Tiergestützte Therapie

24.07.2025 Von Angelika Völkel

Eine Depression beeinflusst das Leben von Sabine S. schon seit vielen Jahren. Die 37-Jährige junge Frau ist oft niedergeschlagen und antriebslos, aber wenn sie zwischen Esel Friedemann und seiner Gefährtin Martha steht oder mit Aussiedoodle-Dame Lisbeth oder Goldendoodle Emma Kunststückchen übt, merkt man ihr davon nichts mehr an.

Einmal in der Woche kommt sie im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens ins Gehege der tiergestützten Therapie im Wohnverbund des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) auf dem Gelände der LWL-Klinik in der Haard. Alleine die Tiere zu beobachten, mache sie schon glücklich, beschreibt Sabine S. ihr Gefühl während der tiergestützten Therapie. Auch die Berührung der Tiere habe eine entspannende Wirkung.

Als nächstes geht es in der Therapiestunde zu den beiden Zwergeseln Martha und Friedemann. Während die Heilpädagogin Martha striegelt, macht sich Sabine S. bei Friedemann ans Werk. Der Esel genießt die Bürstenmassage augenscheinlich und ist auch einer Krauleinheit hinter den Ohren nicht abgeneigt. Und auch Sabine S. erfüllt es mit großer Freude, wenn sie merkt, dass sie einem Tier etwas Gutes tun kann.

Nach dem Striegeln steht eine kleine Wanderung mit Lisbeth und den Eseln auf dem Plan. Sabine S. führt Friedemann an einem Halfter und trainiert so ganz nebenbei durch ihre Körpersprache, souverän zu sein und klar zu kommunizieren, wo der Weg hingeht.

„Ich bin aktiver, kann mich besser konzentrieren und habe mehr Vertrauen in mich, auch wenn nicht immer alles gleich gut gelingt. Ich falle nicht mehr in ein tiefes Loch, wenn ich einen schlechten Tag habe und die Tiere nicht so reagieren, wie ich es möchte, weil sie meine Stimmung widerspiegeln. Ich weiß jetzt, das ist nicht schlimm. Dann versuche ich es bei meinem nächsten Termin einfach noch einmal,“ benennt Sabine S., was sie durch die Arbeit mit den Tieren gelernt hat.*
*Fallbeispiel nach einem Artikel aus der Halterner Zeitung vom 25.04.2021

Was versteht man unter tiergestützter Therapie?

Unter einer tiergestützten Therapie versteht man eine zielgerichtete, geplante und strukturierte therapeutische Intervention, die von professionell ausgebildeten Personen durchgeführt wird. Intervention kommt vom Lateinischen intervenire und bedeutet so viel wie sich einschalten oder dazwischentreten. Bei einer therapeutischen Intervention geht es darum, gezielt einen Prozess in Gang zu setzen oder so einzugreifen, um Störungen zu beheben oder ihnen vorzubeugen.

Tiergestützte Interventionen werden längst in vielen Bereichen eingesetzt, sei es in Psychotherapie, Ergotherapie, Physiotherapie, Pflege, Palliativmedizin, Pädagogik, Sprachtherapie und Logopädie, Rehabilitation oder bei medizinischen Eingriffen wie Zahnarztbehandlungen.

Dank tiergestützter Therapie können physische, kognitive, verhaltensbezogene oder sozioemotionale Funktionen bei Kindern, Jugendlichen, Erwachsene und älteren Menschen verbessert werden. Sozial-emotional bedeutet, dass ein Individuum imstande ist, Emotionen zu erkennen, zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren und auch Beziehungen aufzubauen und zu pflegen.

Um eine tiergestützte Therapie durchführen zu können, muss die Fachkraft allerdings nicht nur im therapeutischen Umgang mit Menschen ausgebildet sein, sondern sie muss auch über ein ausreichendes Wissen über das Verhalten, die Bedürfnisse und den Gesundheitszustand des Tieres, das eingesetzt wird, verfügen. Außerdem ist es wichtig, dass sie das Tier kennt und einschätzen kann, wann es gestresst sein könnte und wie sie es wieder ins Gleichgewicht bringen kann.

Welche Tiere werden eingesetzt?

Meist Hunde und Pferde im Einsatz

In der tiergestützten Therapie unterstützen meist Hunde oder Pferde die Psychotherapeut:innen in der Arbeit mit den Klient:innen. Ob bei Schwierigkeiten mit dem Lesen, bei Depressionen, Angststörungen, Demenz, Trauma oder Entzug von Substanzen wie Alkohol oder Drogen: Tiere können dem Menschen ein guter Beistand sein. Sie bewerten nicht, sie sind einfach da – allein diese beiden Verhaltensweisen tragen dazu bei, dass sich viele Patient:innen wohler fühlen und sich schneller auf den Therapieprozess einlassen.
Das Tier selbst arbeitet meist nicht, es wirkt aber allein schon durch seine Anwesenheit therapeutisch. Ein Hund, der beispielsweise auf ein eingeschüchtertes Kind vertrauenerweckend und niedlich wirkt, kann eine Brücke zwischen dem Kind und dem Therapeuten bauen.

Wilde Tiere nicht für Therapie geeignet

Hunde, Katzen, Kaninchen oder Pferde können dazu beitragen, dass es einem Menschen psychisch besser geht. Im Grunde sind alle domestizierten Tierarten für einen Einsatz in der tiergestützten Therapie geeignet, Nutztiere wie Schafe, Ziegen, Schweine, Esel, Lamas, Alpakas aber auch. Wilde Tiere sind jedoch nicht geeignet und diese Form der Therapie wird von den großen Organisationen durchweg abgelehnt.

Denn die Tiere müssen an den Umgang mit Menschen gewohnt sein und dürfen auch nicht aus einer Handaufzucht stammen. Handaufzucht bedeutet, dass beispielsweise ein Hund schon kurz nach der Geburt mit der Flasche gefüttert wurde. Eine Handaufzucht birgt die Gefahr, dass die Tiere zu sehr an den Menschen gewohnt sind, so dass sie keinen natürlichen Abstand mehr halten und leider auch, dass sie Menschen sogar als Sexualpartner betrachten können.

Mensch-Tier-Kontakt begrenzt auf Therapie

Die Mensch-Tier-Beziehung, wie man sie im eigenen Haushalt vorfindet, unterscheidet sich jedoch fundamental von dem Mensch-Tier-Kontakt im Rahmen einer therapeutischen oder pädagogischen Beziehung.

Die Unterschiede liegen in der Dauer, der Häufigkeit und in dem Rahmen des Kontakts, der Zielorientierung und der Zweckbindung der Beziehung. In der tiergestützten Therapie wird die Beziehung zwischen Tier und Klient eindeutig begrenzt, was Ort, Zeit und Häufigkeit der Interaktionen betrifft. Der Fokus liegt auf den individuell festgelegten Therapiezielen.

Anfänge der tiergestützten Therapie liegen in den 50er Jahren


Boris M. Levinson gilt als Begründer der tiergestützten Therapie. Dabei erkannte der US-amerikanische Psychologe die Wirkung von Tieren auf Klienten rein zufällig.

Levinsons Hund Jingles war noch in der Praxis, als ein Junge, der sonst sehr verschlossen und dem Psychotherapeuten kaum erreichbar schien, zur Sitzung kam und sofort auf den Hund zuging. Levinson beobachtete, dass es dem Jungen sehr viel leichter fiel, sich zu öffnen, wenn auch der Hund anwesend war. Auf Wunsch des Jungen nahm Levinson seinen Hund auch die nächsten Male mit. Die Wirkung, die sein Hund auf den jungen Klienten hatte, motivierte den Wissenschaftler, auch mit anderen Kindern tiergestützt zu arbeiten. Zwischen 1953 und 1961 setzte er Hunde in seiner Arbeit mit Kindern regelmäßig ein und stellte seine Erfolge 1961 erstmals im Rahmen eines Kongresses vor.

Trotzdem war Levinson nicht der erste, der Tiere im Rahmen einer Psychotherapie einsetzte. Bereits im späten 18. Jahrhundert wurde im York Retreat in England, einer Einrichtung für psychisch kranke Menschen, ein regelmäßiger Kontakt mit Tieren ermöglicht, da dieser das Wohlbefinden und die Kommunikation der Patienten förderte.

Auch Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, ließ seine Hündin Jofi während Sitzungen anwesend sein und er konnte scheinbar beobachten, dass sie einen besonderen Sinn für den Charakter und psychische Befindlichkeit seiner Patienten zeigte und beruhigend wirkte.

Im deutschsprachigen Raum etablierten sich tiergestützte Ansätze in der Therapie seit den 1970er Jahren und heute reichen sie vom therapeutischen Reiten, Hippotherapie, der Tierhaltung oder Tierbesuchsdiensten in Kliniken, therapeutischen Wohngemeinschaften, Pflege- und Seniorenheimen oder in der stationären Jugendhilfe bis zum gezielten Einsatz von Hunden, Pferden, Kleintieren, Katzen und Nutztieren in Psycho-, Physio-, Ergotherapie, Rehabilitation und in der Pädagogik.