Wodurch zeichnen sich tiergestützte Therapien aus?
Im Folgenden finden Sie einige Beispiele, die zeigen, wie tiergestützte Therapien ablaufen bzw. aussehen können und welche positiven Wirkungen Tiere im therapeutischen Prozess auf Menschen haben können.
Das Tier dient in den meisten Fällen als Brückenbauer. Für viele Klient:innen ist es anfangs leichter, sich zunächst einem Tier zuzuwenden.
Weder Pferd noch Hund oder Katze stellen Fragen, sie geben keine verbalen Rückmeldungen, die verletzen könnten. Sie sind da und geben dem Menschen Raum, zunächst in der Sitzung anzukommen. Hunde, die im therapeutischen Setting eingesetzt werden, sind in der Regel sehr friedlich, an den Menschen gewöhnt und sind auch sehr belastbar, wenn es darum geht, von vielen Menschen gestreichelt zu werden oder wiederholt gleiche Kommandos auszuführen. Im Kontakt mit einem Tier können Menschen erleben, dass sie imstande sind, für ein anderes Wesen zu sorgen, dass die Tiere vertrauensvoll auf sie zu kommen und es genießen, von ihnen gestreichelt zu werden.
Gerade wenn ein Mensch aufgrund einer psychischen Störung sehr eingeschränkt ist, kann es einem Tier gelingen, ihn für einen ersten Kontakt zu öffnen. Belasteten Menschen fällt es häufig leichter, ihre Gefühle auszudrücken oder zu zeigen, wenn sie zuerst Kontakt zu einem Tier aufnehmen konnten. Das Tier fungiert sozusagen als Brückenbauer. Das Gefühl von Akzeptanz und Wohlbefinden, das das Tier in den Betroffenen auslösen kann, wird dann in den meisten Fällen auf die Therapeutin oder den Therapeuten übertragen.
Kinderpsychotherapie
Dank einer Hündin kann ein Junge über seine Ängste sprechen
Im Falle eines zunächst ängstlichen Jungen, der in der Schule wiederholt gemobbt wurde, lief das so ab: Der Junge betritt den Praxisraum. Eine Golden Retriever Hündin zieht sofort seine Aufmerksamkeit auf sich. Der etwa 10-Jährige geht auf die Hündin zu, obwohl er eigentlich zu viel Angst hat, sie zu streicheln. Der Junge wagt nur, sie sehr verkrampft zu berühren. Der Therapeut erzählt ihm die Geschichte der Hündin, die in einem kleinen gemütlichen Dorf mit vielen Geschwistern aufgewachsen ist und deren Leben in der Großstadt nun völlig anders aussieht. Sie musste sich an sehr viel Neues gewöhnen und das war nicht leicht für sie. Der Junge kann nun einsteigen und sagt, dass er die Hündin verstehe, das sei ja auch alles sehr schwierig, das wisse er selbst aus eigener Erfahrung. Mehr und mehr ist es möglich, von der Hündin auf den Jungen selbst zu sprechen zu kommen. Irgendwann kann der Junge über seine eigene Angst sprechen und davon, wie schwer sein Leben gerade ist.
Die Hündin baut eine Brücke, die es dem Jungen erlaubt, seine Not und seine Gefühle erst dann zu thematisieren, wenn er dazu bereit ist. Die Hündin gibt dem Therapeuten die Möglichkeit, über die Angstthematik zu sprechen, ohne den Jungen direkt konfrontieren zu müssen. Im Gegenteil, indem er von der Anpassung an eine neues Leben, die die Hündin leisten musste, spricht, spricht er dem Jungen sozusagen aus der Seele, der sich schließlich mit der Geschichte der Hündin solidarisieren kann. Über die Hündin ist eine Triangulation möglich, ohne dass die Gefahr besteht, jemandem zu nahe zu treten oder ihn zu verletzen.
In der Psychologie bezeichnet Triangulation die Einbeziehung einer dritten Person oder eines Elements in eine Zweierbeziehung. Meist machen Paare oder Familien das, um Spannungen abzubauen oder Konflikte auf ungute Weise zu regulieren. Abhängig davon, wie die dritte Person eingesetzt wird und welche Auswirkungen die Triangulation auf die beteiligten Personen hat, kann sie einen funktionalen als auch dysfunktionalen Prozess auslösen oder verstärken.
Die Hündin nimmt die Atmosphäre im Raum wahr und zieht sich zurück, wenn sie zu angespannt ist. Aber die Hündin versteht weder was der Junge erzählt, noch was die Therapeutin erklärt. Genau solche Elemente, dass beispielsweise der Junge einerseits selbst entscheiden kann, wie nah er das Tier an sich heranlässt und andererseits die Hündin eine Stellvertreterposition einnehmen kann, ohne dass es ihr selbst schaden könnte, machen den Einsatz von Tieren in der Psychotherapie so wertvoll.
Das Tier kann jedoch auch als Abbild des eigenen Selbst betrachtet werden und übt somit die Rolle des Identifikations- oder Projektionsobjektes aus. Durch die Projektion werden die eigenen Gefühle externalisiert, was die Auseinandersetzung und Akzeptanz diesen Gefühlen gegenüber erleichtert. Allein die Gegenwart des Tieres verändert die Atmosphäre, wodurch Therapieziele schneller erreicht werden. Der Therapiehund erleichtert in diesem Fall durch seine bloße Anwesenheit den Gesprächseinstieg sowie den Beziehungsaufbau und wirkt beruhigend.
Entscheidend ist: Nicht das Tier ist verantwortlich für die Therapie, sondern die Therapeutin, der Therapeut mit Hilfe des Tieres. Das Tier ist natürlich auch kein Hilfsmittel, wie zum Beispiel Spielzeug oder anderes Material, das häufig in der Psychotherapie mit Kindern eingesetzt wird. Ein Tier ist ein lebendiges, fühlendes Wesen, das innerhalb der Therapiesituation Möglichkeiten eröffnet, die Spielmaterial so nicht bieten kann.**
**Fallbeispiel aus einem Artikel von Gerd Ganser, erschienen in
Psychotherapeutenjournal Ausgabe 1 / 2014.
Bei Demenz: Tiere bringen Erinnerungen zurück
Auch Menschen, die beispielsweise unter einer Demenz leiden, fällt es meist leichter, Empfindungen und Gefühle auszudrücken, wenn sie zuerst Kontakt mit einem Tier aufnehmen, sei es durch Streicheln, Füttern oder Ballspielen. Das große Bedürfnis nach Zuwendung, das viele Heimbewohner haben, überträgt sich dann vom Tier auf den dazugehörigen Therapeuten. Bei Menschen, die auf Unbeteiligte so wirken mögen, als würden sie nur noch vor sich hin dösen, werden dann plötzlich viele Erinnerungen wach und sie können sich an Ereignisse aus ihrer Kindheit und Jugend erinnern und beginnen zu erzählen.
Unterstützung beim Lernen: Kinder lesen einem Hund oder einer Katze vor
Das Vorlesen vor Tieren kann eine einfache, aber wirkungsvolle Methode sein, um Kindern mit Lernstörungen zu helfen, ihre Lesefähigkeiten zu verbessern und gleichzeitig Freude am Lesen zu entwickeln.
Einige Tierheime bieten Programme an, bei denen Kinder regelmäßig Katzen vorlesen, um ihnen das Lesen zu erleichtern und gleichzeitig den Tieren Gesellschaft zu leisten. Auch Hunde werden als Lesehelfer eingesetzt, wobei speziell ausgebildete Hunde im Rahmen von Projekten mit Kindern mit Leseschwierigkeiten zusammenarbeiten.
Sowohl das Vorlesen als auch die Interaktion mit Tieren können Kinder darin unterstützen, Stress abzubauen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Denn Kinder, die vor Tieren lesen, haben oft weniger Angst vor Fehlern und können so freier und selbstsicherer lesen.
Und die Kinder, die bei solchen Projekten mitmachen, fühlen sich oft sozial engagiert und haben Freude daran, den Tieren etwas Gutes zu tun. Studien konnten belegen, dass beispielsweise rhythmische Stimmen auf Katzen beruhigend wirken und sie dazu ermutigen können, sich den Menschen zu nähern.
Dissoziationen: Assistenzhunde passen auf ihre Schützlinge auf
Hunde, insbesondere ausgebildete Assistenzhunde, können eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Menschen mit Dissoziationen spielen, indem sie beruhigend wirken und helfen, aus dissoziativen Zuständen herauszufinden.
Laut Diagnosehandbuch besteht das allgemeine Kennzeichen der dissoziativen Störungen in teilweisem oder völligem Verlust der normalen Integration der Erinnerung an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der Wahrnehmung unmittelbarer Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen.
Ein Assistenzhund kann durch seine Anwesenheit und sein Verhalten dazu beitragen, einem Betroffenen das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln und damit Stress zu reduzieren. Hunde können lernen, bestimmte Signale zu geben oder Verhaltensweisen zu zeigen, die ihrem Halter helfen, sich wieder zu orientieren und aus der Dissoziation herauszukommen. Der Hund kann beispielsweise sein Frauchen oder Herrchen anstupsen, sich an ihn anlehnen oder ihm Gegenstände bringen. All das hilft dem Betroffenen, die Aufmerksamkeit wieder auf die Realität zu lenken.
Die Assistenzhunde tragen außerdem dazu bei, dass sich Menschen in der Öffentlichkeit sicherer fühlen, da die Hunde durch ihre Nähe und ihr Verhalten eine Art Schutzbarriere darstellen können.