Stigmatisierung (Seite 2/8)

Arten von Stigmatisierung

Wie kann sich Stigmatisierung äußern?

Stigmatisierung kann sich auf unterschiedliche Weise äußern. Man unterscheidet dabei zwischen interpersoneller Stigmatisierung, öffentlicher Stigmatisierung, struktureller Diskriminierung und Selbststigmatisierung.

Interpersonelle Stigmatisierung

Stigmatisierung kann sich in den direkten zwischenmenschlichen Beziehungen mit anderen Menschen zeigen – zum Beispiel in Form von Ausgrenzung, Mobbing oder persönlichen Angriffen. So kann es sein, dass abfällig über den Betroffenen gesprochen wird, dass sich Freunde und Bekannte vor ihm zurückziehen oder dass fremde Menschen den Kontakt von vorneherein vermeiden. Andere Reaktionen können Unverständnis und offene oder versteckte Ablehnung sein.

Öffentliche Stigmatisierung

Bei der öffentliche Stigmatisierung wird der Betroffene im öffentlichen Leben, zum Beispiel am Arbeitsplatz oder bei der Wohnungssuche benachteiligt. Zur öffentlichen Stigmatisierung gehört auch eine falsche, übertriebene und diskriminierende Darstellung psychischer Erkrankungen in den Medien.

Strukturelle Diskriminierung

Unter struktureller Diskriminierung versteht man die Benachteiligung psychisch Erkrankter durch öffentliche oder private Einrichtungen – etwa durch die Politik, Versicherungen oder Ämter. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn psychisch Kranke bei der Vergabe von Leistungen gegenüber körperlich Kranken benachteiligt werden oder wenn sich die Genehmigung von Medikamenten oder Reha-Maßnahmen für psychisch Kranke besonders schwierig gestaltet. Strukturelle Diskriminierung kann die Behandlungsmöglichkeiten und Heilungschancen der Betroffenen verringern und auch andere Chancen – etwa im Berufsleben oder bei der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben – verschlechtern.

Selbststigmatisierung

Zum Teil übernehmen die Betroffenen die Vorstellungen und die Vorurteile anderer Menschen selbst. Sie sehen sich dann zum Beispiel als inkompetent, willensschwach oder „nicht normal“ an. Einige entwickeln auch Schuldgefühle und glauben, selbst an ihrer Erkrankung schuld zu sein. Ebenso wie die Stigmatisierung durch andere kann sich Selbststigmatisierung negativ auf den Verlauf der Erkrankung auswirken. Sie kann auch dazu führen, dass die Betroffenen ihr Verhalten ändern und zum Beispiel gar nicht mehr versuchen, mit anderen in Kontakt zu kommen oder eine Arbeit zu suchen. Selbststigmatisierung kommt vor allem bei Menschen vor, die dauerhaft auf psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe angewiesen sind. Oft führen bei ihnen Verunsicherung und Resignation dazu, sich selbst zu stigmatisieren.

Was sind die Folgen für die Betroffenen?

Stigmatisierung zu erleben oder ständig Angst zu haben, von anderen zurückgewiesen und ausgegrenzt zu werden, ist für die Betroffenen sehr belastend. Das kann vielfältige Auswirkungen haben: Es kann sich negativ auf das Selbstwertgefühl und das Wohlbefinden auswirken, die Lebensqualität reduzieren und auch den Verlauf der psychischen Erkrankung ungünstig beeinflussen.

Durch Stigmatisierung werden den Betroffenen oft Chancen im Leben genommen – zum Beispiel auf eine berufliche Weiterentwicklung. So sind Menschen mit psychischen Erkrankungen stärker von Arbeitslosigkeit und Armut bedroht als andere Menschen.
Auch die Beziehungen zu anderen Menschen leiden unter der Stigmatisierung. Zum einen, weil andere sich vor dem psychisch Kranken zurückziehen. Zum anderen, weil der Betroffene sich wegen der Stigmatisierung möglicherweise selbst zurückzieht – und sich damit auch die Chance nimmt, positive soziale Kontakte und Unterstützung zu erleben. Auf diese Weise kann es zu einem Teufelskreis kommen: Bisherige Freunde und Bekannte empfinden den Rückzug als seltsam oder fühlen sich vor den Kopf gestoßen – und ziehen sich nun ihrerseits aus dem Kontakt zurück.

Häufig kommt es auch vor, dass die Betroffenen aus Angst vor weiterer Stigmatisierung keine fachliche Unterstützung suchen, etwa eine psychologische Beratung, eine Psychotherapie oder eine psychiatrische Behandlung.

Auf der anderen Seite haben auch manche Ärzte ein eher negatives Bild von psychischen Erkrankungen und ihrer Behandelbarkeit. Das kann dazu führen, dass sie diesen Erkrankungen wenig Beachtung schenken, so dass sie nicht frühzeitig diagnostiziert und behandelt werden können. Es kann auch sein, dass sie Patienten mit psychischen Erkrankungen bei der Schilderung körperlicher Beschwerden nicht ernst nehmen und diese deswegen nicht angemessen behandelt werden.