Die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (Seite 8/9)

Einwände gegen Behandlung von ADHS mit Medikamenten

Psychopharmaka werden zu häufig und leichtfertig verordnet und schaden mehr als sie nutzen

Erster Kritikpunkt: Medikamente gegen ADHS werden zu leichtfertig verordnet. In vielen Fällen sind sie gar nicht notwendig.

Stellungnahme von Experten: "Das war in der Vergangenheit möglicherweise der Fall. So hat sich die Zahl der Ritalin-Verordnungen in Deutschland ab Anfang der 1990er Jahren bis ins Jahr 2009 vervielfacht. Vermutlich wurde die Diagnose in vielen Fällen von einem Arzt, der kein Spezialist für ADHS ist, gestellt. Außerdem wurde wahrscheinlich oft eine weniger umfassende Diagnostik durchgeführt als dies von Fachleuten empfohlen wird.

Um eine unspezifische Verordnung zu vermeiden, dürfen ADHS-Medikamente in Deutschland seit 2010 nur noch von einem „Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen“ nach einer umfassenden Diagnostik verordnet werden. Sie werden vor allem bei ausgeprägter ADHS-Symptomatik verschrieben, die in vielen verschiedenen Situationen auftritt und zu deutlichen Problemen führt.

Seit 2011 hat die Zahl der Ritalin-Verordnungen in Deutschland wieder abgenommen. Derzeit nehmen etwa 30 Prozent der Kinder, bei denen eine ADHS diagnostiziert wurde, ein Medikament. Dieser Wert ist in den letzten Jahren konstant geblieben – das spricht dafür, dass nicht leichtfertig mehr AHDS-Medikamente verschrieben werden."

Zweiter Kritikpunkt: Die Medikamente stellen nur ruhig, aber sie helfen nicht, die Probleme wirklich zu bewältigen.

Stellungnahme von Experten: "Die Medikamente machen nicht müde und stellen auch nicht ruhig. Sie tragen dazu bei, die Aufmerksamkeit zu verbessern und die körperliche Unruhe und Impulsivität zu verringern."

Dritter Kritikpunkt: Die Medikamente haben starke und langfristige Nebenwirkungen.

viele unterschiedliche Tabletten

Stellungnahme von Experten: "Die meisten Patienten haben keine oder nur geringe Nebenwirkungen. Sie sind meist vorübergehend und können durch eine Anpassung der Dosis oft gut kontrolliert werden. Der Arzt muss jedoch Blutdruck, Wachstum und Körpergewicht in regelmäßigen Abständen kontrollieren, um ungünstige Auswirkungen der Medikamente feststellen zu können. Bei einigen wenigen Patienten sind die Nebenwirkungen so stark, dass das Medikament abgesetzt werden muss. In jedem Fall ist es sinnvoll, bei Nebenwirkungen Rücksprache mit dem Arzt zu halten."

Vierter Kritikpunkt: Die Medikamente machen abhängig.

Stellungnahme von Experten: "Es stimmt, dass Methylphenidat und Amphetamin auch missbräuchlich eingenommen werden können – zum Beispiel von Jugendlichen und Erwachsenen, die sich länger und besser konzentrieren wollen oder zum Beispiel auf Parties länger durchhalten wollen. Hier wird der Wirkstoff meist unregelmäßig und in hoher Dosierung eingenommen. Dadurch kommt es zu einer abrupten Abnahme der Wirkung, die ein Verlangen nach erneuter Einnahme auslösen kann. Das bedeutet, dass es bei unsachgemäßer Einnahme zu  einem Missbrauch kommen kann.

Wenn Methylphenidat oder Amphetamin in der vorgeschriebenen Form und kontinuierlich eingenommen werden, machen sie jedoch nicht abhängig. Patienten mit ADHS, die diese Medikamente einnehmen, neigen während der Einnahme und auch später nicht stärker zum Missbrauch von Drogen oder Medikamenten als andere Menschen.

Beim Wirkstoff Atomoxetin gibt es kein Abhängigkeitspotential."

Fünfter Kritikpunkt: Unabhängig davon, ob die Diagnose ADHS gestellt wurde oder nicht: Viele Eltern „fordern“ Ritalin oder ähnliche Medikamente für ihr Kind, und ältere Kinder und Jugendliche verlangen das Medikament häufig selbst – mit der Absicht, Konzentrationsfähigkeit und Leistungsfähigkeit zu verbessern.

Stellungnahme von Experten: "Hier sollten Fachleute sehr aufmerksam sein und Medikamente wirklich nur bei einer gesicherten ADHS-Diagnose und ausgeprägter Symptomatik verschreiben."