Stigmatisierung (Seite 5/8)

Maßnahmen und Programme gegen Stigmatisierung

Das können die Gesellschaft und jeder Einzelne tun

Nach wie vor ist es sehr wichtig, sich gegen die Stigmatisierung psychisch Kranker zu engagieren, um Vorurteile und Diskriminierung in der Bevölkerung auf Dauer abzubauen. Auch nationale und internationale Fachgesellschaften und die WHO sehen die Bekämpfung von Stigmatisierung als wichtiges Ziel bei der Versorgung und Behandlung psychisch kranker Menschen an.

Maßnahmen gegen Stigmatisierung haben das Ziel, dass die Betroffenen und ihre Angehörigen ebenso wie alle anderen Menschen an allen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens teilhaben können. Ein weiteres Ziel ist, dass möglichst viele Menschen psychisch Kranken offen und vorurteilsfrei, tolerant, einfühlsam und wohlwollend begegnen.

Als erfolgreichste Aspekte bei der Bekämpfung von Stigmatisierung haben sich die Aufklärung und Vermittlung von Wissen über psychische Erkrankungen und der persönliche Kontakt mit den Betroffenen erwiesen. Günstig ist es zudem, einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft zu fördern, bei dem offen über die Erkrankungen gesprochen werden kann.

Information und Aufklärung

Gut über psychische Erkrankungen, ihre Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten Bescheid zu wissen, kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen. Auf diese Weise kann nicht nur fehlendem Wissen, sondern auch falschem Wissen entgegen gewirkt werden. Hilfreich ist es zum Beispiel, zu wissen, dass es keine klare Trennung zwischen “psychisch krank” und “psychisch gesund” gibt, sondern der Übergang fließend ist – und jeder selbst schon das eine oder andere psychische Symptom erlebt hat.

Informationen können zum einen in groß angelegten Medienkampagnen und öffentlichen Aufklärungsprogrammen vermittelt werden, die sich an die gesamte Bevölkerung richten. Wichtig sind aber auch Maßnahmen, die sich an bestimmte Zielgruppen richten: etwa an Menschen, die beruflich häufig Kontakt mit psychisch Erkrankten haben, wie Pflegepersonal, Sozialarbeiter oder Polizisten. Oder an Menschen in Berufen, die psychisch Kranke betreffende Entscheidungen treffen: etwa Mitarbeiter von Krankenkassen und Rentenversicherungsträgern, Arbeitgeber oder Mitarbeiter in Sozial- und Wohnungsämtern.

Die Information können zum Beispiel in Seminaren und Informationsveranstaltungen, auf Webseiten und in Broschüren oder durch Dokumentarfilme vermittelt werden, die einfühlsam über psychisch Kranke berichten. Fachlich fundierte, zugleich aber unterhaltsam gestaltete Informationen können dabei dazu motivieren, sich mit psychischen Erkrankungen zu beschäftigen und sich besser zu informieren.

Persönlicher Kontakt zu Betroffenen

Wer selbst Kontakt zu psychisch kranken Menschen hat, kann diese besser kennenlernen und eigene Erfahrungen machen. Auf diese Weise lassen sich Vorurteile und falsche Vorstellungen am nachhaltigsten verändern. Günstig ist es dabei, wenn die Interaktionspartner gewisse Übereinstimmungen haben – etwa einen ähnlichen beruflichen Hintergrund – und wenn ein naher, persönlicher Kontakt möglich ist.
Um solche Kontakte zu ermöglichen, führen Aktionsbündnisse oder psychotherapeutische Einrichtungen zum Beispiel Café-Treffs, Feste oder Tage der offenen Tür durch. Auch Informationsveranstaltungen, an denen die Betroffenen selbst mitwirken, können zu einem persönlichen Kontakt beitragen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Interessenvertretungen für die Betroffenen. Wer sich – allein oder in einer Gruppe – für psychisch Kranke einsetzt und für sie Partei ergreift, kann dazu beitragen, Stigmatisierung und Diskriminierung in der Gesellschaft zu verringern – und gleichzeitig eigene Vorurteile abbauen.

Gestaltung von Anti-Stigma-Kampagnen

Damit Maßnahmen gegen Stigmatisierung möglichst wirksam sind, sollten Ansätze auf lokaler Ebene mit Maßnahmen auf nationaler und internationaler Ebene kombiniert werden und dabei verschiedene Arten von Anti-Stigma-Maßnahmen zum Einsatz kommen. Laut dem “Aktionsbündnis Seelische Gesundheit” gibt es in Deutschland auf lokaler Ebene bei der Bekämpfung von Stigmatisierung bereits viel Engagement. Solche Maßnahmen vor Ort können durch übergeordnete nationale oder internationale Programme neue Impulse erhalten.

Um wirksam Veränderungen zu erreichen, sollten Anti-Stigma-Maßnahmen eine konkrete Zielsetzung haben und sich konkret an bestimmte Zielgruppen richten. Darüber hinaus sollten die Maßnahmen nicht nur kurzzeitig, sondern über längere Zeit durchgeführt werden. Günstig ist es außerdem, wenn die Betroffenen selbst bei der Planung und Umsetzung der Maßnahmen mitwirken.

Veränderung gesellschaftlicher Strukturen

Auch eine Veränderung bestehender Strukturen oder eine Schaffung neuer Strukturen für psychisch Kranke kann dazu beitragen, Stigmatisierung entgegenzuwirken. So wäre es aus Sicht von Fachleuten günstig, wenn die Betroffenen weniger in speziell für sie vorgesehenen Arbeits-, Wohn- und Freizeiteinrichtungen untergebracht werden würden. Stattdessen sollten sie im Sinne von Inklusion zusammen mit psychisch Gesunden wohnen, Freizeitveranstaltungen besuchen und auf dem freien Arbeitsmarkt arbeiten. Dadurch wäre zugleich mehr persönlicher Kontakt zwischen Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihren Mitmenschen möglich.

Ein wichtiger Schritt für die Bewältigung ihrer Erkrankung ist für viele psychisch Erkrankte auch,   wieder am Arbeitsleben teilnehmen zu können. Auf diese Weise können sie wieder Verantwortung übernehmen und sich als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft fühlen. Gleichzeitig wirkt dies dem gesellschaftlichen Ausschluss psychisch Kranker entgegen und kann so dazu beitragen, Stigmatisierung und Diskriminierung zu verringern. Programme, die psychisch Kranke unterstützen, rasch wieder eine Stelle auf dem freien Arbeitsmarkt zu finden, sollten daher aus Sicht von Experten gefördert und ausgebaut werden.