ADHS bei Erwachsenen

Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Organisation

17.01.2020 Von Dr. Christine Amrhein

Vielleicht kennen Sie noch den Zappelphilipp aus dem „Struwwelpeter“? Der deutsche Psychiater und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann beschrieb in dem Buch, das er 1844 ursprünglich für seinen dreijährigen Sohn schrieb, auch einen Jungen, der am Tisch nicht stillsitzen kann. Er schaukelt wild mit dem Stuhl, immer wilder, bis er die Tischdecke mit Tellern, Schüsseln und Gläsern hinunterreißt.

Tom K. schaukelt längst nicht mehr mit dem Stuhl. Aber wenn er am Schreibtisch sitzt, braucht er lange, um sich wirklich konzentrieren zu können. Singt ein Vogel vor dem Fenster, ist er sofort abgelenkt. Läuft jemand an der offen stehenden Bürotür vorbei, dann schaut er von seiner Arbeit auf und will sofort wissen, wer das ist. Tom K. ist 43 Jahre alt und leidet an ADHS. Anders als man lange Zeit dachte, bildet sich dieses Syndrom nicht automatisch mit dem Erwachsenwerden zurück. Und anders als bei Kindern sind die Symptome bei Erwachsenen nicht so offensichtlich.

Zwar werden die motorischen Überaktivitäten nach der Pubertät deutlich weniger. Doch die innere Unruhe bleibt bestehen und zeigt sich dann mehr durch ein Wippen der Füße oder ein Trommeln der Finger und auch ein starker Rededrang oder ein plötzliches Dazwischenreden sind typisch.

Tom K.  fühlt sich oft innerlich getrieben. Er sei häufig unkonzentriert, nicht bei der Sache, vergesslich. Er fange vieles gleichzeitig an und bringe wenig zu Ende. Seine Frau sage oft, dass er sich nur dann für eine längere Zeit konzentrieren könne, wenn er das Thema wirklich spannend findet. Er sei ungeduldig, wenn er seine Aufgaben erledige, mache er meist Flüchtigkeitsfehler. Im Grunde werde er nur unter einem hohen Kaffee- und Cola-Konsum ruhiger und dann könne er sich auch länger konzentrieren.

Wir wissen aus Langzeitstudien, dass bei 30 bis 50 Prozent der betroffenen Kinder, die unter ADHS litten, häufig viele der damit verbundenen Symptome auch als Erwachsene zeigen. Schätzungsweise zwei bis drei Prozent der Erwachsenen leiden an ADHS. Ob die Diagnose ADHS zutrifft, sollte jedoch immer ein Experte feststellen. Lesen Sie hier eine kritische Auseinandersetzung mit dem Störungsbild und der Diagnose von ADHS.

Psychoedukation, Medikamente, Verhaltenstherapie und Entspannungsverfahren

Im Job werden  Tom K. die Menschen schnell zu viel. Wenn er nicht länger zuhören kann, klinkt er sich aus, dann scheint alles an ihm vorüberzuziehen. Doch das führe immer wieder zu Spannungen, etwa weil er beispielsweise wieder einmal geistesabwesend gewesen sei, als der Chef dem Team neue Richtlinien vorgestellt hatte und er sich daran nicht erinnern konnte, als er sie hätte anwenden sollen.

Auch privat habe er immer wieder Probleme. Werden seine Erwartungen nicht umgehend erfüllt, sei er frustriert, oft traurig und niedergedrückt. Seine Gefühle wechselten im Grunde immer sehr rasch. So könne er auch sehr aggressiv reagieren, wenn er sich provoziert fühle. Das habe längst dazu geführt, dass er nur noch mit wenigen Menschen zu tun habe und sein Selbstwertgefühl immer geringer geworden sei.

Mit multimodalen Behandlungen sind schon gute Heilungserfolge erzielt worden, dabei wird psychoedukativ, medikamentös und psychotherapeutisch kombiniert gearbeitet. Die Psychoedukation, also die Aufklärung über das eigene Krankheitsbild ist wichtig, damit der Betroffene endlich Bescheid weiß, warum er sich so verhält, wie er es tut. Ein Arzt hat ihn nun das erste Mal umfassend über Entstehung und Verlauf seiner Erkrankung aufgeklärt. Seit Tom K. weiß, woran er eigentlich leidet, kann er viel besser mit sich umgehen.

Inzwischen weiß Tom K. auch, woran er erkennen kann, was er gerade wirklich braucht. Das hilft ihm, besser für sich zu sorgen und aber auch auf seine Mitmenschen besser einzugehen. In der kognitiven Verhaltenstherapie, die er vor kurzem begonnen hat, erarbeitet er auch konkrete Strategien, wie er mit seinen Symptomen in für ihn schwierigen Situationen umgehen kann. In der kognitiven Verhaltenstherapie geht es auch darum, soziale Kompetenzen zu verbessern, Strategien zur Bewältigung von Problemen und Stress zu erlernen oder negative Glaubenssätze und Selbstbewertung bewusst zu verändern. Unter Umständen kann eine Psychotherapie in der Gruppe oder auch das Einbeziehen des Partners oder der Familienangehörigen von Vorteil sein. Ob Medikamente und welche hilfreich sind, bespricht man am besten mit einem Facharzt.

Tom K.  besucht außerdem einen Kurs, um die progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson zu erlernen. Dieses Entspannungsverfahren ist gerade für Menschen geeignet, die noch keinerlei Erfahrung in diesem Bereich haben. Da es handlungsaktiv ist, wird Tom K. nicht sofort mit seinen innersten Gefühlen konfrontiert und lernt durch den Wechsel zwischen bewusster An- und Entspannung verschiedener Muskelgruppen, mehr und mehr loszulassen und damit seine Gefühle besser zu regulieren. Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson oder das autogene Training nach Johannes Schultz helfen, psychisch stabiler zu werden, mehr Selbstdistanz zu entwickeln und mehr Vertrauen in sich und das Leben aufzubauen.

Hohe Kreativität und schnelle Auffassungsgabe

Tom K. sei schon als Kind sehr musikalisch gewesen und Gedichte auswendig zu lernen, fiel ihm ungewöhnlich leicht. In der Schule war er trotzdem nicht beliebt, weil die Mitschüler mit ihm nicht zurechtgekommen seien und seine Lehrer ihn ständig ermahnt hätten.

Eine stark ausgeprägte Intuition, eine hohe Kreativität und Sensibilität und eine schnelle Auffassungsgabe zeichnet häufig Menschen aus, die an einer ADHS leiden. Diese positiven Eigenschaften stehen leider viel zu selten im Vordergrund, weil Symptome wie Organisationsschwierigkeiten, Aufmerksamkeitsstörung, geringe Stress- und Frustrationstoleranz, oder Gefühlsschwankungen Probleme in der Partnerschaft schaffen können und häufig der Grund sind, wenn eine Ausbildung oder das Studium nicht abgeschlossen werden, wenn der Vorgesetzte oder das Team nicht mit einem zurechtkommen.

Diese Schwierigkeiten können zu Folgeerkrankungen wie Depression, Angststörung oder Suchterkrankungen führen. Auch deshalb ist es wichtig, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen. Eine ADHS kann auch im Erwachsenenalter gut behandelt werden. Mithilfe einer geeigneten Therapie können Betroffene eine bessere Leistungsfähigkeit und eine sehr viel höhere Lebensqualität erreichen.

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