Psychische Erkrankungen bei Senioren häufiger unbehandelt als im Durchschnitt (Seite 3/10)

Altersdepression

Depressionen sind die häufigste psychische Störung im höheren Lebensalter: Etwa 18 Prozent der älteren Menschen sind von einer depressiven Störung betroffen. Das bedeutet, dass mehr Menschen an einer Depression leiden als in jüngeren Lebensjahren, wo die Häufigkeit bei etwa fünf Prozent liegt. Schwere Depressionen treten dagegen, ebenso wie bei jüngeren Menschen, nur bei ein bis vier Prozent der älteren Menschen auf. Dabei geht die depressive Erkrankung bei 25 Prozent der älteren Patienten wieder vollständig zurück, bei 25 Prozent besteht sie chronisch, bei den übrigen Patienten können die depressiven Symptome erneut wieder auftreten (  Volkskrankheit Depression).

"Johann S. hat vor zwei Jahren seine Frau verloren. Er leidet noch immer unter diesem schweren Verlust. Seine Nachbarn und Kinder bemerken, dass er sich über nichts mehr freuen kann und das Haus nur noch selten verlässt. Während er früher lange Spaziergänge machte und gern verreiste, lehnt er solche Aktivitäten jetzt ab. „Was soll ich mir die Welt anschauen? Es macht mir keine Freude mehr“, sagt er, als ihn seine Bekannten zu einem Kurzurlaub einladen. Oft wacht er in den frühen Morgenstunden auf und kann keinen Schlaf mehr finden, er sitzt dann stundenlang am Küchentisch und grübelt. Einem Freund erzählt er, dass er dabei kaum einen klaren Gedanken fassen kann, sondern dass er das Gefühl hat, sich ständig im Kreis zu drehen. Johann S. geht regelmäßig in die Kirche und war stets ein aktives Mitglied der Gemeinde. Dem Pfarrer bleibt nicht verborgen, dass Johann S. Probleme hat. Er spricht ihn an und schlägt ihm vor, einen Arzt aufzusuchen. Johann S. reagiert verständnislos. „Ein Arzt kann mir meine Frau auch nicht zurückbringen. Ich bin jetzt 78 Jahre und erwarte nicht mehr viel vom Leben! Es wäre wohl besser, wenn ich Platz für die Jungen mache.“

Johann S. zeigt die Symptome einer Depression: Schlafstörungen, Grübeln, Unfähigkeit zur Freude und Todessehnsucht. Wenn Menschen in dieser Situation stecken, sehen sie alles schwarz und haben kaum noch Antrieb, glauben auch nicht mehr daran, dass es besser werden könnte.“

(Broschüre: Wenn die Seele krank ist – Psychotherapie im höheren Lebensalter, Hrsg.: BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V.) und DPtV e.V. (Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung e.V.), Bonn 2010.)

Symptome

Die Symptome einer Depression im Alter unterscheiden sich nicht wesentlich von denen jüngerer Menschen. Hauptsymptome sind Niedergeschlagenheit, der Verlust des Antriebs und der Verlust von Freude und Interesse an den meisten Tätigkeiten. Weiterhin können Schlafstörungen, Selbstmordgedanken, sozialer Rückzug und Schlafstörungen auftreten.

Ein Unterschied zu Depressionen bei jüngeren Menschen ist, dass ältere Menschen die „charakteristischen“ Symptome einer Depression wie Traurigkeit oder den Verlust von Interessen oft nicht spontan ansprechen oder diese Symptome bagatellisieren.

Dagegen treten bei älteren Patienten bei einer Depression häufiger psychosomatische Symptome – wie Schmerzen oder Schwindelgefühl – auf. Diese Beschwerden lassen sich oft nur schwer von tatsächlichen körperlichen Symptomen unterscheiden.

Weiterhin klagen ältere Menschen mit einer Depression häufig über kognitive Probleme, zum Beispiel Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Diese Beschwerden können so stark ausgeprägt sein, dass sie den Symptomen einer Demenz ähneln. Deshalb ist es bei der Diagnosestellung wichtig, eine Depression sorgfältig von einer Demenz abzugrenzen.

Ursachen

Häufig wird angenommen, dass ältere Menschen eher an einer Depression erkranken als jüngere, weil sie in ihrem Alter mehr Verluste (zum Beispiel den Tod eines nahestehenden Menschen, eigene Erkrankungen oder körperliche Einschränkungen) hinnehmen müssen. Allerdings leidet die Mehrzahl der älteren Menschen nicht an Depressionen, das heißt, viele kommen mit den Verlusten zurecht, ohne psychisch zu erkranken. Dennoch können Verlusterlebnisse im höheren Alter die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, erhöhen. Dabei lässt sich auch beobachten, dass die Trauerreaktion nach einem Verlust bei älteren Menschen häufig länger dauert als bei jüngeren.

Gleichzeitig können auch altersbedingte körperliche Veränderungen, zum Beispiel Veränderungen im Gehirn oder Veränderungen der Neurotransmitter (der Botenstoffe des Gehirns), aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Entstehung einer Depression begünstigen.

Diagnosestellung

Ältere Menschen berichten beim Arzt oft über vielfältige körperliche Beschwerden, sprechen aber häufig depressive Symptome nicht spontan an. Deshalb ist es wichtig, dass der Behandler konkret nach den Symptomen fragt, wenn er vermutet, dass eine Depression vorliegen könnte.

Weiterhin müssen bei der Diagnose einer Depression auch mögliche körperliche Erkrankungen und Medikamente, die zu depressiven Symptomen führen können, mit berücksichtigt werden. Körperliche Erkrankungen, die depressive Symptome hervorrufen können, sind zum Beispiel die Parkinson-Erkrankung, ein Schlaganfall, hormonelle Störungen (insbesondere eine Schilddrüsenunterfunktion) und Diabetes. Zu den Medikamenten, die zu einer depressiven Symptomatik führen können, zählen unter anderem Schlaf- und Beruhigungsmittel, Beta-Blocker und Kortison-Präparate.

Therapie

Auch bei älteren Menschen mit einer Depression ist, ebenso wie bei jüngeren, eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten häufig die erfolgversprechendste Behandlung.

Da ältere Patienten mit schwer ausgeprägten Depressionen häufig lebensnotwendige Tätigkeiten wie Essen und regelmäßiges Trinken und die Einnahme lebenserhaltender Medikamente vernachlässigen, muss bei der Behandlung besonders auf diese Aspekte geachtet werden.

Psychotherapie

Eine Psychotherapie bei älteren Menschen läuft im Wesentlichen ähnlich ab wie bei jüngeren Patienten. Der Therapeut wird in der Therapie eine wertschätzende und akzeptierende Haltung zeigen, dem Patienten die Erfolgschancen der Therapie vermitteln, ihm die Zusammenhänge seiner Symptome mit den Lebensumständen oder bestimmten Lebensereignissen aufzeigen und anschließend gemeinsam mit dem Patienten schrittweise Veränderungen einleiten.

Auch bei älteren depressiven Patienten hat sich die kognitive Verhaltenstherapie als die effektivste Therapiemethode erwiesen. Weiterhin haben sich auch bei der interpersonellen Therapie, die darauf abzielt, zwischenmenschliche Beziehungen zu verbessern, gute Erfolge gezeigt. Tiefenpsychologische und psychoanalytische Verfahren werden bei älteren Patienten seltener angewandt, sie können aber ebenfalls zu einer Verbesserung der Symptomatik beitragen.

Ergänzend können bei der Behandlung der Depression übende Verfahren eingesetzt werden (wie z.B. autogenes Training und progressive Muskelrelaxation), die dazu beitragen können, sich zu entspannen und Stress abzubauen. Für manche Patienten ist auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe oder einer psychoedukativen Gruppe hilfreich, in denen ein verbesserter Umgang mit der Symptomatik erarbeitet wird.

Behandlung mit Psychopharmaka

Auch bei der Behandlung mit Psychopharmaka gelten ähnliche Grundsätze wie bei jüngeren Patienten. Antidepressiva – insbesondere aus der Gruppe der neueren Antidepressiva – gelten als Mittel der ersten Wahl. Ältere, so genannte trizyklische Antidepressiva sollten bei älteren Patienten nicht zum Einsatz kommen, weil die Nebenwirkungen hier deutlich stärker sein können.

Typische Nebenwirkungen von Antidepressiva lassen sich bei über 70-Jährigen sieben Mal häufiger beobachten als in der Gruppe der 20- bis 30-Jährigen. Deshalb ist es wichtig, dass die Medikamente niedrig dosiert sind und die Dosis zu Beginn der Behandlung nur allmählich gesteigert wird. Dabei sollte der Arzt genau auf Nebenwirkungen achten und die Medikation gegebenenfalls anpassen.

Seite 3/10