Internetsucht (Seite 4/6)

Psychotherapie bei Internetsucht

Wer bei sich selbst oder bei Angehörigen oder Freunden eine problematische Internetnutzung oder eine Internetsucht vermutet, kann sich an jede Einrichtung wenden, in der auch andere Suchterkrankungen behandelt werden: An eine Suchtberatungsstelle, einen Psychotherapeuten, eine Ambulanz oder eine auf Suchterkrankungen spezialisierte Klinik. Dort kann ein Experte im Gespräch und mithilfe von Fragebögen feststellen, ob tatsächlich eine Sucht oder ein schädlicher Gebrauch des Internets vorliegt. Außerdem gibt es inzwischen einige Kliniken, die eine eigene Ambulanz für Internetsucht haben, zum Beispiel in München, Mainz oder Bochum.

Dabei gilt: Je früher man sich Unterstützung sucht, desto besser sind die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung. Denn oft steigert sich der Internetgebrauch mit der Zeit immer mehr – und auch die damit verbundenen Probleme. So kann es zum Abbruch des Studiums, zum Verlust des Jobs oder zur vollständigen Vereinsamung kommen. Dann wird das Internet oft noch exzessiver genutzt: Der Betroffene gerät immer mehr in einen Teufelskreis.

Oft haben Menschen mit einer problematischen Internetnutzung Bedenken, sich Hilfe zu suchen. Sie befürchten, mit ihren Problemen von Beratungsstellen nicht verstanden zu werden, scheuen sich, über ihre Probleme zu sprechen – oder sie befürchten, dass sie das Internet in Zukunft gar nicht mehr nutzen dürfen. All das ist jedoch nicht der Fall. Stattdessen wird der Berater oder Therapeut versuchen, dem Ratsuchenden seine Ängste und Bedenken zu nehmen und ihm aufzeigen, wie eine Behandlung helfen kann.

Eine andere Möglichkeit der Hilfe ist eine auf Internetsucht spezialisierte Online-Beratung. Es scheint zwar zunächst etwas befremdlich, Internetsüchtigen zu raten, sich per Internet Hilfe zu holen. Andererseits haben die Betroffenen oft kaum noch Kontakt zur Außenwelt, so dass das Internet für sie eine gute erste Anlaufstelle sein kann. Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass Onlineberatungen bei Internetsucht hilfreich sein können.

Wie verläuft das Erstgespräch? Wie wird die Diagnose gestellt?

In einem Beratungsgespräch oder im Erstgespräch zu einer Therapie wird der Berater bzw. Therapeut zunächst Fragen zum Umgang mit dem Internet stellen. Da es bisher keine Diagnose „Internetsucht“ gibt, wird er sich dabei an den Diagnosekriterien für eine Sucht orientieren. Nach den vorläufigen Kriterien des DSM wird von einer Internetsucht ausgegangen, wenn über einen Zeitraum von 12 Monaten mindestens fünf Merkmale einer Sucht vorliegen.

So wird der Behandler fragen, wie viel Zeit man im Internet bzw. online verbringt und ob man sich schon vorgenommen hat, weniger Zeit online zu verbringen, dies aber nicht geschafft hat. Weitere Fragen können sein, ob man wegen des Internetgebrauchs Freunde und soziale Beziehungen, Hobbys oder Verpflichtungen vernachlässigt, ob man sich unruhig, schlecht gelaunt oder gereizt fühlt, wenn man nicht online sein kann, ob man das Internet gezielt nutzt, um schlechte Stimmung abzubauen und ob andere Menschen sich schon beschwert haben, dass man zu viel Zeit online verbringt. Außerdem wird er sich nach den Beziehungen zu Familie und Freunden, der beruflichen Situation, der Freizeitgestaltung und nach psychischen Belastungen erkundigen.

Inzwischen gibt es auch ein strukturiertes Diagnose-Instrument zur Feststellung internetbezogener Störungen: Das strukturierte klinische Interview zu internetbezogenen Störungen (AICA-SKI-IBS). Mithilfe des Interviewleitfadens kann der Berater oder Therapeut im Gespräch mit dem Betroffenen feststellen, ob eine Internetabhängigkeit oder eine problematische Internetnutzung vorliegt.

Außerdem werden häufig Fragebögen zur Einschätzung einer Internetsucht eingesetzt. Am häufigsten werden der Internet Addiction Test (IAT) von Young und die Internetsucht-Skala (ISS) von Hahn und Jerusalem verwendet.

Wie kann eine Internetsucht behandelt werden?

Inzwischen bieten immer mehr Therapeuten Unterstützung bei einer Internetabhängigkeit an. Die Behandlung kann – je nach Schwere der Problematik – ambulant, teilstationär, in einer Tagesklinik oder stationär stattfinden. Eine stationäre Behandlung ist vor allem dann sinnvoll, wenn die Internetsucht schwer ausgeprägt ist. Die Therapie kann dabei als Einzel- oder Gruppenbehandlung stattfinden.

Weil es bisher keine Diagnose „Internetsucht“ gibt, wird meist eine Diagnose aus dem Bereich „abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ der ICD-10 vergeben. So können ggf. auch die Kosten einer Behandlung mit der Krankenkasse abgerechnet werden.

Als wichtig für die Therapie der Internetsucht gelten auch Selbsthilfegruppen. In einer Gruppe trifft der Betroffene mit anderen Menschen zusammen, kann sich über seine Probleme austauschen und zugleich die Erfahrung machen, dass er mit seiner Problematik nicht allein ist. Außerdem kann er hier Kontakte aufbauen, die nicht über das Internet stattfinden.

Welche Art der Therapie am besten hilft, ist bisher nicht wissenschaftlich untersucht. Studien legen jedoch nahe, dass eine kognitive Verhaltenstherapie und Selbsthilfe-Programme bei Internetsucht hilfreich sein können.

Ein wichtiges Ziel der Therapie ist, den süchtigen oder problematischen Gebrauch des Internets zu überwinden und wieder ein befriedigendes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Gleichzeitig soll das Selbstwertgefühl gestärkt werden und Genuss möglich werden, ohne dass es dabei zu süchtigem Verhalten kommt. Ein zentraler Aspekt der Therapie ist es, die Ressourcen des Betroffenen zu stärken. Dazu gehören ein positives Selbstwertgefühl, die Fähigkeit zum Umgang mit Stress und negativen Gefühlen, der Aufbau von positiven sozialen Beziehungen und die Unterstützung von Familie, Partner oder Freunden.

Weil Computer und Internet für die meisten Menschen zum täglichen Leben gehören, ist eine „Abstinenz“, also ein vollkommener Verzicht auf das Internet, in den meisten Fällen nicht erreichbar und daher kein sinnvolles Therapieziel. Bei einer ausgeprägten Internetabhängigkeit kann aber zu Beginn der Behandlung eine Phase der Abstinenz sinnvoll sein. Ansonsten wird meist ein bewusster, kontrollierterer und sozial akzeptierter Umgang mit Computer, Smartphone und Internet angestrebt. Dabei kann es sinnvoll sein, dass der Betroffene bestimmte Webseiten bzw. Anwendungen, die für ihn besonders suchtfördernd sind, nicht mehr nutzt und / oder eine begrenzte Nutzungszeit festgelegt wird.

Oft werden in der Therapie auch die psychischen Probleme, die zur Entwicklung der exzessiven Internetnutzung beigetragen haben, sowie die psychischen Folgeprobleme behandelt. Gleichzeitig sollen die Betroffenen allmählich wieder Interesse an Aktivitäten ohne Internet entwickeln, wie Sport, Freizeitaktivitäten oder gemeinsame Unternehmungen.

In vielen Fällen ist es sinnvoll, wichtige Bezugspersonen in die Therapie mit einzubeziehen: Bei Kindern und Jugendlichen sind dies vor allem die Eltern, in Partnerschaften den Partner. Dabei sollen die durch die Internetsucht beeinträchtigten Beziehungen wieder verbessert werden. Gleichzeitig können alle Beteiligten so gemeinsam Strategien entwickeln, um die Abhängigkeit zu bewältigen.

Ob auch Medikamente bei der Behandlung einer Internetabhängigkeit nützlich sein können, ist bisher noch kaum untersucht. Am häufigsten wurden von Experten bisher Antidepressiva eingesetzt. Es ist aber bisher nicht eindeutig belegt, ob sie zu Verbesserungen führen.

Kognitive Verhaltenstherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie gilt als wichtiger Ansatz zur Behandlung von Suchterkrankungen – und damit auch der Internetsucht. So haben Studien gezeigt, dass verhaltenstherapeutische Gruppen-Therapien bei Internetsucht hilfreich sein können.
Zu Beginn der Therapie erhält der Betroffene und ggf. auch seine Angehörigen ausführliche Informationen über das Thema Internetsucht, ihre Entstehung und ihre Folgen (Psychoedukation). Weiterhin lernen die Betroffenen, die Hintergründe und Auslöser ihres problematischen Internetgebrauchs zu verstehen.

Im Lauf der Therapie werden Strategien erarbeitet, um problematische Denkmuster und Verhaltensweisen zu verändern und einen kontrollierten Umgang mit dem Internet zu erreichen. So lernen die Patienten zum Beispiel, anders mit Stress oder Konflikten umzugehen, die Risikofaktoren für einen problematischen Internetgebrauch sein können. Meist ist es auch sinnvoll, zeitliche Grenzen für den Internetgebrauch festzulegen und zu vereinbaren, dass bestimmte Internetseiten, die für den Betroffenen besonders suchtfördernd sind, gemieden werden.

Häufig fühlen sich die Betroffenen im Internet bedeutender oder in sozialen Kontakten wohler als in Situationen im realen Leben. Oder sie nutzen das Internet gezielt, um mit Stress oder negativen Gefühlen umzugehen. In der Therapie lernen sie deshalb, befriedigende soziale Kontakte in der „realen“ Welt zu knüpfen, soziale Ängste abzubauen, ihre soziale Kompetenz zu verbessern und ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.
Schließlich sollen die Patienten in der Therapie auch ihre Rolle im Internet (etwa eine besonders positive Selbstdarstellung in sozialen Medien) hinterfragen oder sich von ihrer Rolle in Computerspielen (in denen sie zum Beispiel als „Held“ dastehen) distanzieren.

Weitere Therapieansätze

Je nach Einrichtung werden bei der Therapie der Internetsucht auch andere Verfahren eingesetzt. Dies können erlebnis- und körperorientierte Ansätze sein, die dazu beitragen sollen, Sinneswahrnehmungen und Körperempfindungen wieder bewusster zu erleben und Verspannungen und Stress abzubauen. Auch Hypnotherapie kann eingesetzt werden, um die Konzentrations- und Entspannungsfähigkeit zu fördern.

Weiterhin können regelmäßige Bewegung und Sport dazu beitragen, Stress abzubauen und das Wohlbefinden zu steigern – gleichzeitig sind sie eine Alternative zu einer Freizeitgestaltung, bei der das Internet im Mittelpunkt steht.

Auch Ansätze der systemischen Therapie werden bei der Behandlung einer Internetsucht als wichtig angesehen. Sie können dazu beitragen, Konflikte in Familie, Partnerschaft oder Beruf zu lösen und bei der Bewältigung des problematischen Internetgebrauchs Unterstützung von anderen Menschen zu erhalten.

Das GET.ON Offline-Training der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg wurde ein onlinebasiertes Programm zur Bewältigung problematischer Internetnutzung entwickelt. Das Training nennt sich GET.ON Offline und steht Betroffenen mit psychologischer Begleitung, anonym, kostenfrei sowie zeit- und ortsunabhängig zur Verfügung. Das GET.ON Offline-Training zielt darauf ab, die eigene Internetnutzung wieder selbstbestimmt lenken zu können und damit das psychische Wohlbefinden zu verbessern, indem hilfreiche und bewährte Strategien für den Alltag trainiert werden.

Seite 4/6