Die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (Seite 4/8)

Kritik am Störungsbild ADHS

Das Bestehen einer "echten" Erkrankung und eine korrekte Diagnose werden häufig bezweifelt

Erster Kritikpunkt: Gibt es die Störung ADHS überhaupt? Es gibt einfach Kinder, die besonders lebhaft, aktiv, impulsiv oder leicht ablenkbar sind. Man sollte solche Kinder nicht gleich als krank und behandlungsbedürftig „abstempeln“.

Stellungnahme von Experten: "Es stimmt, dass es besonders lebhafte oder leicht ablenkbare Kinder gibt. Ob tatsächlich eine Erkrankung vorliegt, wird mithilfe festgelegter Kriterien von einem Facharzt festgestellt. Ein entscheidendes Kriterium für die Diagnose ADHS ist, dass das Kind und seine Familie stark unter den Symptomen leiden und dass es durch die Symptome zu Einschränkungen kommt, etwa im schulischen Bereich, die sich auch negativ auf die Zukunft des Kindes auswirken können.

Wenn das Kind selbst mit seinen Besonderheiten zurechtkommt – also in der Schule mitkommt, Freunde hat und es keine massiven Konflikte mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen gibt – ist nicht unbedingt eine Behandlung notwendig.

Oft haben die Kinder aber große Probleme in der Schule, haben keine Freunde, und es gibt häufig Konflikte und Streitereien in der Familie. Dann ist eine Behandlung auf jeden Fall sinnvoll. Durch eine sorgfältige Diagnosestellung können im Anschluss passende Behandlungsmaßnahmen eingeleitet werden."

Zweiter Kritikpunkt: Kann man eine ADHS denn überhaupt sicher diagnostizieren? Die Grenze zwischen „normal“ und „krankhaft“ ist ja fließend und nicht eindeutig festgelegt.

Stellungnahme von Experten: "Tatsächlich ist ADHS ein dimensionales Störungsbild, das heißt, es gibt keine eindeutige Grenze zwischen „normal“ und „krankhaft“. Allerdings gibt es klare Kriterien für die Diagnosestellung. Wichtig ist deshalb wiederum eine sorgfältige Diagnostik, die von einem ADHS-Experten durchgeführt wird."

Dritter Kritikpunkt: Wie kann man sichergehen, dass „ADHS“ keine Fehldiagnose ist?

Oft kommen die Kinder ja zum Kinder- & Jugendpsychiater, weil die Eltern oder Lehrer schon vermuten, dass eine ADHS vorliegt. Aber vielleicht steckt hinter den Symptomen wie Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität auch eine andere psychische Problematik? Oder sie sind in Wirklichkeit Ausdruck emotionaler Belastungen, die durch Probleme in der Familie oder Schule oder durch Erziehungsfehler entstehen?

Stellungnahme von Experten: "Auch hier ist eine umfassende Diagnostik wichtig. Sie kann klären, ob wirklich eine ADHS vorliegt, ob hinter den Symptomen eine andere Störung steckt – zum Beispiel eine Entwicklungsverzögerung oder eine emotionale Störung – oder ob äußere Faktoren für die Symptome wie Unaufmerksamkeit oder unruhiges Verhalten verantwortlich sind.

Wenn die Diagnose nicht von einem Spezialisten für ADHS gestellt wurde und wenn Sie den Eindruck haben, dass der Behandler relativ schnell und ohne umfassende Information zu der Diagnose gekommen ist, könnte eine falsche Diagnose vorliegen.

Wenn tatsächlich eine ADHS besteht, können Belastungen in der Familie oder Schule die Symptome verstärken. Deshalb geht es in der Therapie auch darum, solche Belastungen zu verringern. Das allein reicht aber dann nicht aus, um die Symptome dauerhaft zu verbessern"

Vierter Kritikpunkt: ADHS ist nur Erfindung unserer Gesellschaft. Die Symptome kommen vor allem durch veränderte gesellschaftliche Bedingungen zustande – zum Beispiel durch eine ständige Reizüberflutung oder hohe Anforderungen und hohen Druck in der Schule.
Außerdem ist unsere Gesellschaft wenig tolerant gegenüber Kindern, die unangepasst zu sein scheinen. Es wird zu Unrecht erwartet, dass Kinder immer brav und ruhig sein sollten.

Stellungnahme von Experten: "Die Symptome der ADHS wurden schon vor etwa 200 Jahren beschrieben. Ob es heute tatsächlich häufiger auftritt, lässt sich schwer sagen. Es stimmt aber, dass die Anforderungen an Aufmerksamkeit und Konzentration in der Schule und im Berufsleben deutlich zugenommen haben. Dadurch tritt das Problem ADHS heute möglicherweise mehr zutage.

Deshalb ist es auf jeden Fall sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, was man in der Umwelt verändern könnte, damit ADHS bzw. ADHS-Symptome weniger stark auftreten.

Ein wichtiger Aspekt ist, Hektik und Reizüberflutung zu reduzieren. Dazu sollte auch auf einen geringeren Fernseh- und Internetkonsum geachtet werden. Sinnvoll wären sicher auch kleinere Schulklassen, in denen individuell auf die Bedürfnisse der einzelnen Kinder eingegangen wird und in denen das Lernen Spaß macht.

Es stimmt, dass es mehr Toleranz gegenüber wilden oder sehr aktiven Kindern geben sollte. Hier sollten auch die Eltern und Erzieher aufgeklärt und ihre Erwartungen verändert werden. Das gilt insbesondere bei jüngeren Kindern."