Psychische Gesundheit fördern und erhalten (Seite 3/9)

Selbstfürsorge und Selbsthilfe

Widerstandsfähigkeit erhöhen sowie Belastungen und Stress reduzieren

Der richtige Umgang mit Stress, die Aktivierung wichtiger persönlicher Ressourcen und auch gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen im Betrieb helfen dabei, psychischen Störungen entgegenzuwirken oder dafür zu sorgen, dass sich keine schweren Störungen entwickeln. Einerseits kann jeder die Widerstandsfähigkeit erhöhen und die eigenen Ressourcen verbessern, andererseits können auch Belastungen und Stress reduziert werden.

Ob jemand eher eine akute Stressreaktion entwickelt, die zu Erschöpfung und Krankheit führen kann, hängt von den persönlichen Voraussetzungen ab. Wenn derjenige die Anforderung, die an ihn herantritt, als negativ bewertet und er über wenig Kompetenzen oder Ressourcen verfügt, sie zu bewältigen, steigt die Wahrscheinlichkeit einer akuten Stressreaktion. Diese Meinung vertritt Gert Kaluza, ein deutscher Psychotherapeut.

Die äußeren und inneren Ressourcen, die man benötigt, um über ausreichend Resilienz zu verfügen, kann und sollte man pflegen.

Äußere Ressourcen sind unter anderem:

  • Das soziale Netzwerk (Partner, Familie, Freund:innen)
  • Arbeit, wenn sie Freude macht
  • Interessen und Hobbys
  • Materielle Dinge
  • Sexualität
  • Wertschätzung durch Kolleg:innen und Vorgesetzte
  • Alltägliche positive Eindrücke und Begegnungen

Innere Ressourcen sind:

  • Positiv bewertete Eigenschaften
  • Fähigkeiten, die beispielsweise Selbstwirksamkeit ermöglichen
  • Eigene Werte, die Orientierung bieten
  • Ziele
  • Eine positive Ausstrahlung
  • Gute Erinnerungen und Erfahrungen

Menschen, denen es schwerfällt, sich abzugrenzen, nehmen ihre eigenen Grenzen zu wenig wahr. Sie können sie nicht klar ziehen, oft auch nicht ausreichend genug verteidigen und mit ihren eigenen Ressourcen vorausschauend umgehen. Spezielle Kurse oder Trainings vermitteln Wissen, besser für sich selbst zu sorgen, die eigenen Bedürfnisse mehr zu erkennen und Strategien zu entwickeln, wie diese auch gestillt werden können.

Selbstfürsorge: Zeit für gute Dinge

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Selbstfürsorge als eine Fähigkeit, Gesundheit zu fördern oder zu erhalten, Krankheit vorzubeugen und mit Krankheit oder Behinderung umzugehen. Im Allgemeinverständnis wird darunter auch verstanden, auf die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen zu achten.

Um auf die eigenen Bedürfnisse eingehen zu können, ist es jedoch notwendig, sie überhaupt zu kennen: Brauche ich mehr Zeit für mich allein? Wann tut es mir gut, in Gesellschaft zu sein? Wie kann ich innerhalb meiner Partnerschaft so für mich sorgen, dass auch meine eigenen Bedürfnisse befriedigt werden? Wie stelle ich einen Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit her? Wie entspanne ich mich am besten? Welchen Sport übe ich gern aus? Wie viel Schlaf brauche ich wirklich? Selbstfürsorge bedeutet also, Verantwortung für sich selbst und das eigene Wohlbefinden zu übernehmen.

Es geht weniger darum, sich ab und zu etwas Gutes wie einen Café- oder Kinobesuch zu gönnen, sondern sich täglich genug Zeit für Dinge zu nehmen, die dabei helfen, gut zu leben und die eigene seelische und körperliche Gesundheit zu verbessern. Eine gute Selbstfürsorge hilft, Stress leichter zu bewältigen und über mehr Energie zu verfügen.
Selbstfürsorge ist eine der Grundlagen für Resilienz. Nur wer sich dessen bewusst ist, dass er selbst zu etwas seinem Glück, Wohlbefinden und seiner Gesundheit beitragen kann, wird ausreichend für sich selbst sorgen.

Selbsthilfe: Initiative ergreifen

Viele wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, wenn es ihnen psychisch plötzlich oder schleichend nicht mehr gut geht. Die meisten fühlen sich dann allein und viele trauen sich nicht, das mit jemandem zu besprechen. Es ist leider gar nicht selten, dass Menschen es über einen sehr langen Zeitraum hinweg schlichtweg ertragen, sich gedrückt und mutlos zu fühlen oder von ihren Ängsten geplagt zu werden. Da nehmen es manche jahrelang hin, nachts nicht mehr richtig schlafen zu können, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass  es ihnen besser gehen darf.

Wem es schwer fällt, seinen eigenen psychischen Zustand richtig einzuschätzen, wer sich nicht traut, seine Probleme mit seinem näheren Umfeld zu besprechen, der kann Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufnehmen. Zu fast jedem Problemkreis haben sich Selbsthilfegruppen gebildet, die erste Ansprechpartner sein können, wenn man Orientierung sucht.

Selbsthilfe bedeutet im Grunde, dass man dazu imstande ist, den eigenen Alltag und die damit verbundenen Herausforderungen selbstständig zu bewältigen. Die gemeinschaftliche Selbsthilfe geht aber darüber hinaus. In einer Selbsthilfegruppe schließen sich Menschen in gleichen Lebenssituationen oder mit gleichen Krankheiten freiwillig zusammen.

Selbsthilfegruppen stellen längst eine wichtige Ergänzung zur Psychotherapie dar. Sie klären Teilnehmer bei Unsicherheiten zum Krankheitswert auf. Sie sind eine Anlaufstelle, wenn es um Informationen zu Hilfsangeboten und Kontaktdaten geht. Sie unterstützen Betroffene dabei, Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz zu überbrücken.

Seit dem Jahr 2018 gestalten beispielsweise die Selbsthilfekoordination Bayern und die Psychotherapeutenkammer Bayern gemeinsam Veranstaltungen, um die Zusammenarbeit zwischen Psychotherapeuten:innen, Selbsthilfekontaktstellen und Selbsthilfegruppen zu unterstützen. Dabei geht es vor allem auch darum, Psychotherapeut:innen über die Arbeit von Selbsthilfegruppen und - kontaktstellen zu informieren und Anregungen zu geben, wie Selbsthilfe für Patient:innen nutzbar gemacht werden kann und wie Psychotherapie und Selbsthilfe zusammenarbeiten können.

Selbsthilfegruppen bieten Betroffenen die Möglichkeit, sich offen über ihre Erfahrungen, Probleme, aber auch Erfolge auszutauschen. Da alle Gruppenmitglieder unter dem gleichen Problem leiden, weiß jeder genau, wovon der Einzelne spricht. Viele Menschen fühlen sich in einer Selbsthilfegruppe zum ersten Mal im Leben wirklich verstanden.

Durch die regelmäßigen Treffen empfinden sich Betroffene weniger isoliert und einsam. Neben den regelmäßigen Gruppentreffen können sich auch gemeinsame Aktivitäten und private Kontakte entwickeln. Außerdem bekommen viele durch die Gruppe ganz konkrete praktische Unterstützung.

Dass Selbsthilfe eine große Wirkung erzielen kann, ist wissenschaftlich belegt. Im Rahmen der vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten SHILD-Studie beispielsweise wurden zwischen den Jahren 2012 und 2018 rund 5000 Mitglieder von Selbsthilfegruppen befragt. SHILD steht für Suchtselbsthilfe in Deutschland. Fragen waren unter anderem, wie die Selbsthilfe auf sie wirkt, welche Ziele sie verfolgen und wer überhaupt Selbsthilfegruppen besucht. So gaben acht von zehn Befragten an, sie seien dank der Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe motivierter und zuversichtlicher, was den Umgang mit ihrer Krankheit angeht. Die Studie können Sie herunterladen.

In einer Selbsthilfegruppe erfahren Teilnehmer emotionale Unterstützung und Zuversicht in schwierigen Situationen. Der Austausch in der Gruppe kann das Selbstwertgefühl und den Zusammenhalt stärken.

  • Erfahrene Teilnehmer:innen geben ihre Laienkompetenz weiter.
  • In der Gruppe können sich die Teilnehmer:innen offen über Behandlungsmethoden, Medikamente, Hilfsmittel, Therapien oder über Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen austauschen.
  • Der regelmäßige Austausch in der Gruppe führt zu einem besseren Umgang mit den Problemen oder der Erkrankung im Alltag. Die Teilnehmer:innen fühlen sich kompetenter, mit Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen über ihr Anliegen zu sprechen.
  • Das Aufgehobensein in der Gruppe und der Kontakt zu Ansprechpartnern, von denen man sich wirklich verstanden fühlt, heben die soziale Isolation auf, unter der viele Betroffene leiden.
  • Häufig verbessert sich der Gesundheitszustand von Teilnehmer:innen einer Selbsthilfegruppe.

Erst mal online in ein Selbsthilfe-Angebot reinschnuppern

Wer sich nicht gleich persönlich in einer Selbsthilfegruppe vorstellen möchte, kann auch im Internet zunächst virtuell einer Gruppe beitreten oder sich in Foren kundig machen. Betroffene können Fragen stellen oder mitdiskutieren, wenn ein moderierter Chat (Unterhaltung per Text im Internet) zu bestimmten Themen angeboten wird.