Tabuthema Essstörung: Schön schlank oder psychisch krank? (Seite 3/7)

So entsteht gestörtes Essverhalten

Probleme bei Abgrenzung zur Familie oft zentraler Grund

Gestörtes Essverhalten kann von individuellen, biologischen, familiären oder gesellschaftlichen Faktoren ausgelöst werden. Nicht selten sind Probleme in der Familie, Probleme in der Schule, Verunsicherung des Selbstwertgefühls, aber auch eine überfürsorgliche Erziehung die Ursachen dafür. Eine Essstörung - einhergehend mit verzerrter Körperwahrnehmung - hat meistens einen tieferen, psychischen Hintergrund und ist oft mit mangelndem Selbstwertgefühl verbunden. Viele Menschen leben im Vergleich zum propagierten Schönheitsideal ständig mit dem Gefühl, fehlerhaft und mit Makeln belastet zu sein. Selbst Untergewichtige und Normalgewichtige bezeichnen sich oft als „dick“ oder „fett“, verachten ihren „unvollkommenen“ Körper und ergreifen dann Maßnahmen zur Gewichtsreduktion.

Über die Medien werden wir mit überzogenen und unrealistischen Bildern von Mr. und Mrs. Perfect konfrontiert, so dass kaum jemand mehr frei davon ist, sich nicht an dem perfekten Körperbild zu orientieren, das uns Werbung und Mode vermitteln - auch wenn dieses weit unter dem Normalgewicht liegt. Vor allem in der Pubertät setzen sich junge Menschen intensiv mit ihrem Körper auseinander, entwickeln Wunschvorstellungen von ihrer Figur und wollen aussehen wie ihre Idole aus Mode, Sport und Musik. Durch eine schlanke, durchtrainierte Figur erhoffen sie sich, genauso attraktiv, erfolgreich und beliebt zu sein wie ihre Vorbilder. Doch der Schlankheitswahn allein kann nicht für das Krankheitsbild "Essstörungen" verantwortlich gemacht werden.

Die Rolle der Familie

Eine wichtige Rolle bei der psychischen Entwicklung von Kindern spielt das Familienleben:  Dabei spielen nicht nur die Essgewohnheiten einer Familie (z.B. Zeit für gemeinsame Mahlzeiten, ausgewogene Ernährung versus Fastfood, häufige Diäten von Mutter oder Vater etc.) eine Rolle, sondern auch wie das Kind in seiner Entwicklung gefördert wird, wie man dabei mit Konflikten und Emotionen umgeht und wie der Einzelne Individualität und Selbständigkeit in der Familie leben kann. Wichtig ist es, ein gesundes Selbstbewusstsein zu erlangen. Essstörungen liegen oft Schwierigkeiten bei der Abgrenzung zur Familie zugrunde.

Vielfach stecken Betroffene in dem Dilemma, sich einerseits mittels gestörtem Essverhalten gegen Erwartungen aufzulehnen, um sich so von den Eltern zu lösen, andererseits aber den Wunsch zu verspüren, von der Familie umsorgt werden zu wollen.

Schon im Säuglings- oder Kleinkindalter werden die Grundlagen für ein gesundes Essverhalten oder eine Neigung zu Essstörungen gelegt: Nahrung darf nicht als Belohnung oder Bestrafung für das Verhalten eingesetzt werden, sondern die Nahrungsaufnahme muss sich immer nach den tatsächlichen Bedürfnissen eines Kindes richten. Sonst lernt das Kind nicht, die eigenen Bedürfnisse zu deuten und zu entscheiden, wann es etwas zu essen braucht oder wie viel.

Personen, die die Phase der eigene Identitätsentwicklung als einen langjährigen Kampf zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung erleben - zunächst in der Familie, dann in der Beziehung zum Partner wie auch in ihrem gesellschaftlichen und beruflichen Umfeld, sind für Essstörungen anfällig, da sie selten ein gefestigtes Selbstwertgefühl haben. Sie neigen dann dazu, sich Liebe und Anerkennung durch Leistung oder Anpassung verdienen zu wollen. Frauen mit Essstörungen sind oft Perfektionisten und haben das Gefühl, sich anderen ständig beweisen zu müssen. Dabei ist nichts, was sie tun, gut genug. Ziele, die bereits erreicht waren, werden konsequent verleugnet oder durch neue, höhere ersetzt. In der Ablehnung des eigenen Körpers werden positive Kommentare von anderen Menschen vollkommen abgeblockt.

Vorbeugende Maßnahmen

Da die Eltern-Kind-Beziehung bei der Entstehung von Essstörungen eine große Rolle spielt, muss Suchtvorbeugung in der Kindheit beginnen, dann wenn sich das Selbstwertgefühl entwickelt. Eltern legen mit ihrer Erziehung die Grundlagen für die spätere psychische und physische Gesundheit ihrer Kinder. Wer selbstbewusst ist, kann später einer Suchtgefahr besser standhalten, seelisch ausgeglichene Menschen sind belastbarer als andere. Schon als Kind muss man lernen, mit Problemen angemessen umzugehen und das eigene Leben aktiv zu gestalten.

Eltern haben dabei große Vorbildfunktion und sollten ihren Kindern Lebensfreude vermitteln und in ihrer Selbstfindung, Selbstachtung und Selbständigkeit stärken sowie Kommunikations- und Konfliktfähigkeiten fördern. Es ist wichtig ein gesundes Essverhalten vorzuleben und im Umgang mit dem eigenen Körper zu vermitteln, dass dieser schön, liebenswert und vor allem wertvoll ist.

Junge Menschen müssen lernen, Verantwortung für sich und ihr Handeln zu übernehmen. Alles, was dazu führt, dass ein Kind sich selbst und seinen Körper annehmen kann, fördert das Selbstbewusstsein und wirkt somit letztlich präventiv.

Ein gutes Körpergefühl und gesundes Selbstbewusstsein sind die beste Prävention gegen Essstörungen.

In der Schule können themenspezifische Unterrichtseinheiten, Referate oder spezielle Beratungsstunden für Aufklärung sorgen und das Bewusstsein für Ernährung und Gesundheit fördern.