Tabuthema Essstörung: Schön schlank oder psychisch krank? (Seite 6/7)

Formen von Essstörungen

Magersucht, Bulimie und Adipositas

Magersucht

Der Begriff "Anorexia nervosa" bedeutet übersetzt "Appetitlosigkeit". Hingegen werden Magersüchtige aber stets von Hungergefühlen geplagt, da sie sich das Essen bewusst verbieten. Typisch für diese seelisch bedingte Essstörung ist daher ein markanter Gewichtsverlust. Das äußere Erscheinungsbild der Betroffenen ist auffallend dünn.

Das Körpergewicht liegt mindestens 15% unter dem der Größe und dem Alter entsprechendem Normalgewicht und der Body-Maß-Index (BMI) dann bei höchstens 17,5.

Magersüchtige reduzieren ihr Gewicht vor allem durch Hungern und Nahrungsverweigerung, aber auch durch selbst herbeigeführtes Erbrechen oder übertriebene sportliche Aktivitäten. Manche greifen zusätzlich zu Appetitzüglern, entwässernden und abführenden Mitteln.

Da die Betroffenen oft an einer Körperschemastörung leiden, empfinden sie sich noch immer als zu dick, wenn sie schon unter starkem Untergewicht leiden. Problematisch an dieser Erkrankung ist, dass den Patienten meist die Einsicht fehlt, krank zu sein. Häufig in der Pubertät auftretend, hat die Essensverweigerung oft fatale Auswirkungen für den heranwachsenden Organismus, der gerade in dieser Zeit hochwertiger Nährstoffe bedarf.

Mehr als 10% der Betroffenen sterben – entweder durch Komplikationen wie dem plötzlichen Herztod oder Infektionen, oder aber durch Selbstmord. Rund 30% aller Magersüchtigen kann die Krankheit nie wieder völlig besiegen und leidet zeitlebens an chronischen Folgen wie Osteoporose oder gar Niereninsuffizienz.

Definition im Klassifizierungsschemata DSM der American Psychiatric Association (APA):

  • Weigerung, das für Alter und Körpergröße normale Körpergewicht zu halten (z.B. der Gewichtsverlust führt dauerhaft zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts; oder das Ausbleiben einer während der Wachstumsperiode zu erwartenden Gewichtszunahme führt zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts)
  • Ausgeprägte Ängste vor einer Gewichtszunahme oder davor, dick zu werden, trotz bestehenden Untergewichts.
  •  Störung in der Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts, übertriebener Einfluss des Körpergewichts oder der Figur auf die Selbstbewertung, oder Leugnen des Schweregrades des gegenwärtigen geringen Körpergewichts.
  • Bei postmenarchalen Frauen das Vorliegen einer Amenorrhoe, d.h. das Ausbleiben von mindestens drei aufeinander folgenden Zyklen. (Amenorrhoe wird auch dann angenommen, wenn bei einer Frau die Periode nur nach Verabreichung von Hormonen, z.B. Östrogen, eintritt).

Bulimie

Bei der Ess-Brech-Sucht (Bulimie, Bulimia nervosa) sind die Betroffenen meist normalgewichtig und damit von ihrem äußeren Erscheinungsbild unauffällig. Durch die Unzufriedenheit mit ihrer Figur und Angst vor einer Gewichtszunahme, kontrollieren sie das eigene Essverhalten sehr. Dennoch kommt es immer wieder zu Heißhungeranfällen, bei denen die Betroffenen in kurzer Zeit viel zu viel essen. Gegen eine Gewichtszunahme kämpfen Bulimiker dann mit Erbrechen, Diäten, exzessiven Sport oder durch Abführ- und Entwässerungsmitteln.

Bulimie bleibt oft über Jahre unerkannt und es gibt viele Fälle, wo noch nicht einmal der Lebenspartner von dem Problem weiß. Die Erkrankten isolieren sich oft selbst, ziehen sich aus Freundschaften und Aktivitäten mit Gleichaltrigen zurück, auch um ihren Essensmissbrauch, so lange wie möglich zu verbergen, weil sie sich dafür schämen. Ess-Brech-Anfälle sind meist ein Protest gegen sehr hohe, nicht miteinander zu vereinbarenden Anforderungen im Privat- wie auch Berufsleben. Das Erbrechen erleben viele erkrankte als symbolische Reinigung von Ansprüchen anderer an sie.

Ess-Brech-Süchtige schädigen ihren Körper sehr. Körperlichen Folgen des Erbrechens bzw. des Missbrauchs von Abführmitteln oder Appetitzüglern sind bspw. Magnesium- oder Kaliummangel, Säureschädigung der Zähne (Karies), Schädigung der Schleimhäute und damit verbundene Verletzungen der Speiseröhre, geschwollene Schilddrüsen, Wassereinlagerungen in den Gelenken, bleibende Nierenschäden, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck-Krankheiten, Diabetes, Störungen bzw. Ausbleiben der Menstruation, Magenerweiterung bis zum Zwerchfelldurchbruch des Magens, gerissene Magenwände.

Definition im Klassifizierungsschemata DSM der American Psychiatric Association (APA) mit folgenden Merkmalen für die sich wiederholenden Fressattacken:

  1. Verzehr einer Nahrungsmenge in einem bestimmten Zeitraum (z.B. innerhalb eines Zeitraums von zwei Stunden), wobei diese Nahrungsmenge erheblich größer ist als die Menge, die die meisten Menschen in einem vergleichbaren Zeitraum und unter vergleichbaren Bedingungen essen würden.
  2. Das Gefühl, während der Episode die Kontrolle über das Essen zu verlieren (z.B. das Gefühl weder mit dem Essen aufhören zu können, noch Kontrolle über Art und Menge der Nahrung zu haben).
  3. Wiederholte Anwendung von unangemessenen, einer Gewichtszunahme gegensteuernden Maßnahmen, wie z.B. selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Laxantien, Diuretika, Klistieren oder anderen Arzneimitteln, Fasten oder übermäßige körperliche Betätigung.
  4. Die "Fressattacken" und das unangemessene Kompensationsverhalten kommen drei Monate lang im Durchschnitt mindestens zweimal pro Woche vor.
  5. Figur und Körpergewicht haben einen übermäßigen Einfluss auf die Selbstbewertung.
  6. Die Störung tritt nicht ausschließlich im Verlauf von Episoden einer Anorexia nervosa auf.

Binge Eating Disorder

Essanfälle ohne gewichtsregulierende Gegensteuerung (Binge Eating Disorder) sind eine weniger bekannte, aber dennoch sehr häufige Form von Essstörungen, die sich durch regelmäßige Essattacken zeigt. Die Esssüchtigen verschlingen bei periodischen Heißhungerattacken sehr große Mengen an Lebensmitteln. Aber die Betroffenen übergeben sich nicht oder reduzieren das Essen mal und sind daher meist übergewichtig.

Das Übergewicht bedingt wiederum zahlreiche körperliche Folgeschäden wie bspw. Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder psychische Begleiterkrankungen.

Aufgrund einer schwierigen diagnostischen Abgrenzung gibt es lediglich Schätzungen über die Zahl der Betroffenen in Deutschland, wonach etwa 2,5% der Bevölkerung sowie bis einem Drittel adipöser Menschen von dieser Störung betroffen sind.

Definition im Klassifizierungsschemata DSM der American Psychiatric Association (APA):

  1. In einem abgrenzbaren Zeitraum wird eine Nahrungsmenge gegessen, die deutlich größer ist als die Menge, die andere Menschen im selben Umfang unter den gleichen Umständen essen würden.
  2. Während des Essanfalls wird der Verlust der Kontrolle über das Essen empfunden. Dabei sind die Essanfälle mit mindestens drei der folgenden Merkmale verbunden:
    • Es wird wesentlich schneller gegessen als normal.
    • Es wird gegessen, bis man sich unangenehm voll fühlt.
    • Es werden große Mengen gegessen, obwohl man keinen Hunger hat.
    • Es wird allein gegessen, weil es einem peinlich ist, wie viel man isst.
    • Man ekelt sich vor sich selbst, fühlt sich nach dem Essen depressiv, schuldig und verzweifelt.

Von Bulimie grenzt sich diese Erkrankung dadurch ab, dass das Überfressen das Kompensationsverhalten auslässt. Die Essanfälle sind nicht mit gewichtsreduzierenden Maßnahmen verbunden.

Adipositas

Grundlage für Fettsucht ist oftmals bereits die Kindheit, denn dicke Kinder werden oft zu dicken Erwachsenen. Betroffene sind es von Klein an gewohnt: zu viel, von zu schlechter Qualität und dauernd zu essen. Sie haben das richtige Maß nicht kennengelernt.

Derzeit liest man häufig, jeder dritte oder gar jeder zweite Deutsche sei übergewichtig. Seriöse Studien kommen jedoch zu weniger dramatischen Ergebnissen. Letztlich ist und bleibt es Definitionssache, zumal in der Fachliteratur verschiedene Tabellen kursieren, in denen mal bei einem BMI von 25 und mal bei 30 von Adipositas gesprochen wird. Viele Mediziner gehen davon aus, dass erst bei einem BMI von 30 mit gesundheitlichen Schäden zu rechnen ist. Bei einer Bewertung der ermittelten Zahlen zu moderater Adipositas in der deutschen Bevölkerung sollte man definitiv das Alter mit einbeziehen: Während 27% älterer Bürger zwischen 60 und 69 Jahren einen BMI von 30 aufwiesen, waren in der Gruppe der 25- bis 29-jährigen nur zu 7,5% adipös. Die Studien zeigen allerdings, dass die Zahl der Übergewichtigen in den letzten Jahren zwar langsam, aber doch stetig ansteigt.

Starkes Übergewicht kann erwiesenermaßen zu erheblichen gesundheitlichen Schäden führen und Diabetes Typ II, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck oder auch bestimmte Krebsarten begünstigen oder verursachen. Doch laut einer Studie aus den USA lebten Personen, die nur leicht übergewichtig waren, besonders lang. Möglicherweise hat ein höheres Gewicht im Alter sogar einen biologischen Sinn hat, sofern es zu langwierigen Krankheiten oder Appetitlosigkeit kommen sollte.