Volkskrankheit Depression (Seite 8/11)

Behandlung mit Antidepressiva

Serotonin-Mangel als Ursache von Depressionen wird in Fachkreisen immer mehr angezweifelt

Seit in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts festgestellt wurde, dass im Gehirn von Menschen, die an einer Depression litten, der Botenstoff Serotonin in geringerer Konzentration vorkam als bei psychisch gesunden Menschen, folgerte man daraus, dass ein Serotoninmangel die Ursache von Depressionen sein könnte.

"Serotonin-Hypothese"

Es ist aber bis heute keineswegs sicher, ob eine Verminderung von Serotonin in den Synapsen des Gehirns tatsächlich der Grund für die Entstehung einer Depression sein kann oder vielleicht nur deren Folge.

Inzwischen weiß man, dass ein hoher oder niedriger Gehalt des Botenstoffs Serotonin im Gehirn keinen Effekt darauf hat, ob eine Depression vorliegt oder nicht. Die Serotonin-Aktivität am Rezeptor ist bei den meisten gesunden und depressiven Menschen gleich, bei einem kleinen Anteil der depressiven Patient:innen sogar höher. Ein künstlich hervorgerufener Serotonin-Mangel, zum Beispiel durch spezielle Diäten, verursacht zudem keine depressiven Symptome. Das sind die Ergebnisse einer neuen Überblicksstudie, die die Ergebnisse von 17 zusammenfassenden Studien auswertete.

"Serotonin-Hypothese" greift zu kurz

Danach greift die sogenannte Serotonin-Hypothese aus den 1960er-Jahren zu kurz, die depressive Symptome, wie Niedergeschlagenheit oder Antriebslosigkeit, auf einen Mangel an Serotonin im Gehirn zurückführt. Die Serotonin-Hypothese wird in Fachkreisen immer mehr angezweifelt.

Wirksamkeit von Antidepressiva wird immer mehr in Frage gestellt

Diese neuen Befunde stellen damit auch den klinischen Nutzen von Antidepressiva infrage. Denn das Wirkprinzip von Antidepressiva beruht darauf, den Mangel an Serotonin auszugleichen.

Antidepressiva zielen darauf ab, Depressionen durch eine Beeinflussung des Stoffwechsels von Serotonin und anderen Botenstoffen zu behandeln. Antidepressiva wirken jedoch bei weniger stark ausgeprägter depressiver Symptomatik oft nur geringfügig.

Die neue Studie bietet keine alternative Erklärung für die Entstehung von Depressionen an. Führende Expert:innen sind sich aber darin einig, dass eine Depression meist eine komplexe Erkrankung mit mehreren Ursachen ist, die auf ein wechselseitiges Zusammenwirken von Genen, negativen Lebensereignissen und veränderten Gehirnfunktionen zurückgeht.

Auch die überarbeitete deutsche Behandlungsleitlinie S3 „Unipolare Depression“ betrachtet die Serotonin-Hypothese kritisch, weil sie nicht erklären könne, warum nur ein Teil der Patient:innen auf Antidepressiva anspricht und auch nur zeitlich verzögert. Vermutlich steckten weitere, noch unbekannte Mechanismen hinter einer Depression.

Erst ab einem mittleren Schweregrad der Erkrankung wird eine Behandlung mit Antidepressiva empfohlen. Diese Empfehlung basiert auf vielen Einzelstudien, die eine positive Wirkung von Antidepressiva gemessen haben.

Bei vielen Menschen führt eine Behandlung mit Antidepressiva auch nach mehreren Versuchen nicht zu einer Verbesserung ihrer Symptome. Insofern wird die Wirksamkeit von Antidepressiva immer wieder infrage gestellt.

Widersprüchliche Studienlage

Entgegen mehrerer Einzelstudien, die eine positive Wirkung von Antidepressiva messen, ergaben mehrere große Überblicks-Studien, in denen die Ergebnisse von verschiedenen Einzelstudien zusammen untersucht wurden, keine ausreichenden Beleg für eine Wirksamkeit. So wurden keine Unterschiede zwischen der Placebo-Gruppe und der tatsächlich behandelten Gruppe festgestellt.

Überblick Antidepressiva

Im Folgenden erhalten Sie einen kurzen Überblick über die verschiedenen Formen von Antidepressiva.

  • Wiederaufnahmehemmer
  • Trizyklische Antidepressiva
  • Monoamino-Oxidase-Hemmer (MAO-Hemmer)

Im Artikel Psychopharmaka finden Sie im Abschnitt Antidepressiva detaillierte Informationen zu den hier aufgelisteten Medikamenten.

Wenn auch die Wirksamkeit von Antidepressiva mit 15 Prozent niedrig ist, werden sie in der Behandlung von Depression nach wie vor relativ häufig eingesetzt.

Johanniskrautpräparate

Johanniskraut interagiert mit anderen Medikamenten, zum Beispiel kann es bewirken, dass hormonelle Verhütung nicht mehr funktioniert. Außerdem kann es eine erhöhte Lichtempfindlichkeit (Photosensibilität, Photosensitivität) verursachen. Die kann mehrere Bereiche des Körpers betreffen, zum Beispiel die Haut, das Gehirn oder das Auge. Auf einer photosensibilisierten Haut entwickeln sich bereits nach kurzem Aufenthalt in der Sonne Sonnenbrand, Ausschlag, Juckreiz, Brennen, Kribbeln oder Prickeln.

Diese natürlichen Substanzen wirken auf die gleichen Botenstoffe im Gehirn wie die übrigen Antidepressiva. Allerdings müssen die Präparate eine ausreichend hohe Dosis der wirksamen Stoffe enthalten und eignen sich nur zur Therapie einer leichten Depression.

Neuroleptika

Diese kommen manchmal bei schweren, therapieresistenten Depressionen oder bei Depressionen mit psychotischen Symptomen zum Einsatz, meist in Kombination mit antidepressiven Medikamenten. Niedrigpotente Neuroleptika wirken vor allem beruhigend und werden daher bei ausgeprägter Angst oder Unruhe eingesetzt, während hochpotente Neuroleptika vor allem bei psychotischen Symptomen angewendet werden. Die Medikamente können zum Teil erhebliche Nebenwirkungen haben: unter anderem Bewegungsstörungen, Müdigkeit, Gewichtszunahme und Hormonstörungen.

Neue Forschungsansätze zu den Ursachen von Depressionen

Immer mehr Therapieansätze zielen deshalb darauf ab, überhaupt keine Medikamente einzusetzen, sondern die Depression mit Psychotherapie und ergänzenden Therapiemethoden zu behandeln. Vor allem geht es darum, die Betroffenen selbst viel mehr in den Fokus zu nehmen.

Aktuelle Untersuchungen beschäftigen sich etwa damit, welcher Personenkreis besonders unter Depressionen leidet. So fand beispielsweise ein Forschungsteam der Universität Zürich heraus, dass vor allem alleinerziehende Frauen überdurchschnittlich oft unter Depressionen leiden. Je mehr man den Kreis der Betroffenen spezifizieren kann, desto gezielter könnte auch eine Therapie für sie entwickelt werden.