Anwendungsbereiche von tiergestützter Therapie

Menschen, die wie Sabine S. psychisch stark belastet sind, fällt es manchmal leichter, mithilfe eines Pferdes oder eines Hundes einen angemesseneren Umgang mit starken Gefühlen wie Wut, Ärger, Trauer oder sogar Freude zu erlernen.

Die Erfahrung zeigt, dass Patient:innen jeden Alters von positiven Lernerfahrungen profitieren, dass sie ihre sozialen Kompetenzen ausbauen, tiefer in ihr emotionales Erleben kommen, sich besser entspannen und mehr innere Ruhe und Ausgeglichenheit erleben können.

Tiere bei vielen psychischen Störungen hilfreich

Depression, Demenz, Autismus-Spektrum-Störungen, Schizophrenie, Entwicklungsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörung, Schmerzmanagement bei chronischen Schmerzen oder auch nach Operationen: Die tiergestützte Therapie hat sich bereits bei vielen verschiedenen psychischen Störungen als hilfreich gezeigt. Sie wird meist in die übliche, leitliniengerechte Therapie integriert oder wird ergänzend zu den gültigen Standardinterventionen durchgeführt, um bestimmte Aspekte innerhalb einer Therapie zusätzlich zu fördern. Das Tier wirkt jedoch nur als ein unterstützendes Medium, im Mittelpunkt steht immer die Beziehung zwischen Klient und Therapeut.

Tiergestützte Interventionen sollten nur von Fachkräften durchgeführt werden, die gründlich ausgebildet wurden und über ein breites Wissen verfügen, beispielsweise über Themen wie Zoonosen – das sind Infektionskrankheiten, die von Tieren auf den Menschen oder umgekehrt übertragen werden können –, besondere Techniken, wie das Tier sinnvoll einzusetzen ist, Gesundheit und natürliches Verhalten und Bedürfnisse des jeweiligen Tieres, sicheres Erkennen von Stress beim Tier, Versicherungsfragen, Dokumentation und ausreichend Hintergrundwissen über die Psychologie und Neurobiologie der Mensch-Tier-Beziehung.

Eine andere wichtige Grundvoraussetzung der Arbeit mit Tieren ist, dass es sowohl dem Menschen als auch dem Tier während der Sitzungen und auch danach gut geht. Das bedeutet, dass das Tier nicht überfordert wird und sich wohlfühlt in der Interaktion mit dem Menschen.

Positive Wirkung der Interaktion zwischen Mensch und Tier

Viele wissenschaftliche Studien konnten nachweisen, dass Tiere eine positive Wirkung auf Menschen haben können.

Psychologische Effekte

Es ist inzwischen gut belegt, dass die Arbeit mit Tieren die Konzentration und Motivation fördern kann. Wenn Tiere Teil einer Therapie sind, kann sich das außerdem positiv auf die Stimmung auswirken, depressive Symptome, Aggressionen und die Wahrnehmung von Schmerzen reduzieren. Wenn sich jemand in einer Situation, die Stress verursacht oder Angst auslöst, befindet, kann die Anwesenheit eines als freundlich erlebten Tieres beruhigend und entspannend wirken.

Neurobiologische Effekte

In stressauslösenden Situationen kann die Interaktion mit einem Tier bei Menschen den Blutdruck und die Herzfrequenz senken, die Herzratenvariabilität steigern und den Spiegel des Stresshormons Cortisol reduzieren. Die dämpfende Wirkung von Mensch-Tier-Interaktionen auf die menschlichen Stress-Systeme, also auf die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse und das autonome Nervensystem, ist bekannt.
Außerdem ist hinreichend belegt, dass Menschen, die ein Haustier besitzen, vor allem Besitzer von Hunden und Katzen, weniger häufig zum Arzt gehen als Vergleichspersonen, dass sie insgesamt fitter sind und sogar höhere Überlebenschancen nach einem Herzinfarkt haben.

Soziale Effekte

Menschen, die in Begleitung eines Hundes sind, der als freundlich oder sogar entsprechend des Kindchenschemas als niedlich wahrgenommen wird, erleben deutlich mehr positive soziale Aufmerksamkeit von anderen, sie werden häufiger angelächelt oder angesprochen. Vor allem für Menschen, denen es schwerfällt, Kontakt mit ihren Mitmenschen aufzunehmen oder die unter Behinderungen leiden, kann das eine positive soziale Unterstützung sein.
Tiere fördern generell bei Menschen soziale Interaktionen, sowohl auf der verbalen als auch auf der nonverbalen Ebene. Das nennt man übrigens den sozialen Katalysator-Effekt. Denn die Begleitung durch ein freundliches Tier verstärkt das Vertrauen zur begleiteten Person. Wenn eine Therapeutin, ein Therapeut als vertrauenswürdiger von den Klient:innen wahrgenommen wird, weil ein freundlicher Hund in der Praxis ist, dann kann das den Aufbau einer guten therapeutischen Beziehung deutlich erleichtern.

Wer übernimmt die Kosten?

Weil tiergestützte Therapie in Deutschland bislang nicht als Heilmittel anerkannt ist, werden die Kosten weder durch die Kranken- noch die Pflegekassen übernommen.

Es gibt jedoch Ausnahmen, die eine Kostenübernahme möglich machen. Wenn beispielsweise ein approbierter Therapeut tiergestützte Komponenten anwendet, werden die Kosten für das Basismedium, nicht aber für das zusätzliche tierische Element übernommen.

Außerdem ist ein Antrag auf außergewöhnliche Kostenerstattung bei Vorliegen einer fundierten ärztlichen Begründung möglich. Die Bewilligung liegt jedoch im Ermessen der jeweiligen Krankenkasse, ein genereller Anspruch besteht nicht.

Pflegebedürftige Personen mit Pflegegrad 2 oder höher können unter Umständen auch tiergestützte Betreuungsangebote beanspruchen.

Für dementiell erkrankte Menschen können über die Pflegekasse auch zusätzliche Betreuungsleistungen nach § 45b Sozialgesetzbuch XI abgerechnet werden und das gilt beispielsweise auch für tiergestützte Aktivitäten.

Heilpädagogisches Reiten kann im Rahmen ambulanter Erziehungshilfe übernommen werden.

Tiergestützte Maßnahmen können als Komplexleistung im Rahmen der Frühförderung anerkannt werden. Die Frühförderung, geregelt im § 46 SGB IX, ist ein Angebot für Kinder mit Behinderungen oder von Behinderung bedrohte Kinder von der Geburt bis zur Einschulung.
Für psychisch behinderte Kinder und Jugendliche kann tiergestützte Therapie Teil einer Maßnahme sein.

Einige Projekte werden auch von durch Stiftungen, Vereinen oder im Rahmen von Modellexperimenten finanziert. Die Anbieter von tiergestützten Therapien wie Logopädie oder Psychotherapie können meist Auskunft darüber geben, ob es eine Möglichkeit auf Kostenübernahme oder einen Zuschuss gibt und wo man einen Antrag stellen kann.

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