Verzeihen (Seite 5/7)

Vergeben, vergessen und versöhnen

Versöhnung geht über Vergebung hinaus und ermöglicht einen Neustart

Verzeihen und Vergeben lassen sich übrigens in der deutschen Sprache etymologisch und begrifflich streng voneinander unterscheiden. Während dem Verzeihen etwa immer ein Verzicht, ein Nichtstun, vor allem gegenüber dem Rachenehmen, innewohnt, liegt das wesentliche Moment des Vergebens in der Gabe. Die Vergebung ist durch eine Dualität zwischen Schenkendem und Beschenktem gekennzeichnet. Nicht umsonst hat sich der Begriff Vergebung im religiösen Kontext etabliert, wie die Philosophin Svenja Flaßpöhler dargelegt hat.

Wer verzeiht, bedeutet dem anderen damit nicht, dass der sich richtig verhalten hat. Es heißt auch nicht, dass man den Vorfall vergessen muss und der Täter einen Freibrief erhält. Verzeihen ist auch kein Zeichen von Schwäche. Der andere muss sich auch nicht verdienen, dass man ihm verzeiht. Jeder tut es zunächst einmal seinetwegen.

In der Psychologie wird Verzeihen abgegrenzt von der Akzeptanz des Unrechts an sich. Es geht also nicht darum, zu erlauben, dass dieses Unrecht immer wieder geschieht, sondern darum zu akzeptieren, dass es geschehen ist.

Psycholog:innen der American Psychological Association formulierten Vergebung als einen Prozess, bei dem sich die Haltung und die Gefühle gegenüber demjenigen, dem vergeben wird, verändern. Annehmen, dass etwas geschehen ist, ohne das Unrecht zu akzeptieren, das ist ein sehr feiner und doch gravierender Unterschied.

Während das eine Ohnmacht bedeuten kann — ein Rechtfertigen auch zukünftigen Unrechts, ermöglicht das andere den Umgang mit etwas, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Das Loslassen kann eine Freiheit mit sich bringen, die sogar ermöglicht, sich dafür einzusetzen, dass das Unrecht nicht noch einmal geschieht. Denn wer lernt, geschehenes Unrecht loszulassen, ohne es zu vergessen, kann sein Leben besser annehmen, wie es ist.

Interessanterweise haben die Worte Amnesie und Amnestie denselben Wortstamm, beides kommt aus dem altgriechischen Wort für vergessen. Während es sich bei Ersterem allerdings um eine psychische Störung, eine Gedächtnisschwäche, handelt, ist Zweiteres das absichtliche Vergessen oder Verzeihen, die Straferlassung. Verzeihen bedeutet aber weder vergessen noch verdrängen: In der Psychoanalyse und in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie geht es ja gerade darum, Verschüttetes aufzudecken, um es ins bewusste Leben zu integrieren und damit die dunkle Vergangenheit aufzuarbeiten.

So wird der Sohn, der von seiner Mutter gedemütigt wurde, in der Therapie sich dessen noch mehr bewusst sein. War er vorher depressiv und sich dessen nicht bewusst, dass er seiner Mutter grollte, so kann er jetzt bewusst grollen und durch diesen Prozess überhaupt verzeihen und eine depressive Stimmung kann einer deutlich helleren weichen.

Verzeihen heißt vielmehr, das Vergangene genauso wie die aktuelle Situation zu akzeptieren. Es ist, wie es ist. Wenn wir einem anderen Menschen oder uns selbst vergeben, kehrt innerer Frieden ein und wir können wieder in der Gegenwart leben. Nicht zu verzeihen ist wie eine unerledigte wichtige Aufgabe, die unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf sich zieht. In Gedanken beschäftigen wir uns immer mit der Person, der wir etwas nicht verzeihen können. Unser Körper ist dadurch in einem permanenten Alarmzustand. Instinktiv wissen Menschen darum, was Verzeihen bewirken kann und häufig wird im Stillen vergeben, ohne dass dafür vorher eine Auseinandersetzung oder ein Gespräch mit dem Täter stattgefunden hat.

Was heißt Versöhnung?

Im Gegensatz zum Verzeihen, das nur den Verzicht auf Rache und weitere Wiedergutmachung meint, geht Versöhnung einen Schritt weiter und macht einen Neustart möglich.
Den meisten Menschen fällt es leichter, sich demjenigen, der sie gekränkt hat, wieder zu nähern, wenn eine entsprechende Reuebekundung stattgefunden hat. Geschieht das nicht, bleiben die Rollen, also Opfer und Täter, bestehen und es kann im Grunde genommen keine Brücke gebaut werden.

Doch wie eine Studie aus dem Jahr 2011, die von Wissenschaftlern der niederländischen Erasmus Universität in Zusammenarbeit mit der London Business School zeigt, befriedigt die Bitte um Vergebung das Opfer tatsächlich weniger als angenommen. Es wurden Experimente durchgeführt, um zu prüfen, wie Menschen Entschuldigungen bewerten. Proband:innen bekamen 10 Euro, die sie entweder behalten oder einem Partner, mit dem sie über den Computer kommunizierten, geben konnten.

Das Geld wurde anschließend verdreifacht. Der Partner, der nun 30 Euro erhielt, gab dem Probanden nur fünf Euro zurück und zusätzlich eine Entschuldigung für dieses für ihn günstige Angebot. Ein anderer Teil der Proband:innen sollte sich einfach vorstellen, dass sich der Partner entschuldigt hätte. Die Teilnehmer, die sich eine Entschuldigung vorstellten, schätzten diese mehr als Probanden, die tatsächlich eine hörten.

Auch Rache ist langfristig kein Mittel, um eine Beziehung wieder auf Augenhöhe zu bringen. Sozial und moralisch sind Rachegefühle in unserem Kulturkreis kaum noch akzeptiert. Doch lange gehörten Rachetaten als Mittel zur Rechtswahrung dazu. Rache galt beispielsweise im alten Rom als ein Akt der Gegenseitigkeit, als Erwiderungsmoral, um Regelverletzungen zu ahnden. Die Psychologie weiß heute, dass Rache zwar kurzfristig süß schmeckt, aber langfristig den Weg auf eine Einigung verstellt und Beziehungen endgültig beendet. Auch bei Rächer:innen führt die lange geplante und dann schließlich ausgeübte Rachetat meistens nicht zum erwarteten Gefühl der Zufriedenheit.

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