Erfahrungsberichte 'Therapie hat mir geholfen' (Seite 11/11)

"Der Suizidgedanke war mein tiefster Punkt."

Anna, 45 Jahre aus Berlin, hatte vor vielen Jahren eine Depression, die in Selbstmordgedanken mündete

therapie.de: Frau Häusler, Sie hatten in Ihrem Leben eine „dunkle Zeit“ – wie sah diese aus?

Ja, ich hatte direkt nach dem Studium einen sehr schönen Berufsstart und bin dann nach Beendigung einer befristeten Arbeitsstelle von Osnabrück nach Berlin umgezogen. Ich hatte in Berlin meinen Lebenspartner, wir hatten einige Monate gependelt, nachdem wir uns per Zufall kennen gelernt hatten. Und es sah nach was Ernstem aus, daher suchte ich mir in Berlin eine Arbeitsstelle, weil ich ja sowieso einen befristeten Vertrag hatte und im Raum Osnabrück der Arbeitsmarkt für eine Medienfrau nicht so prickelnd war.

Wir haben gemeinsam für mich eine Zweizimmerwohnung ausgesucht, die in der Nähe von seiner war, weil wir nicht gleich zusammenziehen wollten. Er hat mir beim Umzug geholfen und ich habe die neue Arbeitsstelle angetreten. Die war dann aber gar nicht eitel Sonnenschein. Ständig wurden andere neue Kolleginnen vorgezogen. Egal, was ich fachlich tat oder wie ich mich in dem Team des Start-ups einbrachte, zog ich den Kürzeren. Schließlich wurde ich, trotzdem ich mich hatte coachen lassen, in der Probezeit gekündigt. Ich suchte verzweifelt eine neue Arbeit, aber ich hatte zu wenig Berufserfahrung und war lange arbeitslos.

Mit meinem Freund hatte ich in der Phase auch eine große Auseinandersetzung und wegen der beruflichen Belastung, die wohl an Bossing grenzte, wenig Frustrationstoleranz. Aus dem Affekt heraus trennte ich mich. Er akzeptierte das sofort und hatte nach drei Wochen eine andere Freundin – eine Kollegin. Mein Ex und ich hatten noch Kontakt – ich kannte ja in Berlin nicht viele Menschen – und er erzählte mir dann bald, dass sie von ihm schwanger wäre.

Das gab mir den Rest. Ich wollte nicht mehr unter Menschen, lehnte die wenigen Einladungen ab. Das einzige, wozu ich mich neben dem Bewerbungspensum, das ich eisern durchzog, aufraffen konnte, war alleine Fahrradfahren oder Spazierengehen. Überhaupt war ich viel zu viel allein und habe mich abgekapselt. Immer mehr habe ich mich in die eigene Abwärtsspirale begeben, deren negativer Sog immer stärker wurde. Die vielen Absagen sowie seltsame Bewerbungsgespräche zu Zeiten des Zusammenbruchs der New Economy nagten an meinem immer geringer werdenden Selbstbewusstsein. Als ich mal an einem See im Südwesten von Berlin stand, es war trübes Wetter und trotz Großstadt keiner da, dachte ich: Da gehst Du jetzt rein und machst dem Drama ein Ende.

therapie.de:   Wir reden heute miteinander über diesen Selbstmordgedanken, was hat Sie davon abgehalten?

Ich weiß es bis heute nicht. Ich saß da lange, es wurde kalt und irgendwann bin ich aufs Fahrrad gestiegen und doch nach Hause gefahren. Und dann dachte ich mir: Anna, Du brauchst Hilfe. Du hast in jedem Schwierigkeitsgrad immer gern gelebt bis zu dieser Aufhäufung von Desastern. Deine Eltern lieben Dich, auch wenn Du weit weg wohnst. Wenn Du jetzt einfach gehst, sind die fertig mit der Welt. Du bist gläubig und aus dem Schlamassel wirst Du einen Weg finden.

therapie.de:  Wie sah dieser Weg dann aus?

Ich habe mit meiner Hausärztin Kontakt aufgenommen, die ganz ruhig zuhörte und sagte: Das schaffen wir. Sie hat mir Kontaktdaten für eine Psychologin gegeben. Dort habe ich einen Termin fürs Kennenlernen ausgemacht. Wir haben dann fünf Sitzungen miteinander gesprochen über die Trennung, ob ich in Berlin mich durchbeißen will oder nicht, über die mühsame Arbeitssuche.

Ich habe mich einer Berufsvereinigung angeschlossen und bin eisern, egal ob ich Lust hatte oder nicht, zu jedem Termin hingegangen. Nach dem Bewerbungspensum bin ich jeden zweiten Tag raus gegangen und habe mir jeden Tag gekocht. Außerdem habe ich meine Geige wieder ausgepackt, mir ein Laien-Orchester gesucht, wo ich jede Woche zur Probe bin und in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Meine Wohnung war ein Hort der Ordnung, damit ich das Chaos in mir bewältigen konnte.

Mithilfe der Therapeutin, die mir nach den ersten fünf Sitzungen dann ein halbes Jahr lang von Woche zu Woche durch half, wurde aus dem Gerüst dann wieder ein Leben. Ich schloss die Gespräche ab und wusste: Du willst weiterleben. Das Gerüst hatte sich mit Leben gefüllt, über die Berufsvereinigung waren Kontakte entstanden und ich bekam eine neue berufliche Chance.

therapie.de:  Wenn Sie zurückschauen, von dem Moment am See bis heute, was bewegt Sie?

Ich weiß heute, dass man depressiv werden kann, wenn man neu in einer Stadt alleine lebt und all das zusammen kommt. Der Suizidgedanke allerdings war mein tiefster Punkt. Und ich bin immer noch erschüttert, das ich innerhalb von so kurzer Zeit so tief sinken konnte.

Zugleich bin ich voller Dankbarkeit, dass meine neue Hausärztin so gut reagierte, mir aktiv gleich die richtige Therapeutin vermittelte, was ja ein Glücksgriff war. Und ich bin dankbar, dass mein neues Umfeld in dem großen, oft anonymen Berlin mich willkommen hieß, obwohl ich nicht immer gut drauf war.

Das ist nun etliche Jahre her und ich habe schon öfters mal Bekannten oder Freunden in einer Lebenskrise helfen können mit all dem Rat, den ich damals erhalten habe. Das malt Farbe auf diese dunklen Monate, die aber immer noch zu mir gehören und mir eine Tiefe des Lebens vermittelt haben, die ich nun interessanterweise nicht mehr missen möchte.

therapie.de: Vielen Dank, Frau Häusler, dass Sie so offen erzählt haben!

* Name von der Redaktion geändert

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