Die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (Seite 6/8)

Therapie mit Psychopharmaka

Wenn die Symptome der ADHS stark ausgeprägt sind und in vielen unterschiedlichen Situationen auftreten, und wenn durch eine Psychotherapie keine deutliche Besserung eintritt, wird meist zu einer medikamentösen Behandlung geraten. Sie kann in Deutschland ab einem Alter von sechs Jahren durchgeführt werden. Die wirksamsten und am häufigsten Wirkstoffe sind:

  • Methylphenidat (Ritalin)
  • Atomoxetin
  • Amphetamin

Die Medikation trägt in vielen Fällen dazu bei, dass sich die Aufmerksamkeit verbessert und Unruhe und Hyperaktivität abnehmen. Dadurch verbessern sich bei vielen Kindern auch die Schulleistungen, die soziale Kontakte und das Selbstwertgefühl. In der Praxis hat sich gezeigt, dass eine Medikation bei schwer ausgeprägter ADHS-Symptomatik oft die Voraussetzung für weitere therapeutische Maßnahmen ist. Sie ermöglicht erst eine tragfähige Zusammenarbeit und verbessert Konzentration und Ausdauer soweit, dass das Kind in der Therapie mitarbeiten kann.

Junge mit Tablette im Mund

Studien haben ergeben, dass eine Behandlung mit Methylphenidat (Ritalin) bei 70 bis 85 Prozent der Kinder und Jugendlichen wirksam ist. Daher gilt es als Medikament der ersten Wahl. Auch bei Atomoxetin hat sich eine ähnlich hohe Wirksamkeit gezeigt.

Wie lange die Medikamente eingenommen werden sollten, ist individuell sehr unterschiedlich. Meist wird es als sinnvoll angesehen, sie über einige Jahre zu nehmen. Durch Auslassversuche – etwa in jährlichem Abstand – kann überprüft werden, ob sich die Symptome gebessert haben und ob die Medikation eventuell nicht mehr notwendig ist.

In jedem Fall sollten die Eltern die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse Behandlung sorgfältig mit dem Arzt besprechen und gründlich überlegen. Ältere Kinder oder Jugendlichen sollten immer in die Entscheidung für oder gegen eine Medikation einbezogen werden.

Methylphenidat (Ritalin)

Methylphenidat gehört zu den so genannten Psychostimulanzien und unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz. Bei der Medikation wird zunächst mit einer niedrigen, individuell abgestimmten Dosierung begonnen, die allmählich erhöht wird. Dabei werden Wirkungen und Nebenwirkungen genau beobachtet und die Dosis entsprechend angepasst. Oft werden in regelmäßigen Abständen Medikamentenpausen eingelegt, um zu überprüfen, ob die Symptome weiterhin vorhanden sind. Dann wird die Medikation entweder wie bisher fortgeführt oder kann schrittweise reduziert werden.

Methylphenidat wird meist gut vertragen. Als Nebenwirkungen treten bei einem Teil der Kinder ein geringerer Appetit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Irritierbarkeit auf. Bei höheren Dosierungen kann es in seltenen Fällen zu leichten Puls- und Blutdruckerhöhungen kommen. Durch die Anpassung der Dosis und die Einnahme im Lauf des Tages (aber nicht am Abend) gehen die Nebenwirkungen meist nach den ersten Wochen wieder zurück.

Bei einigen Kindern wird eine leichte Beeinträchtigung des Wachstums beobachtet. Experten nehmen an, dass dies durch stärkeres Wachstum in den Medikamentenpausen wieder ausgeglichen wird. Über die Auswirkungen auf die spätere, endgültige Größe des Kindes ist jedoch wenig bekannt. Daher sollten Größe und Gewicht des Kindes in jedem Fall regelmäßig kontrolliert werden.

Bei bestimmten zusätzlichen Erkrankungen, etwa erhöhtem Blutdruck, schweren Tics oder bei Medikamenten- oder Drogenmissbrauch sollte kein Methylphenidat verordnet werden.

Atomoxetin

Atomoxetin gehört zu den selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmern (NARI). Es hat kein Abhängigkeitspotential und unterliegt daher nicht dem Betäubungsmittelgesetz. Es wirkt langsamer als Methylphenidat und muss mindestens zwei bis acht Wochen eingenommen werden, bevor sich eine Wirkung zeigt. Atomoxetin wird verordnet, wenn  Methylphenidat keine ausreichende Wirkung zeigt oder wenn gleichzeitig mit der ADHS eine Ticstörung oder ein Substanzmissbrauch vorliegt.

Die Nebenwirkungen ähneln denen von Methylphenidat. Weil Atomoxetin sich auf Herzfrequenz und Blutdruck auswirkt, müssen diese regelmäßig kontrolliert werden. Weiterhin wurde bei Kindern in seltenen Fällen ein erhöhtes Auftreten von aggressivem Verhalten, Suizidgedanken und Suizidhandlungen beobachtet. Diese Symptome sollten sehr aufmerksam beobachtet und beim Auftreten von Suizidgedanken sollte das Medikament abgesetzt werden.

Amphetamin

Amphetamin (Dexoamphetamin) hat eine ähnliche Wirkungen und ähnliche Nebenwirkungen wie Methylphenidat. Es hat ebenfalls ein Abhängigkeitspotential, das heißt, dass es bei unsachgemäßer Anwendung zu einer Abhängigkeitsentwicklung kommen kann. Daher fällt es ebenfalls unter das Betäubungsmittelgesetz. Amphetamin sollte erst verschrieben werden, wenn Methylphenidat und Atomoxetin keine ausreichende Wirkung gezeigt haben. Einige Kinder sprechen auf Amphetamin jedoch besser an als auf Methylphenidat.

Andere Medikamente

Ein Teil der Kinder mit ADHS, bei denen eine Medikation als sinnvoll angesehen wird, profitiert nicht von Methylphenidat und Atomoxetin, und bei einigen wenigen treten starke Nebenwirkungen auf. In diesen Fällen können andere Medikamente gegen ADHS eingesetzt werden – zum Beispiel bestimmte Antidepressiva. Sie sind jedoch gegen die Symptome der ADHS weniger wirksam und können zu mehr unerwünschten Nebenwirkungen führen.