Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (Seite 2/7)

Ursachen und Verlauf

Zum großen Teil körperlich bedingt

Wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen geht man davon aus, dass biologische, psychische und soziale Faktoren bei der Entstehung einer ADHS zusammenwirken.

Die bisherigen Forschungsergebnisse legen jedoch nahe, dass vor allem biologische Faktoren zur Entstehung einer ADHS beitragen. Verschiedene Studien geben Hinweise darauf, dass genetische Faktoren für die Störung von Bedeutung sind und dass im Gehirn der Betroffenen eine Störung der Neurotransmitter – der Botenstoffe zwischen den Nervenzellen – vorliegt. Diese scheint vor allem das Dopamin-System, aber auch die Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin zu betreffen.

Studien lassen darauf schließen, dass bei ADHS eine fehlerhafte Informationsverarbeitung im Gehirn vorliegt. Dabei sind Gehirnregionen betroffen, die mit Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und der Kontrolle von Impulsen zu tun haben. Es wird vermutet, dass die Betroffenen neue Reize, aber auch neue Gedanken und Verhaltensimpulse nicht ausreichend hemmen oder filtern können und deshalb Schwierigkeiten haben, sich auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren.

Als Risikofaktoren für eine ADHS gelten außerdem Alkohol-, Drogen- oder Nikotinmissbrauch in der Schwangerschaft.

Psychische und soziale Faktoren tragen demnach weniger dazu bei, dass eine ADHS entsteht. Sie beeinflussen aber, wie früh die Störung beginnt, wie schwer sie ausgeprägt ist und welchen Verlauf sie nimmt.

Ungünstige Faktoren sind Konflikte in der Familie oder in der Partnerschaft der Eltern, psychische Erkrankungen der Eltern oder problematische Erziehungspraktiken. Dazu gehören ein inkonsequenter oder sehr autoritärer Erziehungsstil sowie häufige Kritik und Bestrafungen. Außerdem kann ein unstrukturierter Tagesablauf dazu beitragen, dass die Symptome einer ADHS verstärkt auftreten.

Verlauf

Typisch für eine ADHS ist, dass sich die Symptome im Lauf der Kindheit und Jugend verändern. Kinder, bei denen später eine ADHS diagnostiziert wird, haben oft schon im Säuglings- und Kleinkindalter ein hohes Aktivitätsniveau und sind leicht irritierbar. Im Vorschulalter zeigen die Kinder oft eine ausgeprägte und ziellose Aktivität und wechseln häufig zwischen verschiedenen Aktivitäten. Zum Teil fallen sie auch durch aufsässiges oder störendes Verhalten auf.

Im Schulalter werden dann vor allem Unruhe und leichte Ablenkbarkeit im Unterricht, aber auch Lernschwächen, aggressives Verhalten und ein geringes Selbstwertgefühl beobachtet. Im Jugendalter nimmt die körperliche Unruhe häufig ab, während die Probleme bei der Aufmerksamkeit und die Impulsivität weiter bestehen bleiben.

Bei Erwachsenen stehen dann oft die Aufmerksamkeitsprobleme im Vordergrund. Etwa zwei Drittel der Betroffenen haben als Erwachsene keine ausgeprägten psychischen Probleme mehr. Viele haben normale soziale Beziehungen, können eine Ausbildung machen und in einem Beruf tätig sein. Sie haben jedoch weiterhin leichte, zum Teil auch deutlicher ausgeprägte Symptome einer ADHS wie Konzentrationsprobleme oder Schwierigkeiten, Arbeiten fertigzustellen. Dadurch leiden einige unter mehr emotionalen und sozialen Problemen als andere Erwachsene.

Bei etwa einem Drittel der Betroffenen sind die Symptome auch als Erwachsene noch ausgeprägt vorhanden. In einigen Fällen geht die Symptomatik im Lauf der Zeit auch in andere psychische Störungen über – etwa in einen Missbrauch von Alkohol, Drogen oder Medikamenten. Aus den  Symptomen, die ein Kind entwickelt, kann man aber noch nicht schließen, wie sich die ADHS im Jugend- und Erwachsenenalter entwickeln wird.

Welche anderen Störungen können gleichzeitig mit einer ADHS auftreten?

Bis zu 80 Prozent der Kinder mit einer ADHS haben weitere psychische Probleme. Am häufigsten kommt eine Störung des Sozialverhaltens vor – das heißt, die Kinder verhalten sich über längere Zeit und in unterschiedlichen Situationen aggressiv und aufsässig und missachten häufig soziale Regeln. Gleichzeitig mit einer ADHS können auch Angststörungen, depressive Störungen, Somatisierungsstörungen (körperliche Symptome, die psychischen Ursachen haben), umschriebene Entwicklungsstörungen (etwa Probleme bei der Entwicklung der Sprache oder der motorischen Geschicklichkeit) und Tic-Störungen auftreten.

Welche Störungen ähneln einer ADHS und müssen diagnostisch abgegrenzt werden (Differentialdiagnostik)?

Bei manchen Kindern mit einer geminderten Intelligenz treten Symptome auf, die einer ADHS ähneln. Um hier die Diagnose ADHS zu stellen, müssen die Symptome deutlich stärker ausgeprägt sein als das sonst bei Kindern mit verminderter Intelligenz der Fall ist. Weiterhin können bei bestimmten körperlichen Störungen oder bei Einnahme bestimmter Drogen oder Medikamente Symptome auftreten, die einer ADHS ähneln können, zum Beispiel Unruhe und Konzentrationsstörungen.