen ist, sich innerlich leer fühlt, keinen Antrieb mehr hat und das Interesse an allem verliert. Besonders belastend kann es für die Angehörigen sein, wenn der Betroffene keine Gefühle mehr für andere empfindet und sich nahestehenden Menschen gegenüber gleichgültig verhält. Das kann die Beziehungen stark belasten.

Die repräsentative Befragung „Auswirkungen der Depression auf Partnerschaft und Familie“ der Stiftung Deutsche Depressionshilfe von 2018 ergab, dass 84 Prozent der Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, sich aus sozialen Beziehungen zurückziehen. Die Hälfte der Betroffenen berichtete, dass die Depression negative Auswirkungen auf die Partnerschaft gehabt hat. 84 Prozent von ihnen gaben an, sich von ihrem Partner unverstanden gefühlt und von ihm Vorwürfe bekommen zu haben, 83 Prozent erlebten Streit und Konflikte – und bei 45 Prozent kam es zu einer Trennung.

Oft fällt es depressiven Menschen auch schwer, Aufgaben und Verpflichtungen nachzukommen, die dann häufig die Angehörigen übernehmen. Nicht selten überlasten diese sich selbst und achten zu wenig auf ihre eigenen Bedürfnisse. Zudem können die depressiven Symptome auch die Angehörigen „anstecken“ und bei ihnen Niedergeschlagenheit, Verzweiflung oder Wut auslösen. All das kann dazu führen, dass sie irgendwann selbst psychisch oder körperlich krank werden. So haben Untersuchungen gezeigt, dass die Hälfte der Lebenspartner von depressiv Erkrankten irgendwann selbst depressive Symptome entwickelt. Häufig treten bei den Angehörigen mit der Zeit auch Ängste, Schlafstörungen, psychosomatische Beschwerden oder Suchterkrankungen auf. Darüber hinaus kann die zeitintensive Fürsorge für den depressiven Angehörigen auch zu Nachteilen im Beruf und zu finanziellen Belastungen führen.

Wie können Sie Ihren depressiven Angehörigen möglichst gut unterstützen?

Angehörige können für den Betroffenen auf dem Weg der Besserung eine wichtige Unterstützung sein. Dabei ist Folgendes wichtig und zu berücksichtigen:

  • Eine Depression ist oft eine schwere psychische Erkrankung. Deshalb ist es wichtig, sich rechtzeitig professionelle Unterstützung zu suchen, zum Beispiel bei einem ambulanten Psychotherapeuten oder Psychiater oder in einer psychiatrischen Klinik. Das gilt vor allem, wenn es dem Betroffenen sehr schlecht geht, er sich immer mehr zurückzieht oder wenn er Suizidgedanken oder -absichten hat.
  • Versuchen Sie zunächst, Ihren Angehörigen zu motivieren, sich Hilfe zu suchen. Oft fehlt dem Betroffenen aber dazu die Kraft. Dann ist es hilfreich, wenn Sie – sofern Ihr Angehöriger einverstanden ist –  selbst einen Termin bei einem Arzt oder Psychotherapeuten vereinbaren und Ihren Angehörigen zu dem Termin begleiten.
  • Zieht Ihr Angehöriger sich immer mehr zurück, wirkt niedergeschlagen oder kann sich zu nichts aufraffen, sollten Sie ihn darauf ansprechen. Sagen Sie dabei, dass Sie sich Sorgen machen und überlegen Sie gemeinsam, was Sie tun können.
  • Insgesamt ist es hilfreich, Ihrem Angehörigen immer wieder ein Gespräch anzubieten. Zeigen Sie Verständnis für ihn und seine Situation und nehmen Sie die Erkrankung ernst, ohne zu dramatisieren.
  • Machen Sie sich selbst und Ihrem Angehörigen bewusst, dass Niedergeschlagenheit, Gleichgültigkeit oder Antriebslosigkeit typische Merkmale der Depression sind und kein Zeichen persönlicher Schwäche. Auch wenn Ihr Angehöriger sich zurückzieht, keine Gefühle mehr zeigt, Unterstützung ablehnt oder Lob entwertet, sind das Symptome der Depression – und keine Lieblosigkeit oder böser Wille. Auch wenn Ihr Angehöriger sich noch so gleichgültig oder abweisend verhält: Wenden Sie sich nicht von ihm ab.
  • Machen Sie Ihrem Angehörigen immer wieder Mut, dass er die Depression überwinden wird, und lassen Sie ihn wissen, dass Sie ihn dabei unterstützen werden.
  • Da es Ihrem Angehörigen schwerfällt, sich zu Aktivitäten aufzuraffen, ist es hilfreich, ihn immer wieder zu ermuntern und zu motivieren. Noch besser kann es sein, Dinge gemeinsam anzugehen, zum Beispiel gemeinsam spazieren zu gehen oder die Einkäufe zu erledigen. Vermeiden Sie dagegen Aufforderungen wie „Reiß dich zusammen“ oder „Stell dich nicht so an“. Denn es fällt depressiven Menschen schwer, anders zu handeln.
  • Sport und körperliche Aktivität können dazu beitragen, die depressiven Symptome zu lindern. Motivieren Sie Ihren Angehörigen deshalb dazu, sich regelmäßig zu bewegen, zum Beispiel täglich eine halbe Stunde spazieren zu gehen.
  • Um genug Kraft und Geduld zu haben, um sich um Ihren depressiven Familienangehörigen zu kümmern, ist es wichtig, gut auf sich selbst zu achten. Beachten Sie hierzu auch die allgemeinen Tipps.

Wenn ein depressiver Angehöriger sich das Leben nehmen möchte

Depressionen sind einer der Hauptgründe dafür, dass jemand sich das Leben nimmt. Vor allem bei schweren Depressionen kommt es nicht selten zu einem Suizid: 10 bis 15 Prozent der Betroffenen nehmen sich das Leben. Der Gedanke, dass ein depressiver Angehöriger sich etwas antun könnte, begleitet viele Angehörige und bereitet ihnen große Ängste und Sorgen.
Wenn Sie beobachten oder vermuten, dass Ihr Angehöriger Gedanken oder Absichten hat, sich das Leben zu nehmen, ist Folgendes hilfreich:

  • Nehmen Sie solche Gedanken und Andeutungen immer ernst. Suchen Sie sich so bald wie möglich Hilfe.
  • Auch wenn es Ihnen zunächst schwerfällt: Sprechen Sie mit Ihrem Angehörigen über das Thema. Hören Sie ihm zu und zeigen Sie, dass Sie seine Verzweiflung verstehen. Trauen Sie sich, konkret nachzufragen, etwa ob er Gedanken oder konkrete Pläne hat, sich das Leben zu nehmen. Ein solches Gespräch kann dazu beitragen, dass Ihr Angehöriger sich entlastet und verstanden fühlt. Die Gefahr, ihn so erst auf die Idee zu bringen, sich etwas anzutun, ist dagegen gering.
  • Reden Sie dem Betroffenen seine Gedanken nicht aus, aber versuchen Sie gleichzeitig, ihm behutsam zu zeigen, dass es Alternativen gibt – etwa, dass es ihm bessergehen kann, wenn er sich professionelle Hilfe sucht. Machen Sie ihm klar, dass Sie an eine Besserung glauben und dass Sie weiterhin für ihn da sein werden.
  • Achten Sie auf Warnzeichen, die auf Suizidabsichten hinweisen können. Das kann sein, dass Ihr Angehöriger häufig darüber spricht wie hoffnungslos alles ist und dass er nicht mehr leben möchte – oder dass er bereits über konkrete Gedanken oder die Absicht spricht, sich das Leben zu nehmen. Weitere Warnzeichen können sein, dass der Betroffene sich vor Menschen und Aktivitäten zurückzieht, dass er wichtige Angelegenheiten regelt (zum Beispiel sein Testament macht) oder auch, dass sich sein Verhalten unerwartet ändert und er plötzlich aktiver und weniger niedergeschlagen wirkt.
  • Befürchten Sie, dass Ihr Angehöriger sich das Leben nehmen könnte versuchen Sie zunächst, ihn zu überzeugen, sich freiwillig professionelle Hilfe zu suchen. So kann er einen Termin bei einem Psychotherapeuten oder Psychiater vereinbaren oder freiwillig in eine psychiatrische Klinik gehen. Sie können auch gemeinsam mit ihm in die Notfallambulanz oder die Notaufnahme einer psychiatrischen Klinik fahren. Ist der Betroffene dazu nicht bereit, sollten Sie selbst zügig einen Arzt oder Psychotherapeuten anrufen und um Rat fragen.
  • Besteht eine akute, erhebliche Gefahr, dass Ihr Angehöriger sich etwas antut, rufen Sie den Notarzt (Tel.-Nr. 112) und evtl. zusätzlich die Polizei. In manchen Regionen gibt es auch Krisendienste, die in einer solchen Situation zu dem Betroffenen nach Hause kommen. Lassen Sie Ihren Angehörigen nicht allein, bis Hilfe eintrifft und bleiben Sie ständig mit ihm in Kontakt, um ihn zu beruhigen und abzulenken.

Weitere Informationen zu Anlaufstellen, die Informationen und Unterstützung für Angehörige von depressiven Patienten und Unterstützung bei akuter Suizidgefahr anbieten, finden Sie im Serviceteil „Wo können Angehörige Informationen und Unterstützung erhalten?“.