Suizid (Seite 7/9)

Empfehlungen der WHO zur Suizidprävention

Insbesondere aus der epidemiologischen Forschung stammt die Erkenntnis, dass präventive Aktivitäten auf vielen Gebieten der Medizin häufig eine bessere Wirkung erzielen als therapeutische Schritte. Daraus lässt sich die Hoffnung ableiten, dass mit einer ausgefeilten Suizidpräventionsstrategie die Suizidraten gesenkt werden können.

Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit den länderübergreifenden Ansätzen der WHO zur Suizidprävention und ihrer Umsetzung in der deutschen Bundespolitik. Dazu wurden die WHO sowie fünf Fraktionen im Deutschen Bundestag qualitativ mittels einer Presseanfrage befragt.

Internationale Leitlinien der WHO

Der 2013 von der Weltgesundheitsorganisation (im folgenden WHO) verabschiedete erste Aktionsplan für "Mental Health" beschäftigt sich ganz wesentlich mit dem Thema Prävention von Suiziden. Darin wurde das Ziel ausgegeben, die weltweiten Suizidraten bis zum Jahr 2020 um 10% zu senken (“The rate of suicide in countries will be reduced by 10% (by the year 2020)” [S. 19 englische Fassung, Pkt. 72]).

Die WHO verweist auch auf die Reduzierung der Suizidrate in den Zielen der Vereinten Nationen „UN Sustainable Development Goals (3.4.2 SDGs) [S. 26 – 27 für die Jahre 2000 bis 2016]“. In Europa wurde die Suizidrate  von 24,2 Fällen pro 100.000 Einwohner zur Jahrtausendwende auf 17,1 im Jahr 2016 deutlich gesenkt.

Laut WHO gibt es für Suizidalität, Suizidversuche und Suizide keine einfachen Erklärungen. Vielmehr wirken verschiedene Faktoren zusammen, wenn suizidales Verhalten entsteht.

Zahlreiche Suizidversuche sind nach wie vor Impulshandlungen. Daher ist ein wichtiger Ansatzpunkt zur Vermeidung oder Verringerung der impulsiven Suizidversuche, die oft leichte Verfügbarkeit von tödlichen Mitteln wie beispielsweise Pestiziden oder von Schusswaffen, zu erschweren.

Eine weitere hohe Hürde auf dem Weg zur Eindämmung von Suiziden und Suizidversuchen stellt die Stigmatisierung von psychischen Krankheiten im Allgemeinen und von Selbsttötungsabsichten im Speziellen dar. Beides verhindert oder erschwert deutlich, dass sich die Betroffenen oder ihre Angehörigen rechtzeitig Hilfe suchen.

Obwohl diese Zusammenhänge bekannt sind und es belegt ist, dass viele Suizide vermeidbar wären, hat die Suizidprävention für viele Regierungen und politische Entscheidungsträger selten eine hohe Priorität.

Große wissenschaftliche Studien haben untersucht, wie sich die nationalen Suizidraten beeinflussen lassen. Allein die Tatsache, dass es unterschiedliche nationale Strategien zur Senkung der Selbsttötungsraten gibt, bietet die Möglichkeit, diese hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Erfolge zu vergleichen und die so gewonnenen Erkenntnisse in die Verbesserung der eigenen Strategie einfließen zu lassen.

“74 Suicide prevention: Develop and implement comprehensive national strategies for the prevention of suicide, with special attention to groups identified as at increased risk of suicide, including lesbian, gay, bisexual and transgender persons, youth and other vulnerable groups of all ages based on local context.”

74 Suizidprävention: Das Entwickeln und Implementieren einer umfassenden nationalen Strategie gegen Suizid, in der besondere Aufmerksamkeit den Gruppen gewidmet wird, die als besonders anfällig für Suizid gelten. Damit sind lesbische, schwule, bisexuelle und Transgender Personen sowie Jugendliche und andere verwundbare Gruppierungen allen Alters im lokalen Kontext gemeint. [keine offizielle Übersetzung vorhanden]

Die WHO fasst ihre Aufforderung an nationales Handeln in ihrer praktischen Handreichung National suicide prevention strategies – Progress, examples and indicators zusammen: „National suicide prevention strategies are essential for elevating suicide prevention on the political agenda. A national strategy and associated action plan are necessary to push forward the implementation of suicide prevention. Without these, efforts are likely to abate and suicide prevention will remain neglected. It is fundamental for governments to take the lead in developing comprehensive multisectoral suicide prevention strategies for the population as a whole and vulnerable persons in particular.“

Nationale Strategien zur Prävention von Suiziden sind also laut WHO von herausragender Bedeutung, wenn es darum geht,

  • das Thema Suizidprävention in der politischen Diskussion auf die Tagesordnung zu heben und zu halten sowie
  • in Verbindung mit einem konkreten Aktionsplan die Umsetzung der Suizidprävention in allen Lebensbereichen voranzubringen

Ohne eine solche nationale Strategie mit einem darauf abgestimmten Aktionsplan werde es laut WHO schwierig, dauerhaft Erfolge in der Suizidprävention zu erzielen. Daher ist es grundsätzlich sehr wichtig, dass nationale Regierungen aktiv umfassende multisektorale Suizidpräventionsstrategien sowohl für die Bevölkerung als Ganzes als auch für besonders anfällige Personengruppen entwickeln und umsetzen. [Keine offizielle Übersetzung]

Die oben genannte Handreichung befasst sich mit den Erfahrungen, die verschiedene Länder in der Entwicklung, Umsetzung, Überarbeitung, Implementierung und Bewertung von multisektoralen Suizidpräventionsstrategien gesammelt haben.