Angehörige psychisch Kranker: besorgt und überlastet

Unterstützung durch Angehörige wesentlich für psychisch Kranke

09.09.2020 Von Dr. Christine Amrhein

Eines Tages warf Claudia M. Gegenstände vom Balkon aus dem dritten Stock und schrie dabei. Passanten riefen die Polizei. Claudia wurde in die Psychiatrie eingeliefert. Dem Psychiater sagte sie, sie hätte Stimmen gehört, die sie beleidigt hatten. Auch klingle es ab und zu und dann beleidige sie jemand über die Sprechanlage.

Claudia M. blieb ein paar Wochen in der psychiatrischen Abteilung. Der Arzt diagnostizierte eine Schizophrenie. Sie bekam Antipsychotika und Psychotherapie.

Die Schwester kümmerte sich schon im Jugendalter um Claudia

Anschließend zog sie zu ihrer Schwester, die auch die Betreuung übernahm. Claudia M. hatte davor allein in einem Appartement gewohnt und ab und zu Gelegenheitsjobs übernommen. Die meiste Zeit lebte sie aber in den Tag hinein. Ihre Schwester stellte ihr ein Zimmer in ihrem Haus zur Verfügung. Sie organisierte auch einen Platz in einer Behindertenwerkstätte.

Claudia M. hatte als 15-Jährige einen schweren Unfall erlitten. Ihr Gehirn wurde dabei  gequetscht, seitdem war sie intellektuell etwas eingeschränkt. Schon damals kümmerte sich vor allem die ältere Schwester um sie. Sie organisierte einen Platz in einer guten Reha-Klinik und war auch sonst immer dabei, wenn es um einen Arztbesuch ging oder irgendetwas organisiert werden musste.

Claudia M. hatte eine Weile allein gewohnt, weil alle dachten, das könnte funktionieren. Dass sie in dieser Zeit sehr viel Alkohol konsumierte, wusste niemand. Über Jahre hatte sie Cannabis geraucht, das war dann auch der Auslöser für die Schizophrenie.

Das Zusammenleben zwischen den Schwestern gestaltete sich immer schwieriger. Claudia M. war nicht imstande, sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Putzen, Termine einhalten, sich auf die Familie einstellen, das konnte sie einfach nicht. Ihre Schwester verlor mehr und mehr die Energie, sich um das zusätzliche Familienmitglied zu kümmern. Schließlich entschieden sich beide dafür, dass Claudia M. in ein Wohnheim ziehen sollte.

Die 42-Jährige hat sich längst in ihr neues Zuhause eingelebt. Manchmal geht ihr ein Mitbewohner auf die Nerven, aber insgesamt gefällt es ihr sehr gut. Ob ihr Zimmer nun aufgeräumt ist oder nicht, das kann sie selbst entscheiden. Auch ihrer Schwester geht es besser. Sie kann sich wieder mehr auf ihre Kinder konzentrieren und hat viel mehr Zeit für ihren Mann und sich selbst.

Wenn ständige Sorge das Leben belastet

Schätzungsweise jeder dritte Deutsche leidet zumindest zeitweise an einer psychischen Erkrankung, zum Beispiel einer Depression, Angststörung oder auch Psychose. Die meisten Angehörigen psychisch Kranker kümmern sich zuerst selbst um ihre Familienmitglieder oder Partner und das lange bevor der Erkrankte professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Wenn es um schwere Krankheiten oder um eine lange Krankheitsdauer geht, kann das für die Angehörigen sehr belastend werden.  In Deutschland haben 30 Millionen Menschen einen Angehörigen mit einer psychischen Erkrankung. Die Hälfte der Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leidet, lebt zuhause bei der Familie.

Angehörige gleichen aus, was das kranke Familienmitglied im Haushalt oder an anderen Aufgaben nicht mehr schafft und häufig bestreiten sie sogar den Lebensunterhalt für ihren Partner oder Verwandten. Oft genug vernachlässigen die Angehörigen ihr eigenes Leben, weil die Sorge um den erkrankten Partner oder Verwandten so viel Zeit in Anspruch nimmt. Sie gehen weniger aus und nehmen in Kauf, dass Gäste kaum noch oder gar nicht mehr kommen. Schätzungsweise 40 bis 60 Prozent aller Angehörigen eines psychisch Kranken entwickeln aufgrund der Belastung deshalb selbst psychische Krankheiten oder sind anfälliger für körperliche Beschwerden wie Bluthochdruck. Studien belegen, dass jeder zweite Lebensgefährte eines depressiv Erkrankten nach einiger Zeit selbst depressive Symptome zeigt.

Angehörige sollten deshalb auf sich selbst achten, sich Freizeit gönnen oder auch psychotherapeutische Unterstützung suchen, soweit notwendig. Vor allem aber sollte das Sorgen um die eigene Schwester oder den Partner nicht zur Hauptaufgabe werden. 

Phasen der Krankheitsverarbeitung

Die Angehörigen durchlaufen meist verschiedene Phasen, in denen sie auf die Erkrankung reagieren und die Situation nach und nach verarbeiten. Zunächst fühlen sie sich verunsichert und wissen nicht, wie sie mit dem erkrankten Angehörigen und mit der Situation umgehen sollen. Mit der Zeit akzeptieren die Angehörigen die psychische Erkrankung und versuchen, den Betroffenen so gut wie möglich zu unterstützen.

Bei Rückfällen oder bei einer schweren, länger anhaltenden psychischen Erkrankung, zum Beispiel bei einer Depression, einer manisch-depressiven Erkrankung, einer Schizophrenie oder einer Alkohol- oder Drogenproblematik, müssen die Angehörigen den Betroffenen oft über eine längere Zeit unterstützen.

Die eigenen Bedürfnisse dauerhaft zurückzustellen oder sogar ganze Lebenskonzepte nicht umsetzen zu können, kann die Beziehung zwischen Angehörigen und Kranken massiv belasten.

Typische Belastungen von Angehörigen psychisch kranker Menschen

Rechtzeitig für sich selbst sorgen

Neben psychischen Problemen können auch körperliche Beschwerden und Erkrankungen auftreten, zum Beispiel starke Anspannung, Schlafstörungen,  Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Konzentrationsprobleme und eine geringere Leistungsfähigkeit.

Angehörige sollten sich deshalb rechtzeitig auch um sich selbst kümmern und Hilfe für sich selbst suchen. Es gibt viele Angebote für Angehörige psychisch Erkrankter, zum Beispiel Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Die Landesverbände der Angehörigen psychisch Erkrankter bieten telefonische Beratungen von erfahrenen Mitarbeitern an und in manchen  Kliniken kann man auch regelmäßige Angehörigen-Gespräche über einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen. Es gibt für Betroffene verschiedener psychischer Erkrankungen sogenannte trialogische Veranstaltungen. Dabei geht es darum, dass Betroffene, Angehörige und Psychotherapeuten oder Psychiater im gleichberechtigten Austausch miteinander stehen. Außerdem kann auch eine Familien- oder Paartherapie sinnvoll sein.

Wo Angehörige Informationen und Unterstützung finden

Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung oder Einweisung

In manchen Fällen ist ein psychisch Kranker so stark beeinträchtigt, dass er nicht mehr in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen. Das kann seine eigene Gesundheitsvorsorge, finanzielle oder rechtliche Angelegenheiten und Entscheidungen über den eigenen Aufenthaltsort betreffen. Wenn Angehörige den Betroffenen nicht überzeugen können, kann es in manchen Fällen sogar notwendig sein, Maßnahmen gegen den Willen des Betroffenen zu ergreifen.

Wenn jemand nicht mehr für sich selbst sorgen kann