Dissoziative Störungen (Seite 3/6)

Häufigkeit und Verlauf

Die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal im Leben an einer dissoziativen Störung zu erkranken, liegt bei etwa zwei bis vier Prozent. Meist tritt die Erkrankung zum ersten Mal vor dem 30. Lebensjahr auf, dabei nimmt die Häufigkeit mit zunehmendem Alter ab. Frauen sind von dissoziativen Störungen etwa drei Mal so oft betroffen wie Männer.

Die meisten dissoziativen Störungen halten nur kurze Zeit, meist einige Wochen oder Monate lang an und gehen dann spontan wieder zurück. Es können sich aber auch chronische Störungen entwickeln – vor allem dann, wenn der Beginn mit unlösbaren (zwischenmenschlichen) Problemen verbunden war. Günstig für den Verlauf ist es dagegen, wenn die dissoziative Störung frühzeitig behandelt wird.

Die verschiedenen Arten dissoziativer Störungen sind dabei unterschiedlich häufig. Relativ verbreitet ist die dissoziative Amnesie: Sie kommt Schätzungen zufolge bei sieben Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben vor. Eine dissoziative Identitätsstörung liegt bei etwa einem Prozent der Bevölkerung vor. Sehr selten sind dagegen die dissoziative Fugue, der dissoziative Stupor, dissoziative Bewegungs- und dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen. Experten schätzen, dass nur je 0,3 Prozent der Menschen einmal im Leben von dissoziativen Bewegungsstörungen bzw. dissoziativen Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen betroffen sind, nur 0,2 Prozent von einer dissoziative Fugue und nur etwa 0,1 Prozent von einem dissoziativen Stupor.

Oft treten dissoziative Symptome auch in Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen auf – zum Beispiel bei Depressionen, Angststörungen, der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), der Borderline-Persönlichkeitsstörung oder der Schizophrenie. Liegt gleichzeitig eine andere psychische Erkrankung vor, ist das Risiko für eine lang anhaltende dissoziative Störung erhöht.

Entstehung von dissoziativen Störungen

Fachleute nehmen an, dass Dissoziationen und dissoziative Störungen durch ein Zusammenwirken von Umweltfaktoren und individuellen Eigenschaften entstehen.

Umweltfaktoren: Traumata und starke psychische Belastungen

Untersuchungen deuten darauf hin, dass Dissoziationen oft durch das Erleben eines Traumas ausgelöst werden. 90 Prozent der Patienten mit schweren dissoziativen Symptomen haben im Vorfeld eine traumatische Erfahrung gemacht.

Es wird angenommen, dass die traumatische Erfahrung zu einer starken Stressreaktion und zu einer Überforderung der Psyche führt. Dabei wird vermehrt das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet, das die Funktion des Hippocampus, einer Gehirnregion, die für das Abspeichern und Abrufen von Erinnerungen zuständig ist, beeinträchtigen kann. Das kann dazu führen, dass bestimmte Informationen nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert werden oder so gespeichert werden, dass sie vorübergehend nicht zugänglich sind. Dies könnte ein Schutzmechanismus sein, der es den Betroffenen ermöglicht, in der Extremsituation handlungsfähig zu bleiben.

Dagegen ist die Amygdala – eine Gehirnregion, die bei emotionalen Reaktionen eine wichtige Rolle spielt – während des Traumas stark aktiviert. Dadurch können bestimmte äußere Reize ein Wiedererleben der traumatischen Erfahrungen auslösen. Das könnte dazu führen, dass man sich ähnlich wie in der traumatischen Situation „wie betäubt“ fühlt oder die Sinneswahrnehmung oder die Bewegungsfähigkeit beeinträchtigt sind.

Psychoanalytische Konzepte gehen zudem davon aus, dass bei einer Dissoziation unerträgliche Erlebnisse aus dem Bewusstsein verdrängt und Gefühle und Erfahrungen, die der Betroffene nicht in sein Selbstbild integrieren kann, abgespalten werden.


Allerdings entwickeln nur etwa zehn Prozent derjenigen, die ein Trauma erlebt haben, auch Symptome einer Dissoziation. Vermutlich müssen zusätzlich zu einem Trauma weitere Faktoren vorliegen, damit eine dissoziative Störung entsteht. Es wird vermutet, dass traumatische Erfahrungen in der Kindheit das Risiko erhöhen, nach einem erneuten Trauma eine dissoziative Störung zu entwickeln. Außerdem könnten eine besonders starke, anhaltende Stressreaktion nach dem Trauma oder Schwierigkeiten bei der Regulierung von Gefühlen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine dissoziative Störung entsteht.

Darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit für Dissoziationen erhöht, wenn der Körper nicht ausreichend versorgt ist – etwa bei Schlaf- oder Flüssigkeitsmangel.

Entstehung einzelner dissoziativer Störungsbilder

Eine dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) entsteht häufig durch schwere traumatische Erfahrungen in der Kindheit. Es wird angenommen, dass die Aufspaltung der Persönlichkeit in verschiedene Anteile ein Schutzmechanismus vor sonst unerträglichen Erlebnissen ist: Um die körperlichen und psychischen Qualen überhaupt zu ertragen und im Alltag weiter handlungsfähig zu sein, spaltet sich die Psyche in mehrere Anteile auf. Ein Anteil begibt sich zum Beispiel in der Fantasie an einen anderen, geschützten Ort oder stellt sich vor, dass die Misshandlungen gar nicht real sind – ein anderer Anteil nimmt die Gewalt und die Schmerzen aber dennoch wahr.
Bei den dissoziativen Störungen der Bewegung und der Sinnesempfindung nehmen Experten an, dass hier psychische Belastungen aus dem Bewusstsein verdrängt und dann durch körperliche Beschwerden sichtbar gemacht werden. Gleichzeitig erhalten die Betroffenen durch die Symptome oft mehr Aufmerksamkeit und Zuneigung als vorher, was dazu beitragen kann, dass die Störung aufrechterhalten wird (sekundärer Krankheitsgewinn).

Über die Ursachen des dissoziativen Stupors ist bisher wenig bekannt. Manche Fachleute nehmen an, dass die Symptome – die Patienten reagieren nicht mehr auf die Umwelt und bewegen sich kaum noch – dem Totstellreflex bei Tieren ähneln, bei dem eine bedrohliche Situation das Tier am ganzen Körper erstarren lässt. Dies ist für manche Tiere ein Schutzmechanismus in Situationen, in denen es für sie keine andere Verhaltensmöglichkeit gibt.

Individuelle Eigenschaften

Neben den Umweltfaktoren scheinen auch individuelle Eigenschaften die Wahrscheinlichkeit für dissoziative Symptome zu erhöhen. So wird vermutet, dass die Neigung zu Dissoziationen zu einem gewissen Grad erblich bedingt ist. Außerdem wird angenommen, dass Menschen, die besonders suggestibel oder besonders gut hypnotisierbar sind, die zu Phantasien neigen oder besonders offen für neue Erfahrungen sind, eine stärkere Neigung zu Dissoziationen haben.
Auf der anderen Seite gibt es auch Schutzfaktoren, die vor dem Auftreten von Dissoziationen bzw. vor der Entwicklung einer dissoziativen Störung schützen können – etwa körperliche und psychische Reifungsprozesse, bestimmte Persönlichkeitseigenschaften oder ein unterstützendes soziales Umfeld.

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