Das erwartet Sie in den Phasen einer Psychotherapie (Seite 2/4)

Die Probesitzungen

Die frühe Phase einer Therapie: Eingewöhnung oder Abbruch

Als Probesitzungen (probatorische Sitzungen) gelten die Sitzungen bis zu dem Termin, an dem Ihre Krankenkasse eine schriftliche Zusage zur Kostenübernahme erteilt. In der Regel tragen die Kassen die Kosten für vier oder fünf probatorische Sitzungen. Ist das Schreiben der Krankenkasse zur Kostenübernahme also zum Beispiel auf den 2.1.2002 datiert, dann gelten die Sitzungen bis zu diesem Zeitpunkt als Probesitzungen.

In diesen probatorischen Sitzungen wird ein Therapeut zunächst versuchen, mehr über Sie und Ihre Probleme sowie über die jeweiligen Hintergründe der bisherigen Entwicklung zu erfahren. Dazu wird er sich relativ ausführlich nach Ihren Beschwerden, aber auch sehr umfassend nach Ihrer sonstigen Lebenssituation erkundigen.

Häufig werden folgende Bereiche erfragt: die Erscheinungsform Ihres Problems (z. B. die Häufigkeit und Intensität von Ängsten), die Bedingungen, unter denen es auftritt, bisherige Behandlungsversuche, Angaben zu Medikamentenkonsum, Besonderheiten Ihrer bisherigen biographischen das heißt Ihrer persönlichen, sozialen, schulischen und beruflichen Entwicklung.

Als Patient oder Patientin sollten Sie die teilweise präzisen Fragen in Kauf nehmen. Schließlich benötigt Ihr Therapeut genaue Angaben von Ihnen, um bei Ihrer Krankenkasse die Übernahme der Behandlungskosten beantragen zu können. Trotzdem steht es Ihnen grundsätzlich immer frei, was Sie beantworten möchten oder nicht. Dasselbe gilt auch für psychodiagnostische Testverfahren, die manche Therapeuten zusätzlich einsetzen, um nicht zu viel Zeit mit der Erhebung teilweise sehr spezieller Informationen zu verbringen. Je nach Fragestellung und nach therapeutischer Ausrichtung können dies unterschiedliche Verfahren sein, zum Beispiel ein Fragebogen, bei dem Sie ankreuzen sollen, unter welchen Beschwerden Sie leiden. Die aus den Tests gewonnenen Informationen dienen der Diagnostik und der Planung der Therapie. Ebenso können Fragebögen eingesetzt werden, um mögliche Veränderungen im Therapieverlauf sichtbar zu machen. Bei Kindern und Jugendlichen dienen Leistungstests (z. B. Intelligenz oder Entwicklungstests) dazu, Aussagen über bestimmte Fähigkeiten zu gewinnen. Psychotherapeuten haben im Laufe Ihrer Ausbildung gelernt, mit solchen Verfahren sehr verantwortungsvoll umzugehen und die Ergebnisse stets vorsichtig und immer nur im Zusammenhang mit anderen Informationen zu interpretieren. Besonders gilt dies für Tests, die auf tiefenpsychologischen Annahmen beruhen und bei denen von den Testergebnissen auf unbewusste Vorgänge geschlossen wird. Nähere Informationen zu Psychologischen Testverfahren enthält das Faltblatt »Psychologische Testverfahren«, das Sie beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen anfordern können.

Gerade in dieser frühen Phase der Therapie entstehen mitunter Missverständnisse durch den Austausch von so viel persönlicher Information. Manche Patientinnen und Patienten bekommen den Eindruck, dass sie ihr »Innerstes nach außen kehren müssen«, was sie verständlicherweise Überwindung kostet. Umgekehrt können Therapeuten diese vielen Informationen nicht gleich in der Therapie umsetzen oder gar Lösungen anbieten. Patienten und Patientinnen sind dann manchmal enttäuscht, wenn ihr Therapeut im Gespräch nicht gleich auf all die Themen eingeht, die im Fragebogen oder Interview angesprochen wurden. Bringen Sie als Patient oder Patientin in dieser frühen Therapiephase also ruhig etwas Geduld mit: Es lassen sich nicht alle angesprochenen Schwierigkeiten gleichzeitig behandeln.

Allerdings sollten Sie diese Sitzungen nutzen, um sich klarer zu werden über das Vorgehen in der Therapie und über den persönlichen Arbeitsstil Ihres Therapeuten oder Ihrer Therapeutin.

Checkliste: Klärungsbedarf in den Probesitzungen

  • Stellt der Therapeut mehr Fragen, oder gibt mehr Antworten?
  • Macht er selbst Vorschläge, oder wartet er Ihre Meinung ab?
  • Haben Sie das Gefühl, dass Sie verstanden werden, oder können Sie mit den Kommentaren häufig nichts anfangen und fühlen sich unverstanden?
  • Lässt er Ihnen in der Wahl der Themen und des Vorgehens weitgehende Freiheiten, oder haben Sie den Eindruck, dass Sie angeleitet oder Ihnen sogar ein bestimmtes Vorgehen aufgedrängt werden soll?
  • Findet er Deutungen, die Ihnen ungewöhnlich, neu und interessant erscheinen, oder werden nur Dinge gesagt, die Sie ohnehin schon gedacht oder gesagt haben?
  • Zeigt er eine Perspektive auf, oder wird wieder nur darauf verwiesen, dass keine Vorhersagen gemacht werden können?
  • Handelt er erkennbar nach einem bestimmten Plan, oder erscheint Ihnen das Vorgehen undurchsichtig und wechselhaft?
  • Und schließlich: Fühlen Sie sich in Gegenwart Ihres Therapeuten wohl, oder sind Sie eher erleichtert, wenn die Sitzung wieder vorbei ist? Fühlen Sie sich ermutigt oder eher verunsichert?

Fragen wie diese können Ihnen helfen, Klarheit zu gewinnen, für wie erfolgversprechend Sie die Therapiesitzungen halten.

Grundsätzlich sollte Ihnen in den probatorischen Sitzungen das therapeutische Arbeitsprinzip bereits relativ deutlich werden. Versuchen Sie also zu erkennen, ob es eher darum geht, dass Sie Ihre Probleme anders als bisher verstehen lernen oder darum, spürbare und sichtbare Veränderungen zu erzielen. Wenn Ihnen das Arbeitsprinzip nicht deutlich wird, scheuen Sie sich nicht, Ihren Therapeuten oder Ihre Therapeutin direkt darauf anzusprechen. Es schadet sicher nicht, eine zumindest vage Vorstellung davon zu haben, wie die nächsten 25 Sitzungen verlaufen werden.

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