Dissoziative Störungen (Seite 4/6)

Diagnose von dissoziativen Störungen

Dissoziative Störungen werden sehr häufig nicht erkannt oder falsch diagnostiziert. Das liegt zum einen daran, dass die Symptome oft mit anderen Störungen in Verbindung gebracht werden, etwa neurologischen Erkrankungen oder der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Zum anderen liegen gleichzeitig mit der dissoziativen Störung oft weitere psychische Erkrankungen vor, die die dissoziativen Symptome scheinbar erklären. Aus diesem Grund ist eine sorgfältige Diagnostik wichtig.

Anhaltspunkte für eine dissoziative Störung erhält der Arzt oder Psychotherapeut zunächst aus dem, was der Patient berichtet, aber auch aus seinem Verhalten während des Gesprächs. Typisch ist zum Beispiel, dass der Patient über häufige Gedächtnislücken berichtet oder angibt,  dass er sich immer wieder an Orten wiederfindet, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen ist. Während des Gesprächs kann auffallen, dass der Betroffene immer wieder Gedächtnislücken hat, den Faden verliert oder dass sein Verhalten plötzlich und auffällig wechselt.

Um einen ersten Eindruck zu erhalten, ob eine dissoziative Störung vorliegen könnte, werden zudem oft Fragebögen zur Selbst- oder Fremdbeurteilung eingesetzt. Als Fragebögen zur Selbstbeurteilung der dissoziativen Symptome werden häufig die „Dissociative Experience Scale“ (DES) oder die „Impact of Event Scale“ (IES) verwendet.

Neben den aktuellen Symptomen fragt der Behandler den Patienten auch nach seiner aktuellen Lebenssituation und nach psychischen Problemen oder Erkrankungen in der Vergangenheit. Dabei versucht er herauszufinden, ob in der Vergangenheit ein Trauma, ein schwerwiegender Konflikt oder eine andere starke Belastung vorgelegen hat. Typische Fragen sind zum Beispiel:

  • Welche Beschwerden liegen vor?
  • Seit wann bestehen sie?
  • In welchen Situationen treten sie auf, wodurch werden sie ausgelöst?
  • Wie lange halten die Symptome normalerweise an?
  • Zu  welchen Beeinträchtigungen führen die Symptome – etwa im Beruf oder bei den sozialen Beziehungen?

Um die dissoziative Symptomatik umfassend zu beurteilen, werden oft strukturierte Interviews verwendet, in denen systematisch nach den verschiedenen Symptomen gefragt wird. Dazu gehören zum Beispiel das „Dissociative Disorders Interview Schedule“ (DDIS) oder das „Strukturierte klinische Interview für DSM-IV für dissoziative Störungen“ (SKID-D).

Auch Informationen von Dritten, zum Beispiel Auskünfte von Familienangehörigen oder Arztberichte können helfen, die Symptome richtig zu diagnostizieren.

Um auszuschließen, dass eine andere Erkrankung hinter den Symptomen steckt, muss überprüft werden, ob eine organische Ursache für die Symptome vorliegt. Dies könnten zum Beispiel ein Gehirntumor, eine Epilepsie, eine Migräne oder andere Erkrankungen des Gehirns sein. Bei der Untersuchung werden zum Beispiel die Reflexe, die Seh-, Geruchs- und Geschmacksnerven und die Bewegungsabläufe untersucht. In manchen Fällen wird auch eine bildgebende Untersuchung des Gehirns durchgeführt, etwa ein Computertomographie.

Außerdem muss eine dissoziative Störung sorgfältig von anderen psychischen Erkrankungen abgegrenzt werden, bei denen ähnliche Symptome auftreten können. Dazu gehören vor allem die Borderline-Persönlichkeitsstörung, die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und in manchen Fällen psychotische Störungen wie die Schizophrenie.