Schematherapie (Seite 4/5)

Methoden der Schematherapie

Charakteristisch für die Schematherapie ist, dass hier verschiedene therapeutische Techniken miteinander kombiniert werden. Zum einen kommen Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie zum Einsatz: So werden zum Beispiel Rollenspiele durchgeführt oder Hausaufgaben gegeben, bei denen der Patient das bisher Gelernte auch im Alltag umsetzen soll. Ein weiteres Ziel der Schematherapie ist, ungünstige Verhaltensmuster zu unterbrechen bzw. zu überwinden. Auch dabei können Methoden aus der Verhaltenstherapie verwendet werden.

Zum anderen spielen erlebnis- und handlungsorientierte Verfahren in der Schematherapie eine wichtige Rolle. So wird in der Therapie besonders auf die Gefühle und die Körperempfindungen geachtet, die ein Patient in konkreten Situationen erlebt.

Häufig werden imaginative Verfahren eingesetzt, bei denen der Betroffene sich eine Situation mit geschlossenen Augen vorstellen und sich mit all seinen Sinnen in die Situation hineinversetzen soll. Bei der „Stuhlarbeit“, die aus der Gestalttherapie stammt, setzt der Patient seine verschiedenen inneren Anteile symbolisch auf Stühle und führt dann einen Dialog zwischen ihnen. All diese Verfahren sollen die mit den Schemata verbundenen Gefühle aktivieren. Dies ist nach Young ein zentraler Faktor, um Veränderungen anzustoßen.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Therapie ist die bewusste Gestaltung der therapeutischen Beziehung, die gleichzeitig als Mittel zur Veränderung dient. So bemüht sich der Therapeut von Anfang an, eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung zum Patienten aufzubauen. Gleichzeitig übernimmt er in der Therapie in begrenzter Form die Rolle der Eltern: Er verhält sich stets wertschätzend und unterstützend, so dass der Patient spürt, dass seine Grundbedürfnisse erkannt und befriedigt werden. Gleichzeitig setzt er dem Patienten aber auch Grenzen und konfrontiert ihn behutsam mit den problematischen Verhaltensweisen. Auf diese Weise kann der Betroffene günstige Beziehungserfahrungen machen, die ihm während seiner Kindheit und Jugend gefehlt haben.

Beispiel: Gestaltung der therapeutischen Beziehung

Wurde ein Patient von seinen Eltern häufig bestraft und abgewertet, wenn er Fehler gemacht hat, achtet der Therapeut darauf, ihn bei Fehlern nicht zu bestrafen oder zu kritisieren. Kommt das Fehlverhalten aber häufiger vor, konfrontiert er den Patienten auf einfühlsame Weise mit seinem Verhalten und setzt Grenzen. Kommt der Betroffene zum Beispiel immer wieder zu spät zur Therapie und bearbeitet die besprochenen Hausaufgaben nicht, kann der Therapeut ausdrücken, welche Gefühle dies bei ihm selbst auslöst. Außerdem kann er dem Patienten klar machen, wie es sich auf den Ablauf der Therapie und auf andere Situationen im Leben auswirkt, wenn er immer wieder Absprachen nicht einhält. Anschließend wird der Therapeut versuchen, gemeinsam mit dem Patienten eine Lösung zu finden.

Schema-Aktivierung und Verstehen der Schemata

Ein wichtiges Element der Schematherapie ist die Schema-Aktivierung: Dabei sollen das Erleben in der Kindheit und die damit verbundenen problematischen Gefühle und Verhaltensweisen aktiviert werden – zum Beispiel mithilfe von Vorstellungsübungen. Auf diese Weise kann der Patient nach und nach verstehen, wie seine früheren Gefühle und Bedürfnisse auch in der Gegenwart in bestimmten Situationen wieder aktiviert werden. Dadurch kann er sich allmählich von diesen „alten“ Gefühlen lösen. Außerdem kann er so den Zusammenhang zwischen den früheren Erlebnissen und seinen momentanen Gefühlen und Verhaltensweisen erkennen, so dass im nächsten Schritt neue Lösungsmöglichkeiten entwickelt werden können.

Herr F. ist 34 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Er arbeitet als Informatiker in einer großen Firma. Vor kurzem hat er ein neues, größeres Projekt übernommen, gleichzeitig muss er sich um seine kranken Eltern und um die Einschulung seiner Kinder kümmern. Herr F. fühlt sich durch die vielfältigen Anforderungen überfordert. Seit einigen Wochen leidet er unter Schlafstörungen, fühlt sich energielos und grübelt ständig. Schließlich wird er wegen einer schweren Depression in eine stationäre psychotherapeutische Behandlung überwiesen.

Aus Fragebögen und Informationen zur Lebensgeschichte ergibt sich, dass bei Herrn F. das Schema “unerbittliche Ansprüche” eine wichtige Rolle spielt. Im Moment hat Herr F. oft das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Bei einer Vorstellungsübung zeigt sich, dass er dieses Gefühl aus der Kindheit gut kennt. Damals wurde er von seinen Eltern oft kritisiert und in sein Zimmer geschickt, wenn seine Noten nicht gut genug waren. Durch die Übung kann Herr F. seine momentanen Gefühle mit den Situationen in der Kindheit in Verbindung bringen. Dadurch gelingt es ihm allmählich, sich in ähnlichen Situationen von dem Gefühl, versagt zu haben, zu distanzieren.*)

Veränderung der Schemata durch Rollenspiele

Um die Schemata zu verändern, werden in der Therapie häufig Rollenspiele durchgeführt, bei denen der Patient symbolisch die Rolle der verschiedenen inneren Anteile einnimmt. So soll er sich beispielsweise bildhaft und mit seinen Gefühlen in die Rolle des „inneren Kindes“ in einer bestimmten Situation hineinversetzen und aussprechen, was er (zum Beispiel als „verletztes Kind“) in diesem Moment fühlt.

Der Therapeut kann in dieser Situation die Rolle eines Elternteils übernehmen. Er bringt dem Patienten dann die elterlichen Eigenschaften entgegen, die diesem in seinem bisherigen Leben gefehlt haben. So kann der Therapeut ihm Fürsorge oder emotionale Zuwendung entgegenbringen, ihm Stabilität vermitteln, sein Selbstvertrauen stärken oder seine Unabhängigkeit fördern.

Eine andere Möglichkeit ist, dass der Patient die Rolle wechselt und selbst in die Rolle des „gesunden Erwachsenen“ schlüpft. Er wird dann vom Therapeuten zum Beispiel aufgefordert, für das „verletzte Kind“ zu sorgen und ihm das zu geben, was es in der konkreten Situation gebraucht hätte. Der Therapeut kann den Patienten auch auffordern, auf das Verhalten der Bezugspersonen zu achten, aus der Perspektive des „gesunden Erwachsenen“ in die Situation einzugreifen und so das „verletzte Kind“ zu schützen. Schließlich kann der Patient aus Sicht des „gesunden Erwachsenen“ sagen, wie er günstiger mit der Situation umgehen könnte.

Weiterhin kann der Patient im Rollenspiel die Rolle des „glücklichen Kindes“ einnehmen, das die Dinge spielerisch angeht und Freude und Spaß empfindet. Dadurch soll die Fähigkeit gefördert werden, locker und spontan zu sein – eine wichtige Fähigkeit, um besser mit Stress umzugehen und Probleme im Leben leichter zu nehmen.

In einer weiteren Vorstellungsübung mit Herrn F. übernimmt der Therapeut die Rolle eines fürsorglichen Elternteils. Als Herr F. aus der Sicht des “inneren Kindes” eine Situation aus seiner Kindheit schildert, begibt sich der Therapeut mit in die Situation hinein. Er macht Herrn F. klar, dass jeder mal eine schlechte Note haben kann und dass er deswegen noch lange kein Versager ist. Gleichzeitig vermittelt der Therapeut ihm, dass er ihn trotzdem wertschätzt. Herr F. kann so die Erfahrung machen, dass seine Bedürfnisse nach Bindung und Selbstwertschutz befriedigt werden und die damit verbundenen positiven Gefühle erleben. Außerdem vermittelt der Therapeut ihm, dass er keine Bestrafung befürchten muss, wenn er etwas nicht gut genug gemacht hat. Gleichzeitig konfrontiert er Herrn F. aber auch damit, welchen Druck er auf sich selbst und auch auf andere ausübt, wenn er erwartet, dass alles perfekt sein soll. Auf diese Weise kann Herr F. nach und nach seinen Anspruch, alles perfekt machen zu müssen und seinen eigenen Leistungsdruck vermindern. Dadurch reduziert sich auch sein Gefühl, nicht gut genug zu sein, und die Symptome der Depression gehen nach und nach zurück.*)

Veränderung der Schemata: Weitere Methoden

Weiterhin lernt ein Patient in der Therapie Wege, um eine innere Distanz zu seinem  bisherigen Verhalten und zu seinen Gefühlen zu entwickeln. So kann er zum Beispiel aufgefordert werden, das eigene Verhalten aus der Distanz möglichst wertfrei zu beobachten und zu analysieren. Dadurch kann er die problematischen Verhaltensweisen und ihre Ursachen besser verstehen, seine Grundbedürfnisse erkennen und sich von den Bewertungen und Regeln, die er von den Eltern übernommen hat, allmählich lösen.

Im nächsten Schritt übt der Betroffene in Situationen, die die problematischen Verhaltensweisen auslösen, bewusster zu handeln. So kann er mit der Zeit der „Falle der alten Verhaltensmuster“ entgehen und neue, günstigere Denk- und Verhaltensweisen entwickeln. Diese können zum Beispiel auf einem Formblatt festgehalten und so im Bewusstsein des Patienten verankert werden. Außerdem kann er die günstigeren Verhaltensweisen im Rollenspiel üben und sie dann auch außerhalb der Therapie in realen Situationen anwenden. So wird das neue Verhalten mit der Zeit immer stärker verinnerlicht.

Eine andere Möglichkeit ist, dass der Patient während der Therapie ein „Schematagebuch“ führt. Dabei soll er seine Aktivitäten und sein Erleben achtsam wahrnehmen. Gleichzeitig soll er versuchen, in bisher problematischen Situationen „erwachsen“ zu reagieren und dabei auf die Auswirkungen seines Verhaltens achten. So kann er die Erfahrung machen, das sich das neue Verhalten günstig auswirkt – und die Verhaltensänderung immer stärker verinnerlichen.