Psychische Erkrankungen bei Senioren häufiger unbehandelt als im Durchschnitt (Seite 4/10)

Demenz

Demenz ist der schleichende Rückgang der geistigen Fähigkeiten im Alter. Dabei verschlechtern sich Gedächtnis, Denkvermögen, Urteilskraft, Konzentrations- und Lernfähigkeit kontinuierlich. Die Persönlichkeit kann ebenfalls verfallen.

Sie ist keine reguläre Begleiterscheinung des Alterns. Bei der Demenz vermindern sich die geistigen Fähigkeiten dramatisch und werden letztendlich ganz abgebaut. Während sich nicht an Demenz erkrankte Menschen mit zunehmendem Alter schlecht an Einzelheiten erinnern, vergessen Demenzkranke kurz zurückliegende Ereignisse möglicherweise vollständig.

Man unterscheidet primäre Demenzsyndrome, das heißt ohne zugrunde liegende Erkrankung, von sekundären, die sich als Folgeerscheinung anderer Krankheiten entwickeln.

Häufigkeit und Verlauf

Die Demenz ist nach der Depression die zweithäufigste psychische Erkrankung im höheren Lebensalter. Mit fortschreitendem Alter nimmt die Häufigkeit immer weiter zu. Nach der Berliner Altersstudie (1996) steigt die Zahl der Menschen mit Demenz folgendermaßen an:

AlterAnteil mit Demenz
65-69 Jahre1,2 %
70-74 Jahre2,8 %
75-79 Jahre6,0 %
80-84 Jahre13,3 %
85-89 Jahre23,9 %
über 90 Jahre 34,6 %

Dabei leiden zwei Drittel der Betroffenen an einer Alzheimer-Demenz, etwa 20 Prozent an einer vaskulären Demenz (Durchblutungsstörungen im Gehirn) und rund 15 Prozent an Mischformen.

Seltenere Demenzformen im Alter sind die Lewy-Körperchen-Demenz, die Demenz bei der Parkinson-Erkrankung und die frontotemporale Demenz (Morbus Pick). Während von einer vaskulären Demenz mehr Männer als Frauen betroffen sind, erkranken mehr Frauen als Männer an einer Alzheimer-Demenz. Die Unterschiede der verschiedenen Formen werden im Punkt „Ursachen“ dargestellt.

Der Verlauf von Demenzerkrankungen ist dadurch gekennzeichnet, dass sich die Symptomatik im Lauf der Zeit zunehmend verschlechtert und nach einem gewissen Zeitraum zum Tod führt. So haben 65- bis 80-Jährige, die an einer Alzheimer-Demenz erkranken, im Durchschnitt noch eine Lebenserwartung von fünf bis sieben Jahren, über 80-Jährige leben mit der Erkrankung durchschnittlich noch drei bis vier Jahre. Bei Patienten, die an einer vaskulären Demenz erkrankt sind, ist die durchschnittliche Lebenserwartung noch kürzer.

Symptome

Bei allen Demenzformen kommt es durch Erkrankungsprozesse im Gehirn zu einem fortschreitenden Verlust von Gedächtnisfunktionen und anderen kognitiven Fähigkeiten wie Konzentrations-, Sprach-, Denk- und Urteilsfähigkeit. Außerdem lässt die Fähigkeit, im Alltag zurechtzukommen, mit der Zeit immer mehr nach. Gleichzeitig treten Störungen im Bereich der Gefühle (zum Beispiel Stimmungsschwankungen, Ruhelosigkeit, depressive Verstimmungen), des Antriebs und des Sozialverhaltens auf. Im Gegensatz zum Delir ist das Bewusstsein jedoch nicht beeinträchtigt. Nach derm international üblichen Klassifikationsschema ICD-10 Statistical Classification of Diseases (ICD-10) müssen die Symptome mindestens sechs Monate lang vorliegen, um die Diagnose einer Demenz zu stellen.

Wenn die Erkrankung weiter fortschreitet, kommt es häufig zu weiteren, schwerwiegenden Krankheitssymptomen. Dazu gehören Störungen der Sprache und der Bewegungsabläufe, das Nicht-Erkennen von Personen und Gegenständen und ein Verlust der Krankheitseinsicht.

Im Gegensatz dazu lassen sich beim normalen Älterwerden sog. leichte kognitive Beeinträchtigungen beobachten – zum Beispiel leichte Schwierigkeiten, Informationen aus dem Gedächtnis abzurufen oder neue Dinge zu lernen, eine geringere geistige Schnelligkeit und eine geringere Umstellungsfähigkeit auf Neues. Außerdem kann es zu leichten Auffälligkeiten bei der Sprache oder beim planenden Denken kommen. Diese Symptome können auf eine beginnende Demenz hinweisen, müssen es aber nicht: So entwickelt etwa der Hälfte der Betroffenen im Lauf von drei bis vier Jahren eine Demenz – bei der anderen Hälfte bleiben die Symptome jedoch über längere Zeiträume weitgehend gleich.

Die Leipziger Langzeitstudie (1997 - 2005) in der Altenbevölkerung (LEILA75+) hat bspw. mit etwa jeder fünften Person (19,3 Prozent) ab 75 Jahren ohne Demenz einen hohen Anteil an Menschen mit leichteren kognitiven Beeinträchtigungen nach den MCI-Kriterien in der Altenbevölkerung identifiziert. Die im Studienverlauf ermittelte jährliche Inzidenz von MCI im Alter betrug 76,5 pro 1.000 Personen-Jahren, wobei sich auch hier signifikant höhere Inzidenzraten in den höheren Altersgruppen zeigten.

Ursachen

Der Hauptgrund für das Auftreten einer Demenz sind krankhafte Veränderungen des Gehirns, die mit höherem Lebensalter zunehmen. Darüber hinaus gibt es weitere Risikofaktoren, die zum Teil beeinflussbar sind. Dazu gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein erhöhter Blutdruck, Diabetes und Übergewicht. Auch eine Depression wird heute als Risikofaktor für eine Demenz angesehen, da sie häufig im Vorfeld einer Demenz auftritt.

Bei der Alzheimer-Demenz kommt es zu einem Abbau von Nervenzellen des Gehirns. Gleichzeitig lassen sich im Gehirn Ablagerungen, so genannte Plaques, und eine Veränderung der Neurotransmitter – der Botenstoffe des Gehirns – beobachten. Die Erkrankung schreitet dabei meist langsam und kontinuierlich fort.

Bei einer vaskulären Demenz kommt es zu Veränderungen der Blutgefäße des Gehirns, die zu vielen kleinen und zum Teil auch größeren Infarkten führen. Auch diese führen mit der Zeit zu Ablagerungen (Plaques) im Gehirn. Der Verlauf der Erkrankung ist oft schwankend, wobei die Symptome oft eine Zeit lang stabil sein sind und es dann wieder abrupt zu einer Verschlechterung der Symptomatik kommt.

Auch den weiteren Formen von Demenzerkrankungen, der Lewy-Körperchen-Demenz, der Demenz bei der Parkinson-Erkrankung und der frontotemporalen Demenz (Morbus Pick) liegen Erkrankungsprozesse der Nervenzellen des Gehirns zugrunde.

Neben den genannten Demenzformen gibt es auch so genannte sekundäre Demenzen, bei denen die Symptome auf andere Faktoren – zum Beispiel auf eine internistische, neurologische oder psychische Erkrankung oder auf die Einnahme eines Medikaments – zurückzuführen sind. In diesen Fällen kann die Demenz wieder vollständig zurückgehen, wenn die Grunderkrankung erfolgreich behandelt wird.

Diagnosestellung

Um zu überprüfen, ob eine Demenz vorliegt, wird zunächst die Krankengeschichte des Betroffenen genau erfasst. Dabei ist es oft notwendig, neben dem Patienten auch mit seinen Angehörigen zu sprechen. Weiterhin kann die Symptomatik mithilfe standardisierter Tests und Fragebögen genauer erfasst werden. Dazu gehören zum Beispiel die „Geriatrische Depressionsskala“ (GDS, Skeikh & Yesavage, 1986) und der „Mini Mental Status Test“ (MMST, Folstein et al., 1975).

Um Veränderungsprozesse im Gehirn festzustellen bzw. auszuschließen, werden zusätzlich bildgebende Untersuchungen des Gehirns wie die Computertomographie oder die Kernspintomographie durchgeführt. Eine Analyse der Blutwerte (zum Beispiel Blutbild, Blutzucker, Leberwerte, Schilddrüsenhormone) kann zusätzlich Hinweise darauf geben, ob eine körperliche Erkrankung hinter der Symptomatik steckt.

Präventionsmaßnahmen

Da einige körperliche Erkrankungen das Risiko für eine Demenz erhöhen, ist die Behandlung dieser Erkrankungen eine wichtige Strategie zur Vorbeugung der Demenz. So sollten Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes möglichst frühzeitig behandelt werden, weil sie das Risiko für eine Demenz erhöhen. Maßnahmen, die die Wahrscheinlichkeit solcher Erkrankungen verringern, können wiederum indirekt das Risiko einer Demenz verringern. Dazu gehören vor allem ausreichende Bewegung und eine gesunde Ernährung, durch die Übergewicht vermieden oder wirksam reduziert wird.

Therapie

Eine „Heilung“, also ein vollständiger Rückgang der Symptome, ist bei einer Demenz nicht möglich. Bei der Therapie wird lediglich versucht, die Symptome etwas zu vermindern und das Fortschreiten der Erkrankung hinauszuzögern.

Pharmakotherapie

Mit so genannten Antidementiva wird versucht, das Fortschreiten der Symptomatik zu verzögern und die Symptomatik etwas abzuschwächen. Antidementiva werden bei mittelschweren und schweren Demenzen – sowohl vom Alzheimer-Typ als auch bei vaskulärer Demenz – eingesetzt.

Man unterscheidet zwischen so genannten Cholinesterase-Hemmern und NMDA-Rezeptor-Antagonisten (Memantin). Untersuchungen haben gezeigt, dass Antidementiva den Verlauf der Symptomatik um ein bis zwei Jahre verzögern können. Allerdings sprechen verschiedene Patienten unterschiedlich gut auf die Medikamente an, bei vielen ist die Wirkung nur relativ schwach ausgeprägt. Außerdem haben die Substanzen häufig Nebenwirkungen, die nicht selten zum Abbruch der Behandlung führen.

Stützende Therapieansätze

Mithilfe stützender Therapieansätze wird versucht, die Selbständigkeit und die Fähigkeiten dementer Patienten noch möglichst lange und so weit, wie dies möglich ist, zu erhalten.

Beim Training der kognitiven Fähigkeiten werden Übungen durchgeführt, die Konzentration und Aufmerksamkeit sowie Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis trainieren sollen. Dieses Training ist allerdings nur in frühen Stadien der Demenz wirksam und hat nur so lange einen Effekt, wie die Übungen kontinuierlich durchgeführt werden.

Weiterhin wird häufig das Realitätsorientierungstraining (ROT) eingesetzt, bei dem die Patienten viele Hinweisreize erhalten, um ihre Orientierung zu Ort, Zeit und zur eigenen Person zu verbessern.

Bei stärker ausgeprägten Demenzen werden häufig Wahrnehmungsübungen (zum Beispiel Übungen zum Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken und zur Körperwahrnehmung) durchgeführt, um die Sinneswahrnehmung der Patienten mit einfachen Aufgaben zu trainieren.

Daneben gibt es zahlreiche psychologische Unterstützungs-Angebote, die sowohl den Patienten als auch ihren Angehörigen helfen sollen, mit der oft schwierigen Situation und den damit verbundenen psychischen Belastungen umzugehen.

Beim Umgang mit dementen Patienten wird häufig die Methode der „Validation“ eingesetzt, die von der Altersforscherin Naomi Feil entwickelt wurde. Sie zielt darauf ab, das Wohlbefinden und die Lebensqualität dementer Patienten zu verbessern. Die Betreuer nehmen dabei dem Patienten gegenüber eine wertschätzende Haltung ein, die sein oft stark verändertes Erleben und Verhalten in den Mittelpunkt stellt und als „für ihn gültig“ akzeptiert.

Exkurs: Abgrenzung zwischen Depression und Demenz

Wie bereits beschrieben, berichten ältere Menschen mit Depressionen häufig über – zum Teil stark ausgeprägte – kognitive Probleme. Bei der Diagnostik ist es deshalb wichtig, eine Depression von einer Demenz abzugrenzen. Ein Hilfsmittel kann dabei die „Geriatrische Depressionsskala“ (GDS; Skeikh & Yesavage, 1986) sein, die explizit entwickelt wurde, um beider Störungsbilder voneinander zu unterscheiden.

Für das Störungsbild einer Depression spricht es, wenn bereits depressive Episoden in der Vorgeschichte aufgetreten sind und wenn eine ausgeprägte depressive Verstimmung, selbstabwertende Gedanken und Schuldgefühle vorliegen. Außerdem deutet es auf eine Depression hin, wenn keine schwerwiegenden kognitiven Störungen – etwa Störungen der Sprachfähigkeit, der Orientierung oder der Bewegungsabläufe – vorhanden sind. Charakteristisch für eine Depression ist auch, dass der Betroffene stark über Gedächtnisprobleme klagt.

Patienten mit einer Demenz neigen dagegen eher dazu, die kognitiven Einbußen zu bagatellisieren und zu überspielen. Bei unklarer Diagnose wird der Betroffene häufig zunächst mit Antidepressiva behandelt. Bessern sich dadurch – neben der niedergeschlagenen Stimmung – auch die kognitiven Symptome deutlich, ist dies ebenfalls ein deutlicher Anhaltspunkt für eine Depression.

Allerdings gibt es auch Fälle, in denen eine Depression und eine Demenz gleichzeitig vorliegen. Außerdem ist es möglich, dass eine Depression im Vorfeld einer Demenz oder als Reaktion auf die Symptome einer Demenz auftritt.

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