Zwang und Zwangsstörungen

Autorin: Dr. Christine Amrhein für Pro Psychotherapie e.V.

  1.  Was ist Zwang (diese Seite)
  2. Therapie bei Zwängen
  3. Die Entstehung von Zwängen

Zwanghaftes vs. "normales" Verhalten

Fast jeder kennt diese Schrecksekunde: Habe ich das Auto auch wirklich abgeschlossen? Ist der Herd wirklich ausgeschaltet? Manche sind deshalb auch schon mehrmals zurückgelaufen, um nachzusehen, ob wirklich alles in Ordnung ist. Andere haben sich bei ihrem Partner rückversichert: „Hast Du gesehen, ob ich auch wirklich abgeschlossen habe?“ Und wer hat nicht schon einmal ein wichtiges Dokument mehrmals gelesen, um sicherzugehen, dass sich kein Fehler eingeschlichen hat?

Manchen Menschen ist es auch besonders wichtig, dass die Wohnung immer blitzsauber ist oder dass alles eine bestimmte Ordnung hat. Wieder anderen fällt es schwer, liebgewonnene Dinge wegzuwerfen – selbst dann, wenn sie kaputt und nicht mehr zu gebrauchen sind.

Was ist noch "normal?
Und was nicht?

Solche Verhaltensweisen haben zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem, was man als „Kontrollzwang“, „Waschzwang“, „Ordnungszwang“ oder „Sammelzwang“ bezeichnet. Allerdings ist ein solches Verhalten bis zu einem gewissen Grad völlig normal und häufig sogar sinnvoll. Ehe das eigene Auto gestohlen wird, ist es besser, zwei Mal nachzusehen, ob alles gut verschlossen ist. Und wenn alles ein bestimmtes System hat, findet man Dinge eben leichter wieder.

Problematisch wird es jedoch dann, wenn die Neigung, Dinge zu kontrollieren oder der Hang zur Sauberkeit überhand nehmen. Dann können sie den Alltag beeinträchtigen oder sogar vollständig beherrschen und bei den Betroffenen beträchtliches Leiden auslösen. In solchen Fällen spricht man von einer Zwangsstörung oder Zwangserkrankung: Die Betroffenen leiden unter Gedanken, die sich ungewollt aufdrängen, begleitet von der Angst, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Sie verspüren den unwiderstehlichen Drang, bestimmte Dinge zu tun, mit denen sie den negativen Gedanken und der Angst scheinbar entgegenwirken können. Die Handlungen werden häufig immer wieder in der gleichen Form wiederholt, was kurzfristig zu einem Nachlassen der inneren Anspannung führt. Außenstehenden erscheint dieses Verhalten – zum Beispiel stundenlanges Waschen oder wiederholtes Kontrollieren der ganzen Wohnung – oft unverständlich und bizarr. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine klar umschriebene psychische Erkrankung, für die es bestimmte Ursachen gibt und die sich mit geeigneten Methoden auch behandeln lässt.

Wenn Sie selbst unter ähnlichen wie den beschriebenen Symptomen leiden, sollten Sie den Mut haben, sich an einen Arzt oder Psychotherapeuten zu wenden. Dieser kann die Symptomatik genauer untersuchen und Ihnen weitere Maßnahmen empfehlen.

Wann spricht man von Zwang? Welche Arten von Zwängen gibt es?

Ein charakteristisches Merkmal der Zwangsstörung sind quälende Gedanken, Impulse und Handlungen, die immer wieder in ähnlicher Weise auftreten, ohne dass sich der Betroffene dagegen wehren kann. Um die Diagnose einer Zwangsstörung zu stellen, müssen diese Symptome sehr belastend und so ausgeprägt sein, dass sie die normalen alltäglichen Aktivitäten deutlich beeinträchtigen.

Bei der Diagnostik wird zwischen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen unterschieden. Bei 70 bis 90 Prozent der Betroffenen treten jedoch beide Symptome gemeinsam auf. Weiterhin wird zwischen verschiedenen Arten von Zwängen wie Kontroll-, Wasch- oder Ordnungszwang unterschieden. Auch diese verschiedenen Arten von Zwängen können gemeinsam auftreten.

Typisch für die Zwangsstörung ist, dass die Symptome als eigene Gedanken oder Impulse erlebt werden. Dies unterscheidet die Zwangsstörung von Krankheitsbildern wie der Schizophrenie, bei der Gedanken, Impulse oder Handlungen oft als „von außen eingegeben“ erlebt werden.

Zwangsgedanken

Zwangsgedanken sind Gedanken, bildhafte Vorstellungen oder Handlungsimpulse, die sich aufdrängen und sich immer wieder in ähnlicher Form wiederholen. Häufige Inhalte von Zwangsgedanken sind Gewalt und Aggression, Schmutz und Verseuchung, Sexualität, Religion und Magie sowie Ordnung. Weiterhin kann es sein, dass jemand stundenlang über Dinge grübelt oder verschiedene Alternativen abwägt, was dann als Grübelzwang bezeichnet wird.

Im Gegensatz zu Zwangsgedanken besteht bei Zwangsimpulsen der unwillkürliche Drang, etwas Bestimmtes zu tun. So kann zum Beispiel der Impuls auftreten, das eigene Kind zu verletzen oder von einer Brücke zu springen. Viele Betroffen haben große Angst, den erschreckenden Gedanken oder Impuls tatsächlich in die Tat umzusetzen – was jedoch so gut wie nie geschieht.

Menschen mit einer Zwangsstörung erleben die eigenen Gedanken, Vorstellungen und Impulse als übertrieben oder sinnlos und versuchen, sich gegen sie zu wehren. Dies gelingt ihnen aber meist nicht oder nur ansatzweise. Gleichzeitig werden die Gedanken und Impulse von starkem Unbehagen oder starker Angst begleitet.

Weil die Zwangsgedanken so bedrohlich sind, lösen sie das starke Bedürfnis aus, die Gedanken „wieder in Ordnung zu bringen“. Dieses „Neutralisieren“ erfolgt meist durch andere Gedanken oder durch Handlungen, die die Angst und Anspannung zumindest kurzfristig reduzieren. Die neutralisierenden Handlungen bezeichnet man dann als „Zwangshandlungen“, die neutralisierenden Gedanken als „verdeckte Zwangshandlungen“.

Zwangshandlungen und verdeckte Zwangshandlungen

Wie beschrieben treten Zwangshandlungen meist in Folge von Zwangsgedanken oder Zwangsimpulsen auf und werden immer wieder in ähnlicher Weise wiederholt. Die Zwangshandlungen helfen den Betroffenen zwar, ihre innere Anspannung zu verringern, werden aber selbst nicht als angenehm erlebt. Häufig wissen Menschen mit Zwängen selbst, dass ihr Verhalten sinnlos oder übertrieben ist, und versuchen daher, sich gegen die Zwangshandlungen zu wehren. Der Drang, die Handlung durchzuführen, ist aber so stark, dass dies nicht oder nur kurzzeitig gelingt.

Zwangshandlungen

Ein Mann hat nach einer Autofahrt den Gedanken: „Es könnte sein, dass ich unterwegs ein Kind angefahren habe, ohne es zu merken.“ (Zwangsgedanke) Daraufhin fährt er die gleiche Strecke noch fünf Mal ab und steigt an allen Stellen, an denen sich häufig Kinder aufhalten, aus und überprüft, ob dort kein verletztes Kind am Boden liegt. Außerdem geht er mehrmals um sein Auto herum und kontrolliert, ob Spuren eines Unfalls wie Blut oder Kratzer im Lack zu sehen sind (Zwangshandlung). Durch diese rituell wiederholten Handlungen gelingt es dem Mann, seine quälende innere Anspannung kurzzeitig zu reduzieren.

Verdeckte Zwangshandlungen

Eine Frau erlebt immer wieder die unangenehme Vorstellung, sie könnte einen Kollegen mit einem Messer angreifen. Um diesen Gedanken loszuwerden, versucht sie, sich mit anderen Gedanken zu beruhigen. Sie sagt sich zum Beispiel immer wieder: „Es ist alles ok. Ich habe den Kollegen ja gestern gesehen und nicht angegriffen. Ich habe noch nie jemanden mit dem Messer angegriffen.“ Außerdem geht sie in Gedanken die letzten Tage noch einmal durch und sucht nach Anhaltspunkten dafür, dass sie den Kollegen vermutlich nicht angreifen wird. Solche Gedanken bezeichnet man dann als neutralisierende Gedanken oder „verdeckte Zwangshandlungen“.

Die häufigsten Arten von Zwangshandlungen sind Kontrollzwänge und Waschzwänge. Weitere Arten von Zwangshandlungen sind Ordnungszwang, Wiederhol- oder Zählzwang und Sammelzwang.

Die häufigsten Arten von Zwangshandlungen:

Die Beispiele zeigen auch, dass Zwangshandlungen manchmal zu einer Art Zwangsritual ausgebaut werden, bei dem verschiedene Handlungen nacheinander in genau der gleichen Weise durchgeführt werden müssen. Glaubt der Betroffene, einen Fehler gemacht zu haben, muss das Ritual meist von Anfang an wiederholt werden, was sehr viel Zeit in Anspruch nehmen kann.

Häufigkeit und Verlauf von Zwängen

Im Vergleich mit anderen psychischen Erkrankungen sind Zwangsstörungen relativ selten: Etwa zwei Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. Die Erkrankung fängt in den meisten Fällen in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter vor dem 30. Lebensjahr an. Dabei nehmen die Symptome häufig mit der Zeit weiter zu und können dann den normalen Alltag (zum Beispiel Arbeitsleben, Hobbies, Familienleben) immer stärker beeinträchtigen. Ohne Therapie bleibt die Störung bei zwei Drittel der Erkrankten chronisch bestehen. Bei einem Drittel kommt es dagegen zu einem Wechsel zwischen weitgehend symptomfreien Zeiten und Phasen, in denen die Symptome schubartig wieder auftreten. Die Auslöser sind dann meist psychische Belastungen und Stress.

Die Zwangsstörung kommt bei Männern und Frauen etwa gleich häufig vor. Männer bzw. Jungen erkranken dabei im Durchschnitt etwas früher als Frauen bzw. Mädchen.

Durch eine Therapie, die meist aus einer Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten besteht, kann der Verlauf der Erkrankung in vielen Fällen günstig beeinflusst werden. Zum einen nehmen dadurch die Symptome häufig deutlich ab. Außerdem lernen die Betroffenen in der Therapie, mit verbleibenden Zwangssymptomen besser umzugehen, so dass ihr Leidensdruck oft merklich abnimmt.

Noch bis in die 1990er Jahre war die Zwangsstörung in der Bevölkerung eine eher unbekannte Erkrankung. Zwangssymptome wurden von Außenstehenden häufig als „Marotten“ oder „seltsames Verhalten“ angesehen. Eine negative Bewertung durch andere und das Gefühl, die Zwänge verheimlichen zu müssen, stellen für die meisten Betroffenen eine deutliche Belastung dar. Auch der Eindruck, mit der Erkrankung alleine zu sein und nicht zu wissen, wie und wo man Hilfe bekommen kann, ist belastend und kann so zu einer Zunahme der Zwangssymptome beitragen.

Inzwischen sind Zwangsstörungen deutlich bekannter, und es gibt mehr Therapeuten, die sich auf die Diagnostik und Therapie von Zwängen spezialisiert haben. Für den Verlauf einer Zwangserkrankung ist es wichtig, möglichst frühzeitig mit einer Behandlung zu beginnen, da dann die Symptome noch leichter ausgeprägt und der Alltag noch nicht so stark beeinträchtigt ist. Aber auch für Betroffene, die schon seit längerer Zeit unter Zwängen leiden, ist es sinnvoll, eine Therapie aufzusuchen.

Wie wird eine Zwangsstörung diagnostiziert?

Um die Diagnose einer Zwangsstörung zu stellen, wird der Arzt oder Psychotherapeut zunächst Fragen zur aktuellen Symptomatik, zum Beginn und zum Verlauf der Zwangssymptome stellen. Weiterhin werden häufig Informationen zur Lebensgeschichte und zu früheren oder aktuellen Belastungen erhoben. Die Diagnose einer Zwangsstörung wird gestellt, wenn die Symptome mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen aufgetreten sind.

Um möglichst genau zu beobachten, wie oft und in welchen Situationen Symptome auftreten, werden oft auch Fragebögen wie die Yale-Brown Obsessive-Compulsive Symptom-Checkliste (Y-BOCS) oder Tagebücher, in denen die Symptome über einige Zeit notiert werden, eingesetzt.

Häufig treten zusammen mit einer Zwangsstörung noch andere belastende Symptome oder andere psychische Erkrankungen auf. Am häufigsten werden bei Zwangserkrankungen Depressionen, Angsterkrankungen und Alkoholmissbrauch beobachtet. Daher wird der Arzt oder Psychotherapeut möglicherweise auch Fragen nach weiteren Symptomen stellen, die in Zusammenhang mit einer Zwangsstörung auftreten können.

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 •  Aktualisiert am 11.11.2011