Definition und Symptome von Angst und Angststörung

Wenn übertriebene und irrationale Angst das Leben bestimmt

12.05.2011 Von Dr. Christine Amrhein

Angsstörungen - Artikel

"Ein starker Schall war mir zuwider, krankhafte Gegenstände erregten mir Ekel und Abscheu. Besonders aber ängstigte mich ein Schwindel, der mich jedes Mal befiel, wenn ich von der Höhe herunterblickte. Allen diesen Mängeln suchte ich abzuhelfen, und zwar, weil ich keine Zeit verlieren wollte, auf eine etwas heftige Weise. (…) Ich erstieg ganz allein den höchsten Gipfel des Münsterturms und saß in dem sogenannten Hals, wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte (…) stehend das unendliche Land vor sich sieht. (…) Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig war, und ich habe nachher bei Bergreisen und geologischen Studien, bei großen Bauten, wo ich mit den Zimmerleuten um die Wette über die freiliegenden Balken und die Gesimse der Gebäude herlief (…), von jenen Vorübungen großen Vorteil gezogen."

Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 2.Teil.

Definition Angststörung

Leichte bis mittelgradige Ängste treten häufig auf und beeinträchtigen das alltägliche Leben nur wenig. In vielen Fällen gelingt es den Betroffenen, die Ängste selbst in den Griff bekommen.

Von einer Angststörung spricht man dagegen dann, wenn zwei Kriterien erfüllt sind:

  1. Die Angst ist im Vergleich zur tatsächlichen Bedrohung unangemessen oder deutlich übertrieben.
  2. Der oder die Betroffene ist durch die Angst erheblich psychisch und körperlich belastet. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn:
  • die Angst sehr stark ausgeprägt ist, über lange Zeit anhält und mit ausgeprägten körperlichen Symptomen verbunden ist und /oder     
  • zu starken Einschränkungen in verschiedenen Lebensbereichen führt.

Wenn Sie selbst unter Ängsten leiden, sollten Sie sich von einem Arzt oder Psychotherapeuten beraten lassen, ob und wie Sie sich durch Selbsthilfemaßnahmen helfen können oder ob vielmehr eine Therapie (z. B. Psychotherapie oder Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten) sinnvoll ist.

Die folgenden wissenschaftlich geprüften Fragebögen können Ihnen eine erste Einschätzung geben, ob Sie an einer Angststörung leiden, bei der eine weitergehende Behandlung sinnvoll sein könnte:

Eine gesicherte Diagnose kann jedoch immer nur ein Fachmann – z. B. ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder ein Psychologischer Psychotherapeut – stellen.

Wenn das Herz bis zum Hals schlägt und die Kehle zugeschnürt ist

Wer kennt es nicht, das Gefühl, wenn plötzlich das Herz bis zum Hals schlägt, Schweiß auf die Stirn tritt und sich die Kehle zuschnürt. In vielen Situationen des täglichen Lebens ist sie plötzlich da, die Angst: Wenn man mit dem Auto auf einer spiegelglatten Straße fährt, wenn eine Prüfung kurz bevorsteht, wenn man beim Arzt auf das Ergebnis einer wichtigen Untersuchung wartet. Oder wenn man unerwartet seinen Job verliert und nicht weiß, wie es in Zukunft weitergehen soll.

In vielen Situationen ist es ganz normal und sinnvoll, Angst zu haben. Denn die Angst warnt uns vor einer realen Gefahr – und sie führt dazu, dass man besonders aufmerksam und reaktionsbereit ist.

Physiologisch gesehen führt Angst zu einer Aktivierung verschiedener Körperfunktionen: Das Herz und der Atem gehen schneller, die Muskeln spannen sich an und die Sinnesorgane reagieren mit erhöhter Aufmerksamkeit. Diese Alarmreaktion des Körpers macht es möglich, schnell und effizient auf eine Gefahr zu reagieren – zum Beispiel durch Flucht oder durch den aktiven „Kampf“ gegen die Gefahr.

Wenn der Angst keine reale Bedrohung gegenübersteht

Nicht selten aber sind Ängste auch irrational oder übertrieben – sie treten auf, obwohl keine reale Gefahr besteht oder obwohl die Bedrohung längst nicht so groß ist wie man annimmt. Solche Ängste führen häufig zu einer starken Einschränkung im Beruf und im Privatleben.

Zum Beispiel kann die Angst vor U-Bahnen, Tunneln oder Flugzeugen dazu führen, dass jemand diesen Situationen aus dem Weg geht und dadurch immer mehr in seiner Beweglichkeit eingeschränkt wird.

Und wenn jemand sich ständig Sorgen macht, dass ihm selbst oder seinen Angehörigen etwas zustoßen könnte, bleibt ihm für andere Dinge kaum noch Zeit. Dazu kommt, dass Angst häufig mit körperlichen Beschwerden wie Herzrasen, Schwindelgefühlen, Übelkeit oder Atemnot verbunden ist, die sehr belastend sein können.

Jemand, der von solchen ausgeprägten Ängsten betroffen ist, erkennt zwar meist selbst, dass die Angst unbegründet oder übertrieben ist – er kann sich jedoch nicht selbst daraus befreien.