Tabuthema Essstörung: Schön schlank oder psychisch krank? (Seite 5/7)

Therapeutische Maßnahmen und Beratungsangebote

Ohne professionelle Hilfe ist kaum Besserung zu erwarten

Von Magersucht Betroffene versuchen mit Ausreden wie "Ich habe schon gegessen", oder "Ich habe gar keinen Hunger" gemeinsame Mahlzeiten zu meiden, widmen sich aber häufig dem Wohlergehen anderer und kochen aufwendige Gerichte für andere. Ständig sind sie mit dem Thema "Essen" beschäftigt, teilen Lebensmittel in gute, nicht dick machende und schlechte, dick machende Nahrungsmittel. Unter dem Vorwand, sich gesund ernähren zu wollen, essen sie oft sehr einseitig, zwar meist viele Früchte und viel Gemüse, aber oft auch sättigende, nicht altersgerechte Nährstoffe wie bspw. Babybrei.

Mit zunehmender Erkrankung wird das Essverhalten immer stärker kontrolliert und eingeschränkt. Dabei bleibt Übergreifen des Kontrollwahns auf andere Mitmenschen oft nicht aus. Die krankhafte Angst, dick zu werden, führt mit zunehmender Erkrankung zur völligen Vermeidung normaler Mahlzeiten, aber auch sozialer Anlässe, bei denen gegessen wird. Nach einer Nahrungsaufnahme versuchen die Betroffenen, alles wieder abzutrainieren oder aus dem Körper zu entfernen. Übermäßige Sportaktivitäten aber auch schlechte Durchblutung der Hände sind sichtbare Warnzeichen. Erkrankte verstecken ihren abgemagerten Körper oft durch Schlabberkleidung oder dicke Pullover und Mäntel.

Betroffene schämen sich häufig für ihr Verhalten und verstecken die Störung vor anderen, so dass Freunde, Bekannte und Familie oft ahnungslos sind. Diese Heimlichkeit birgt große Gefahren.

Daher muss in erster Linie dem Betroffenen selbst bewusst werden, dass es sich bei einer Essstörung um eine ernst zunehmende Erkrankung handelt. Essstörungen lösen einen Teufelskreis aus, der sich vielfach in Isolation abspielt und dessen Auswirkungen man nur mit professioneller Hilfe in den Griff bekommen kann.

Zudem braucht die erkrankte Person im nächsten Schritt den Mut, sich jemandem anzuvertrauen - sei es einem Verwandten, einem Freund, einem Arzt oder Therapeuten oder auch einer Beratungsstelle - und dann die Bereitschaft, Hilfe von außen anzunehmen. Ob eine ambulante oder eine klinische Betreuung in Frage kommt, ist eine individuelle Frage. Je nach Einrichtung hat der Patient die Wahl zwischen Einzel-, Gruppen-, Familien- oder Paartherapie. Die Behandlungen sind oft langwierig, da sich eine langjährig aufgebaute Symptomatik nicht in kurzer Zeit beheben lässt. Eine Ernährungsberatung kann dabei eine sinnvolle Ergänzung zur ärztlichen oder therapeutischen Behandlung sein, um die Genesung des Patienten zu fördern und wieder ein gesundes Essverhalten zu erlernen. Rückfälle in Krisensituationen sind nicht selten.

Das Schwierige an der Behandlung von Essstörungen ist, dass jeder Mensch essen muss. Anders als ein Alkoholabhängiger oder tablettensüchtiger Patient, der lernen muss, vollkommen auf das Suchtmittel zu verzichten, muss eine essgestörte Person sich mehrmals am Tag selbst mit dem Essen konfrontieren. In den Therapien arbeitet man vor allem am Selbstwertgefühl der Erkrankten sowie den Gefühlen und Ursachen, die sich hinter der Sucht verbergen.