Erfahrungsberichte 'Therapie hat mir geholfen' (Seite 8/11)

„Ich fühle mich jetzt viel freier“

Erfahrungsbericht von Sergej, 40 Jahre, aus der Nähe von Bielefeld, Art der Therapie: Psychoanalyse

therapie.de: Was waren die Gründe dafür, eine Therapie zu beginnen? Wie haben Sie den Weg in die Therapie gefunden?

Der Grund für die Therapie waren bei mir starke depressive Verstimmungen. Die sind schon mehrmals in der Vergangenheit aufgetreten, aber Ende 2009 war es besonders schlimm. Außerdem gab es viele Auseinandersetzungen mit meiner Frau. Das hat auch die Kinder belastet, die jetzt 17 und 19 Jahre alt sind. Ich habe gemerkt, dass es so nicht mehr weitergeht.

Deshalb habe ich angefangen, Hilfe zu suchen. Ich habe mich erinnert: „Da gibt es doch so etwas wie Psychologie“. Dann habe ich erst einmal Bücher zu dem Thema gesucht, und mich schließlich nach einem Therapieplatz umgeschaut.

therapie.de: Welche Art von Therapie haben Sie gemacht? Wie lange hat die Therapie gedauert und wie oft fanden die Termine statt?

Meine Therapie war eine Psychoanalyse. Ich war insgesamt zwei Jahre und zwei Monate in der Therapie und hatte jede Woche eine Sitzung. Am Anfang habe ich 25 Stunden Therapie gemacht. Dann habe ich mich entschieden, noch weiter zu machen, und es wurde eine Verlängerung beantragt.

therapie.de: Wie sah der Ablauf der Therapie aus? Was wurde dort gemacht?

Vor allem war es für mich hilfreich, über all die Dinge, die mich belastet haben, zu sprechen. Das waren zunächst einmal die aktuellen Probleme und alles, was im Lauf einer Woche passiert ist und mich in dem Moment beschäftigt hat.

Später ging es dann auch um Themen aus der Kindheit. Die Therapeutin hat nach typischen Gedanken- und Gefühlsmustern gesucht, die erklären können, warum ich bei bestimmten Anlässen so oder so reagiert habe. Zum Beispiel war ich manchmal wütend und konnte mir gar nicht erklären, warum. Nach und nach hat sich herausgestellt, dass das mit dem Verhalten meiner Eltern und meiner Wut auf sie zusammenhing.

Am Anfang wollte ich ungern über meine Vergangenheit und meine Eltern sprechen. Das war für mich irgendwie ein Tabuthema, weil ich meine Eltern ja auch ehrte. Mit der Zeit habe ich aber verstanden, dass die Dinge aus der Kindheit der Grund für meine Niedergeschlagenheit, meine Ängste und Hemmungen und auch meine Wut sind.

Bei mir war das Verhalten beider Eltern schwierig. Mein Vater war oft wütend, hat gebrüllt und mich auch geschlagen. Meine Mutter war hilflos, hat nicht eingegriffen und sich nicht für mich eingesetzt. Ich habe mich als Kind oft im Stich gelassen gefühlt. Dadurch hatte ich Angst, jemandem zu vertrauen. Ich habe wie unter einem Panzer gelebt, niemanden nah an mich herangelassen und auch nichts mehr richtig gefühlt.

Oft war ich wütend auf meine Frau, meine Kinder oder meine Kollegen. Das war so schlimm, dass ich manchmal das Gefühl hatte, zu explodieren. In der Therapie habe ich verstanden, dass diese Wut aus der Kindheit stammt.

therapie.de: Auf welche Art hat die Therapie Ihnen geholfen? Was haben Sie als besonders hilfreich erlebt?

Die Therapie hat mir geholfen, zu verstehen, wie meine aktuellen Reaktionen mit den Erlebnissen in der Kindheit zusammenhängen. Das war natürlich nicht alles von Anfang an klar. Aber oft habe ich auch zwischen den Sitzungen über das Besprochene nachgedacht. Mit der Zeit ist mir vieles klarer geworden. Ich habe mich  viel mit der Vergangenheit beschäftigt und so viele Situationen aus der Kindheit gefühlsmäßig noch einmal erlebt. Das hat mir geholfen, meine aktuellen Gefühle und mein Verhalten besser zu verstehen und meine Gefühle zuzulassen. Und dadurch haben sich die Gefühle von damals allmählich aufgelöst. Die Wunden aus der Kindheit sind zwar immer noch da, aber mit der Zeit wurden sie immer weniger schmerzhaft.

Außerdem habe ich viele Bücher und CDs über Psychologie gelesen bzw. gehört, in denen auch viele Tipps gegeben wurden. Am Anfang hat mir das nicht so viel gebracht. Es waren nur trockene Informationen, aber es hat nichts an meinen Gefühlen verändert. Mit der Zeit ist mir aber bewusst geworden, dass man nicht zu viel erwarten darf. Ich habe mir dann einfach bestimmte Dinge herausgesucht, die für mich am besten gepasst haben, und diese ausprobiert.

Zum Beispiel mache ich jetzt autogenes Training, und es tut mir sehr gut. Hilfreich fand ich auch die Fallberichte in den Büchern. Sie haben mich ermutigt und mir das Gefühl gegeben, dass ich es auch schaffen kann.

therapie.de: Wie war Ihr Verhältnis zur Therapeutin? Was war charakteristisch am Verhalten der Therapeutin?

Ich hatte von Anfang an eine gute Verbindung zu der Therapeutin und habe schnell Vertrauen zu ihr gefasst. Während der Therapie hat sie sich manchmal aber auch „eigenartig“ verhalten. Zum Beispiel hat sie gelangweilt und gleichgültig reagiert und teilweise auch Sätze gesagt, die mich verletzt haben. Erst mit der Zeit ist mir klar geworden, dass sie dadurch Situationen aus der Kindheit bei mir wachrufen wollte. Sie hat sich extra so verhalten, um herauszufinden, wie ich darauf reagiere, welche Gefühle das bei mir auslöst.

Tatsächlich haben die provozierenden Sätze bei mir Wut ausgelöst – ähnlich wie das aggressive Verhalten meines Vaters. Und mit der „gelangweilten“ Haltung wollte sie meine Mutter imitieren, die keine Kraft hatte, sich für ihre Kinder einzusetzen und sie vor dem Vater zu schützen.

All das war zunächst verwirrend für mich, und ich habe mich auch mal gefragt „Darf sie sich mir gegenüber überhaupt so verhalten“? Ich habe mir darüber einige Zeit Gedanken gemacht und schließlich meine Fragen aufgeschrieben und in der Sitzung angesprochen. Sie hat mir dann erklärt, warum sie sich so verhält, und ab da konnte ich besser damit umgehen.

Überhaupt war die Therapeutin immer offen gegenüber Fragen und auch Zweifeln an der Therapie. Sie hat mir alles so beantwortet, dass ich es so gut wie möglich verstehen konnte. Das war für mich wichtig, sonst hätte ich mich nicht richtig ernst genommen gefühlt.

therapie.de: Was war bei Ihnen selbst (bei Ihren Einstellungen, Ihrem Verhalten) wichtig für die Therapie?

Ich habe schnell gemerkt, dass es falsch ist, wenn man in die Therapiestunden kommt, sich hinsetzt und wartet, dass etwas passiert. Oder wenn man denkt, dass der Therapeut die Probleme einfach „wegmacht“. Mir ist klar geworden, dass ich selbst an meinen Problemen arbeiten muss und selbst einen Weg finden muss, um glücklicher zu leben. Wenn ich nicht bereit bin, Situationen aus der Vergangenheit zu erzählen und die Gefühle, die dabei hochkommen, auszuhalten, wird sich auch nicht viel verändern.

Am Ende der Therapie hat auch die Therapeutin zu mir gesagt: „Ich habe Ihnen nur mit der Taschenlampe geleuchtet. Aber den Weg haben Sie selbst gefunden.“

therapie.de: Gab es auch mal schwierige Situationen während der Therapie?

Schwierig war für mich, dass nach den ersten 25 Stunden nochmal ein neuer Therapieantrag gestellt werden musste. Da gab es eine Wartezeit von einem Monat. Es war belastend für mich, dass ich in dieser Zeit nicht regelmäßig über alles, was mich gerade bewegt, sprechen konnte.

Am Anfang der Therapie gab es auch mal Phasen, wo ich gedacht habe, es geht zu wenig voran. Im Nachhinein gesehen ging es mir immer dann schlechter, wenn ich zu viel erwartet habe. Da habe ich schon mal gedacht: „Warum geht es mir so schlecht? Warum gerade ich?“ Einmal war ich nahe daran, alles hinzuschmeißen und die Therapie abzubrechen. Aber dann habe ich mir gesagt: Wenn ich jetzt aufhöre, was habe ich dann davon?

Mit der Zeit habe ich auch gelernt, zu akzeptieren, dass ich mal einen schlechten Tag habe oder dass negative Gefühle hochkommen. Ich sage mir dann: „Das ist ok, es gehört auch zum Leben.“ Und nach ein paar Stunden oder am nächsten Tag ging es mir meist schon wieder besser.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Auch wenn es manchmal schwierig war – jede Stunde der Therapie hat sich für mich gelohnt.

therapie.de: Was hat sich jetzt, nach Abschluss der Therapie, alles verbessert?

Insgesamt fühle ich mich jetzt viel freier. Ich erwarte nicht, dass es mir immer gut geht. Ich muss keinem etwas beweisen oder ständig zeigen, dass ich besser bin als andere. Früher habe ich mich verpflichtet gefühlt, meine Eltern zu besuchen oder das zu tun, was sie möchten. Heute besuche ich sie, wenn ich das möchte. Und wenn ich mich dort nicht wohl fühle oder die Spannungen zu groß werden, gehe ich auch mal nach zehn Minuten wieder. Ich tue das, was mir mein Gefühl sagt.

Ungefähr ein Jahr nach der Therapie habe ich auch zum ersten Mal mit meinem Vater über meine Gefühle gesprochen. Ich habe ihm gesagt, er soll mich nicht mehr länger wie ein kleines Kind behandeln. Mein Vater ist daraufhin sehr wütend geworden, und ich bin dann gegangen. Inzwischen hat sich meine Wut gelegt. Ich habe meinem Vater und auch meiner Mutter verziehen.

Ich kann jetzt auch offener mit meinen Kindern und meiner Frau über meine Gefühle sprechen. Das Verhältnis zu meinen Kindern ist besser geworden, es gibt mehr gegenseitiges Vertrauen.

In unserer Ehe war es früher oft so, dass ich bei einem Streit einfach nachgegeben habe. Inzwischen leben wir beide getrennt, da wir uns nicht weiter verletzen möchten – das war für uns die beste Lösung. Ich kann jetzt aber auch deutlicher sagen, wenn ich anderer Meinung bin. Ich sage dann zum Beispiel: „Das passt mir so nicht. Du siehst die Sache so, aber ich sehe sie anders. Also, lass uns eine Lösung finden, die für beide ok ist.“

Was meine Arbeit angeht, fühle ich mich dort wohl, die Arbeitsatmosphäre ist gut. Ich denke jetzt aber auch darüber nach, noch irgendetwas nur für mich zu machen. Zum Beispiel ein Hobby oder einen Nebenjob, wo ich das Gefühl habe: Das ist wirklich mein Ding.

therapie.de: Was tun Sie jetzt, nach Abschluss, damit es Ihnen weiterhin gut oder noch besser geht?

Ich arbeite auch jetzt weiter an dem, was wir in der Therapie gemacht haben. Das heißt, ich versuche, mich selbst weiter kennenzulernen und etwas zu verändern, wenn negative Gefühle auftreten. Mein Ziel ist es, noch glücklicher zu sein, und dazu gehört für mich, meine Gefühle zuzulassen und auf sie zu hören. Das kann auch heißen, dass ich mal Wut fühle oder traurig bin und weine.

Schon währen der Therapie habe ich eine Selbsthilfegruppe besucht, wo ich mich mit anderen über meine Probleme austauschen konnte. Dort gehe ich jetzt immer noch ab und zu hin. Es tut mir gut, mit Menschen, die ähnliche Probleme haben, zu sprechen. Und ich freue mich, wenn ich den anderen manchmal Tipps und Hilfestellungen geben kann.

Interview: Dr. Christine Amrhein