Theorien und Erklärungen
Es gibt unterschiedliche Theorien, die erklären, warum tiergestützte Therapien so wirkungsvoll sein können. Andrea M. Beetz hat in ihrer wissenschaftlichen Arbeit „Tiere in der Therapie – wissenschaftliche Grundlagen“ verschiedene aktuelle Theorien vorgestellt. Die Professorin lehrt seit 2018 an der IU Internationalen Hochschule Erfurt im Bereich Heilpädagogik und Inklusionspädagogik mit den Forschungsschwerpunkten Mensch-Tier-Beziehung, tiergestützte Interventionen und Bindungstheorie.
Biophilie
Edward O. Wilson prägte 1984 den Begriff Biophilie in seinem Buch "Biophilia". Der US-amerikanische Biologe beschreibt die allen Menschen angeborene Neigung, sich zu Natur, Leben und lebensähnlichen Prozessen hingezogen zu fühlen. Dieser Bezug zu Tieren und Natur kann sehr verschiedene Formen annehmen und von Ekel, Dominanz, Nutzung bis hin zur Wertschätzung ästhetischer Aspekte reichen.
Studien zeigen, dass schon Babies, aber auch ältere Kinder, Tieren deutlich mehr Aufmerksamkeit und Interesse widmen als unbelebten Objekten. Wahrscheinlich entwickelte sich diese Neigung zu allem Belebten im Laufe der menschlichen Evolution, während Menschen immer gemeinsam mit Tieren in der gleichen Umgebung und in Kontakt mit ihnen lebten.
Für das Überleben des Menschen war es scheinbar notwendig, auf Tiere zu achten, da sie Gefahr oder Nahrungsquelle darstellen konnten, aber auch Gefahren wie Erdbeben und Raubtiere in der Nähe anzeigen konnten. Menschen achten auf das Verhalten von Tieren in ihrer Nähe und nehmen ruhige, ruhende Tiere als Anzeichen für eine sichere Umgebung wahr. Das wiederum löst physiologische Entspannung und ein Gefühl der Sicherheit im Menschen aus, ein Phänomen das Biophilie-Effekt genannt wird.
Damit ist klar, dass Biophilie nicht die Liebe zu Natur und Tieren beschreibt, wie oft fälschlich angenommen wird, sondern den Drang des Menschen, sich anderen Formen des Lebens anzuschließen. Im Original lautet das bei Wilson „the urge to affiliate with other forms of life“, also der Drang, sich mit anderen Lebensformen zu verbinden.
Ablenkung
Da Tiere aufgrund der Biophilie die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich ziehen, können sie auch gut als Ablenkung dienen. Dieser Mechanismus der Ablenkung wirkt sich insbesondere auf den Kontext tiergestützter Interventionen aus, die beispielsweise auf die Reduktion von Schmerzwahrnehmung, Angst, negativer Stimmung und negativer Befindlichkeiten generell abzielen.
Anthropomorphisieren
Anthropomorphisieren, das bedeutet so viel wie Tiere dem Menschen gleich zu machen, beispielsweise indem man ihnen menschliche Eigenschaften zuschreibt oder sie kleidet wie einen Menschen.
Menschen neigen dazu, den Handlungen anderer Lebewesen einen Sinn zuzuschreiben und eine soziale Verbundenheit aufrechtzuerhalten. Je näher eine Spezies dem Menschen stammesgeschichtlich steht, desto spontaner reagiert ein Mensch auf Tiere, zum Beispiel wenn er sie leiden sieht, und desto eher schreibt er ihnen ähnlich komplexe mentale Zustände zu, wie sie dem Menschen möglich sind.
Aktivierung des Oxytozin-Systems
Mehrere Studien belegen, dass die Interaktion mit Tieren, insbesondere Hunden, den Oxytozin-Spiegel beim Menschen steigern kann. Dies ist selbst beim Streicheln eines unbekannten Hundes der Fall, wobei beim Streicheln des eigenen oder eines bekannten Hundes die Erhöhung des Serumspiegels von Oxytozin noch deutlicher ausfällt.
Das Hormon Oxytozin wird im Gehirn und in den Blutkreislauf ausgeschüttet vor allem über sensorische Stimulation, zum Beispiel sexuelle Aktivität, Orgasmen, Stillen, bei der Geburt und generell bei angenehmem Körperkontakt
Zu den Effekten von Oxytozin zählt das Abpuffern von Stressreaktionen. Es reduziert Angst und Depressionen, fördert die Schmerztoleranz, soziale Interaktionen, Kommunikation und Vertrauen.
Die Normen, welche Berührung im zwischenmenschlichen Bereich regeln betreffen vor allem auch therapeutische Settings. Darüber hinaus wird nicht jede freundlich gemeinte Berührung einer anderen Person, selbst in engen Sozialbeziehungen, unter Stress als positiv wahrgenommen und aktiviert so nicht das Oxytozin-System, wenn etwa negative Vorerfahrungen mit Bindungsfiguren und unsichere Bindungsmuster über die Berührung reaktiviert werden.
Bindung, Fürsorge und Stressregulation
Laut der maßgeblich von John Bowlby und Mary Ainsworth entwickelten Bindungstheorie bauen Kinder während der ersten Lebensjahre eine spezifische Bindung an ihre Bindungsfiguren auf.
Bindung wird demnach als Verhaltenssystem beschrieben werden, das darauf abzielt, Nähe zu Fürsorgepersonen zu etablieren und aufrecht zu erhalten, um Schutz und Versorgung zu gewährleisten, aber auch, um Stress und negatives Befinden zu regulieren.
Basierend auf den Erfahrungen mit den Bindungsfiguren, insbesondere deren Feinfühligkeit und Effektivität bei der Versorgung, entwickeln Kinder ein internales Arbeitsmodell von Bindung, das jedoch überwiegend unbewusst Erleben und Verhalten steuert und nicht bewusst zugänglich ist. Dieses internale Arbeitsmodell erlaubt es dem Kind bisherige Erfahrungen zu ordnen und auf dieser Basis sein Verhalten zu planen, je nach Erwartung hinsichtlich des Fürsorgeverhaltens der Bindungsfiguren.
Bei einer sicheren Bindung dient die Bindungsfigur als sicherer Hafen bei Gefahr oder stressauslösenden Situationen und ebenso als sichere Basis für die Exploration der Umwelt, was eine wichtige Voraussetzung für Lernprozesse darstellt.
Unsicher gebundene Kindern können den Kontakt zur Bindungsfiguren jedoch nicht oder nur schlecht nutzen, um Stress und negative Emotionen zu regulieren. Zusätzlich können unverarbeitete Bindungstraumata vorliegen, etwa der Verlust einer Bindungsfigur, Missbrauch, Vernachlässigung oder generell angstauslösendes oder ängstliches Verhalten der Bindungsfigur. Das führt dazu, dass in Situationen, in denen das Bindungsverhaltenssystem aktiviert wird, keine klare Strategie mehr verfolgt und Stress nicht mehr adäquat reguliert werden kann.
Aufgrund der Übertragung des internalen Arbeitsmodells auf alle neuen engen Beziehungen im Leben, also Partner, Lehrer oder Therapeuten, profitieren Personen mit unsicherer oder desorganisierter Bindung deutlich weniger von sozialer Unterstützung durch sekundäre Bezugspersonen wie Lehrer oder Therapeuten als Menschen mit sicherer Bindung.
Jedoch begegnen die meisten Menschen, auch solche mit ungünstigen Bindungsmustern Tieren mit einer Offenheit sichere Beziehungen aufzunehmen, was Berührung und Vertrauen beinhaltet. Das bietet die Möglichkeit, dass sichere Bindungsstrategien in Bezug auf das Tier erprobt und entwickelt werden können, vor allem wenn die Interaktion durch einen Therapeuten im Rahmen tiergestützter Interventionen angeleitet und notfalls korrigiert wird.
Tiere fördern gute Voraussetzungen für Lernen
In der Pädagogik ist es weitgehend akzeptiert, dass erfolgreiches Lernen Settings bedarf, die gute Stimmung, Motivation, Konzentration, Aufmerksamkeit sowie die Freiheit von Angst und Stress fördern. Tiere können diese Faktoren nachweislich positiv beeinflussen und somit optimale exekutive Funktionen, wie z.B. Impulskontrolle, Selbstreflexion, Motivation, Arbeitsgedächtnis, unterstützen, welche durch Stress und Angst deutlich beeinträchtigt werden.
Gerade in langwierigen Therapien oder sonderpädagogischen Förderprogrammen, haben die Klienten oft Misserfolge erlebt, und gehen mit Ängsten, schlechter Stimmung und niedriger Motivation an die „Lerngegenstände“ heran, seien diese Traumata, Auseinandersetzungen mit der eigenen Lebensgeschichte oder psychische Erkrankungen. Damit sinkt aber wiederum die Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Lernerlebnisse und ein Teufelskreis entsteht, der mit Vermeidungsverhalten einhergeht. Tiere können diesen Teufelskreis durchbrechen, und fördern zudem als soziale Katalysatoren eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Klient und Therapeut, eine weitere zentrale Voraussetzung für den Therapieerfolg.
Die Forschungsergebnisse und vorgestellten Theorien und Mechanismen legen nahe, dass Tiere eine duale Funktion hinsichtlich der Regulation der Aktivierung eines Menschen erfüllen können. Je nach Klient, Setting und Art der Interaktionen, können sie zum einen Stress und Angst reduzieren, wirken also dämpfend, während sie zum anderen motivieren, emotionalisieren und aktivieren können. Ein und dasselbe Tier kann diese kontrastierenden Wirkungen erbringen, was das Tier so wertvoll als Medium in tiergestützten Interventionen macht.