Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein

Als würde man jemand anderes in den Kopf schauen

Von Angelika Völkel

Benjamin Maack hat seine Depression in dem Buch „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ literarisch verarbeitet.

„Ich kann nicht denken ich kann nicht denken ich kann nicht denken ich …“ Da schreibt sich einer seine Gedanken, seine Ängste aus dem Kopf, auch wenn es seitenweise dasselbe ist. Da gibt jemand dem, der sich selbst kaum noch äußern kann, eine Stimme. Darf man das denn? Darf man einfach so offen über die eigene psychische Erkrankung sprechen? Benjamin Maack tut es und bricht damit ein leider viel zu geschütztes Tabu. Der 42-jährige Autor beschreibt in seinem bei Suhrkamp erschienenem Buch „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ darüber, was die Depression mit einem macht, wie sich ein Leben mit dieser psychischen Störung anfühlt.

Dieses Buch, bestehend aus Tagebucheinträgen, Skizzen, Momentaufnahmen, Selbstgesprächen oder Lyrik erlaubt es, einmal zu verstehen, was in einem vorgeht, der das erleidet. Es erlaubt es aber auch den ganz vielen, die das erlebt haben und wieder erleben, endlich einmal selbst verstanden zu werden.

Gedrückte Stimmung, Interessensverlust, Verminderung des Antriebs, vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit, Schlafstörungen, Suizidgedanken, das sind einige der Symptome, die die ICD-10, die internationale Statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, als Kriterien für die Diagnose einer Depression vorgibt.

Wie elend das aber ist für den, der daran leidet, das können solche Handbücher natürlich nicht vermitteln, das muss einmal einer niederschreiben, der weiß, was das bedeutet: „Ohne Emotionen wird aus einem Leben, das sinnerfüllt erscheint, das eine Geschichte ist, Kinder haben, Arbeit haben, Interessen haben, Sachen wollen, lieben, Träume, ohne Gefühle wird das, was bei anderen ein Leben ergibt, zu einer unendlichen, unendlich sinnlosen Reihe von Sachen, die man macht oder machen muss, die man entscheidet oder entscheiden muss. Oder die einem einfach zustoßen.“

Der Protagonist empfindet immer wieder Schuldgefühle der Frau, den Kindern gegenüber: „Beim ersten Mal bin ich ins Krankenhaus gegangen. Weil ich mich Friederike und Theo nicht mehr antun wollte, weil ich nicht wollte, dass sie mich so sehen, weil ich nicht wollte, dass sie verstehen, was da mit mir passiert. Weil ich Angst hatte, dass Verstehen die Krankheit überträgt.“

Er beschreibt sein Leben in der Klinik, wie er seinen vierzigsten Geburtstag dort verbringt, wie er einmal auch in die geschlossene Abteilung kommt, Medikamente, Therapie, allein, in Gruppen, er macht Achtsamkeitsübungen, stickt das Porträt von Britney Spears auf ein Kissen, schaut Serien oder puzzelt Delfine. Benjamin Maack schreibt sehr persönlich, er rationalisiert nicht, er verklärt nicht. Auch wenn er sich als Protagonist selbst bisweilen bemitleidet, er möchte kein Mitleid. Im Gegenteil, er sucht immer wieder Distanz zu sich selbst. Auf dem Weg dorthin entstehen bisweilen tragikomische Bilder.
Der Protagonist hinterfragt den Lebensalltag in der Klinik, hinterfragt einzelne Begriffe und manchmal ist einem dabei wirklich zum Lachen zumute, wenn er etwa das Puzzeln beschreibt: „Jemand nimmt ein Bild, macht es kaputt und lässt einen anderen dafür bezahlen, dass der es wieder zusammensetzt. Und je mehr Teile es sind, je schwieriger ist es, je länger es dauert, das Bild wieder hinzukriegen, desto teurer ist es. Und wir denken, wir bezahlen für das Bild oder für die Pappe, auf die es gedruckt ist. Aber eigentlich bezahlen wir für das Versprechen, dass kein Teil fehlt.“

Suizidgedanken werden immer lauter, quälen ihn, doch er schafft es, sein Versprechen, am Leben zu bleiben einzuhalten. Auch wenn er sich immer wieder Bilder vorstellt, wie das Blut fließt. Auch wenn seine Frau vielleicht mit einem anderen Mann glücklicher wäre, die Kinder sich auch an einen anderen Vater gewöhnen könnten, wie er denkt. Doch die denken das nicht, nehmen ihn meist so, wie er ist. So darf er von einer Familienfeier wieder abreisen, weil er es einfach nicht aushält, die vielen Menschen, das viele Sprechenmüssen. Und einmal tröstet ihn seine Frau sogar damit, dass er immerhin keine Stimmen hören muss.

Und dann schafft er es schließlich, sein Leben wieder anzugehen, ein Schritt nach dem anderen. Am Ende des Buches kann er zu der Erkenntnis kommen, dass die Depression und die damit erzwungene Zäsur, ihm geholfen hat, sein Leben von allem unnötig Auferlegten zu befreien und ein ganz echtes, ein wirklich eigenes zu beginnen. Dass damit nicht alles gut werden würde, das kündigt er schon zu Beginn des Buches an. Aber es wird alles lebbarer.

Beim Lesen hat man den Eindruck, als würde man jemand anderes in den Kopf schauen. Benjamin Maack schreibt ganz von innen über seine Krankheit, die einfach wiedergekommen ist, obwohl er sie schon für überwunden erklärt hatte. Dieses Buch gewinnt seine Poesie durch die Ehrlichkeit und Nüchternheit. Besonders Angehörige von Menschen, die an einer Depression leiden, werden sehr viel besser verstehen, was mit ihrem Freund, ihrer Schwester oder dem Vater los ist. Aber auch diejenigen, die selbst an einer Depression leiden, dürfen das Gefühl haben, dass sie damit nicht allein sind.


Benjamin Maack, Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein, suhrkamp taschenbuch 5073, Gebunden, 333 Seiten, 18 Euro
ISBN: 978-3-518-47073-2
Auch als ebook erhältlich