Sucht und Missbrauch (Seite 6/7)

Psychische Störungen durch Drogen

"Illegale Drogen“ können zu schwerer körperlicher bzw. psychischer Abhängigkeit und starker Schädigung führen

Unter dem Begriff „Drogen“ versteht man allgemein psychotrope Substanzen – also Stoffe, die sich auf die Psyche des Menschen auswirken. Dazu gehören zum Beispiel auch Alkohol, Nikotin, Koffein und verschiedene Medikamente. In diesem Kapitel geht es jedoch nur um Substanzen, die unter den Begriff „illegale Drogen“ fallen.

Solche Substanzen können zu – zum Teil schwerer – körperlicher und / oder psychischer Abhängigkeit führen. Zudem führen sie, vor allem bei längerem Gebrauch, häufig zu deutlichen körperlichen und psychischen Schäden.

Nach einer vereinfachten Einteilung unterscheidet man zwischen stimulierenden Substanzen („Upper“), dämpfenden Substanzen („Downer“) und bewusstseinsverändernden Substanzen (Halluzinogenen). Zu den stimulierenden Substanzen gehören Amphetamine, Kokain und Ecstacy, zu den dämpfenden Substanzen Opioide (zum Beispiel Morphin, Codein, Methadon), Heroin und Benzodiazepine (Schlaf- und Beruhigungsmittel, die zwar legal verschrieben werden können, aber von Drogenkonsumenten häufig missbraucht werden). Zu den Halluzinogenen zählen LSD, halluzinogene Pilze und Meskalin. Bei Cannabis ist die Zuordnung schwierig, weil es sowohl stimulierende als auch dämpfende Effekte hat und auch zu Halluzinationen führen kann.  

Drogenmissbrauch und Drogenabhängigkeit

Die Kriterien für einen Missbrauch oder eine Abhängigkeit von Drogen (zum Beispiel nach ICD-10) entsprechen den Kriterien für einen Alkoholmissbrauch bzw. eine Alkoholabhängigkeit (siehe oben). Auch bei Drogen muss die Problematik mindestens einen Monat lang oder wiederholt in den letzten zwölf Monaten aufgetreten sein.

Dabei wird zwischen Störungen durch folgende Substanzen unterschieden:

  • Opioide
  • Cannabinoide (Substanzen aus der Hanfpflanze und verwandte, synthetisch hergestellte Substanzen)
  • Sedativa und Hypnotika (Beruhigungs- und Schlafmittel)
  • Kokain
  • andere Stimulanzien
  • Halluzinogene
  • flüchtige Lösungsmittel

Von einem multiplen Substanzgebrauch spricht man, wenn jemand zwei oder mehr verschiedene psychotrope Substanzen einnimmt, ohne dass eine davon im Vordergrund steht.

Jürgen besucht eine Realschule und ist ein relativ guter Schüler. Mit 14 Jahren freundet er sich mit einer Clique an, deren Mitglieder er „richtig cool“ findet. Die Gruppe feiert immer wieder „wilde Parties“, bei denen oft bis zur Bewusstlosigkeit Alkohol getrunken wird. Bald fangen die Jugendlichen auch an, Cannabis zu rauchen und mit verschiedenen Drogen, vor allem Kokain und „Magic Mushrooms“, zu experimentieren. Die Eltern sehen den Kontakt zu der Clique sehr kritisch, schaffen es aber nicht, Jürgen davon abzuhalten. In der Schule lassen Jürgens Leistungen nun immer mehr nach, er schwänzt immer öfter den Unterricht und bleibt am Ende des Schuljahres sogar sitzen. Immer öfter kommt es auch zu Diebstählen und kleineren Einbrüchen, bei denen Jürgen mehrmals von der Polizei aufgegriffen wird. An der Schule fällt sein Drogenkonsum auch den Lehrern auf, so dass er mehrmals Verweise erhält und wird schließlich von der Schule verwiesen wird.

Als Jürgen 17 Jahre alt ist, wenden sich die verzweifelten Eltern an eine Suchtberatungsstelle. Nur durch den starken Druck des Vaters kommt Jürgen schließlich mit den Eltern zu einem ersten Beratungsgespräch.

Häufigkeit Drogenkonsum

Die Häufigkeit des Drogengebrauchs ist schwierig zu erfassen, weil viele Substanzen illegal sind und die Betroffenen den Konsum bzw. eine Drogenproblematik oft leugnen oder verheimlichen. Studien haben ergeben, dass insgesamt 25 Prozent der Erwachsenen im Alter von 18 und 59 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben eine illegale Droge genommen haben und 7,5 Prozent aktuell (innerhalb des letzten Jahres) Drogen konsumiert haben. Das bedeutet, dass etwa ein Drittel der „Probierer“ den Drogenkonsum (in mehr oder weniger ausgeprägter Form) weiterführt.

Allerdings werden die meisten „harten“ Drogen nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung genommen: Der aktuelle Konsum (mindestens ein Mal in den letzten 30 Tagen) liegt bei Heroin, Amphetaminen, Ecstacy, LSD, Methadon, Kokain, Crack, anderen Opiaten und psychoaktiven Pilzen bei unter einem Prozent der Bevölkerung.

Ähnlich wie beim Alkohol werden Drogen am häufigsten im Jugend- und jungen Erwachsenenalter (bis zum 25. Lebensjahr) genommen, anschließend nimmt der Konsum meist wieder ab. Der erste Cannabiskonsum findet durchschnittlich im Alter von 16 Jahren statt. Etwa ein Drittel der 12- bis 25-Jährigen hat schon mindestens einmal eine illegale Droge probiert. Dabei haben zwischen drei und fünf Prozent mindestens einmal Amphetamine, Ecstacy, LSD, Kokain oder Crack genommen, ein Prozent hat Heroin probiert.

Die Sterblichkeit durch Drogenkonsum ist hoch: Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 1000 Menschen in Zusammenhang mit Drogen.

Häufigkeit von Drogenmissbrauch und –abhängigkeit

Genauere Zahlen zu Missbrauch und Abhängigkeit liegen nur für die Substanzen vor, die am häufigen genommenen werden. So sind etwa 0,8 Prozent der Bevölkerung von einem Cannabismissbrauch bzw. einer -abhängigkeit betroffen. Bei etwa 0,1 bis 0,3 Prozent liegt eine Heroinabhängigkeit, bei etwa 0,1 Prozent eine Kokainabhängigkeit vor.

Menschen mit Drogenmissbrauch oder -abhängigkeit leiden häufig auch an weiteren psychischen Störungen: Etwa 50 bis 60 Prozent haben mindestens eine andere psychische Erkrankung. Am häufigsten kommen Belastungsstörungen, psychosomatische Erkrankungen, Angststörungen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen vor. Auch eine Kombination von Drogen- und Alkoholproblematik ist häufig zu beobachten. In einigen Fällen treten in Zusammenhang mit der Drogenproblematik auch schizophrene Störungen auf.

Daten für den langfristigen Erfolg von Therapien gibt es bisher erst wenige. So hat sich zum Beispiel gezeigt, dass etwa 30 Prozent der Heroinabhängigen ein bis zwei Jahre nach der Behandlung noch abstinent sind. Wird eine Substitutionsbehandlung, zum Beispiel mit Methadon durchgeführt, sind etwa 60 bis 70 Prozent der Behandelten nach ein bis zwei Jahren noch frei von Drogen.

Diagnose von Drogenmissbrauch und -abhängigkeit

Bei der Diagnostik einer Drogenproblematik wird im Wesentlichen ähnlich vorgegangen wie bei Alkoholmissbrauch und –abhängigkeit (siehe oben). Dabei wird der Untersucher bei der Verhaltensbeobachtung vor allem auf Einstichstellen in der Haut und andere Hinweise für aktuellen Drogenkonsum achten. Bei der medizinischen Untersuchung werden anstelle der alkoholspezifischen Werte Urin- und Haarananalysen verwendet, um den Konsum illegaler Substanzen nachzuweisen.

Welche Faktoren spielen bei Drogenmissbrauch und –abhängigkeit eine Rolle?

Bei der Entstehung einer Drogenproblematik werden ähnliche Ursachen und Modelle diskutiert wie bei Alkohol (siehe oben). So geht man davon aus, dass auch hier biologische, personenbezogene und soziale bzw. umweltbezogene Faktoren beteiligt sind, zwischen denen eine Wechselwirkung besteht.

Allerdings beeinflussen auch die chemische Zusammensetzung der Droge, ihre Wirkweise und ihre Wirkgeschwindigkeit, ob und wie schnell eine Abhängigkeit entsteht. So hat sich gezeigt, dass vor allem eine schnelle Wirkung (zum Beispiel innerhalb von Sekunden) die Wahrscheinlichkeit einer Abhängigkeit erhöht. Außerdem entwickelt sich eher eine Abhängigkeit, wenn die Wirkung der Droge stark ist und sie als besonders positiv wahrgenommen wird.

Wenn Jugendliche und junge Erwachsene Drogen nehmen, spielen dabei auch alterstypische Entwicklungsprozesse eine Rolle. So müssen die Jugendlichen in dieser Zeit so genannte Entwicklungsaufgaben bewältigen: zum Beispiel einen Freundeskreis aufbauen, sich vom Elternhaus ablösen und eigene Wertvorstellungen entwickeln. Drogen werden auch deshalb genommen, um zu einem bestimmten Freundeskreis dazuzugehören oder um sich von den Eltern und anderen Autoritätspersonen abzugrenzen. Ein anderer Grund für Drogengebrauch ist das Bedürfnis, intensive Reize zu erleben.

Therapie- und Selbsthilfe-Ansätze

Die Therapie von Drogenmissbrauch oder -abhängigkeit sieht im Wesentlichen ähnlich aus wie bei einer Alkoholproblematik (siehe oben). Auch hier ist der Besuch einer Selbsthilfegruppe – begleitend oder im Anschluss an die Therapie – sinnvoll, um die Therapieerfolge langfristig aufrecht zu erhalten.

Im  Gegensatz zum Entzug von Alkohol werden Drogen – insbesondere Opioide – in der Entzugsphase nicht abrupt abgesetzt, sondern allmählich herunterdosiert. Gleichzeitig werden meist Medikamente gegeben, um die Entzugssymptome zu lindern. Dabei kommen häufig das Blutdruckmittel Clonidin, das Antidepressivum Doxepin oder die „Drogen-Ersatzstoffe“ Methadon und Buprenorphin zum Einsatz.

Im Gegensatz zum Alkohol gibt es bei Drogen keine Substanzen, die nach dem Entzug das Verlangen nach der Droge verringern oder eine Aversion gegen die Droge auslösen könnten. Stattdessen wird bei Opioid-Abhängigen zur Vorbeugung von Rückfällen teilweise das Medikament Naltrexon eingesetzt. Dieses verhindert, dass die Drogen bei erneuter Einnahme überhaupt eine Wirkung entfalten können.

Substitution statt Abstinenz – eine sinnvolle Alternative?

Wenn bei einer Abhängigkeit von Opioiden eine Abstinenz nur schwer zu erreichen ist, werden bei der Behandlung häufig kontrolliert „Ersatzstoffe“ wie Methadon oder Buprenorphin eingesetzt. Diese wirken, ebenso wie die ursprüngliche Droge, an den Opioid-Rezeptoren im Gehirn – sie haben jedoch keine euphorisierende Wirkung.

Das Ziel dieser so genannten Substitutionsbehandlung ist, die körperlichen, psychischen und sozialen Schäden zu verringern, die durch die Einnahme der Droge entstehen. So verringert die kontrollierte Abgabe der Ersatzstoffe die Gefahr körperlicher Erkrankungen (zum Beispiel HIV, Hepatitis) und die gesundheitlichen Gefahren durch verunreinigte Substanzen. Auch die Beschaffungskriminalität wird dadurch reduziert.

Da Methadon oder Buprenorphin Entzugserscheinungen verhindern und gleichzeitig keine euphorische Wirkung haben, sind die Betroffenen eher arbeitsfähig und können sich auch in anderen sozialen Situationen angemessen verhalten. So ist es während der Substitutionsbehandlung eher möglich, psycho- und sozialtherapeutische Maßnahmen durchzuführen, um die Betroffenen zu stabilisieren.

Bei der Substitutionsbehandlung wird jedoch in Kauf genommen, dass weiterhin eine Abhängigkeit (nämlich von den Ersatzstoffen) besteht. Außerdem hat sich gezeigt, dass viele Drogenabhängige, die mit Methadon oder Buprenorphin behandelt werden, nicht abstinent werden, sondern „nebenbei“ über Jahre hin weiterhin Drogen nehmen. Dies kann zum Teil zu gefährlichen gesundheitlichen Problemen führen.

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